Wanne-Eickel-Historie


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Geschichte

Verstärkung mit dem Bäckerwagen von Dröge aus Höntrop geholt


Mit der Ernennung des Stadtparlaments war ein entscheidender Schritt nach vorne getan, obwohl es naturgemäß noch zu früh war, in diesem Zusammenhang von Demokratie zu reden. Die Militärregierung selbst betrachtete die Berufung von Vertretern der Parteien nur als Vorstufe. So hieß es jedenfalls in dem „persönlichen Aufruf“ Montgomerys, der der Parlamentsbildung vorausging. In demselben Aufruf hatte Montgomery auch das Verbot der Verbrüderung mit Deutschen gelockert.

Immerhin sah die Bilanz, als die Stadtvertreter ihr Amt antraten, nicht mehr ganz so düster aus. Es gab eine funktionsfähige Verwaltung, die auf verschiedenen Gebieten bereits zur Eigeninitiative übergegangen war. So wurde beispielsweise ein „Stadtbauplan“ als Wettbewerb unter heimischen Architekten ausgeschrieben. Man suchte einen Wohnhaustyp (zwei Zimmer, Küche und Badezimmer), der aus Baumaterial, das verfügbar war, errichtet werden konnte. Die Verwaltung dachte dabei an die Herstellung von Zementblöcken aus Trümmerschutt. Er sollte in die Außenbezirke geschafft werden. „Die Lücken, die im Zentrum entstehen, sollen später bebaut werden“, so hieß es in den Bedingungen.


Häuserzeilen der Rathausstraße in Höhe der Kolpingstraße, aufgenommen im Februar 1950. Die Häuser wurden im „Schüttbau“ Verfahren errichtet.


Die Ausländer waren bis auf einige Polen abgezogen. Den Polen wurde selber die Entscheidung überlassen, ob sie in ihre Heimat zurückkehren wollten, und nicht alle hatten sich dafür entschieden. Die Bevölkerung hatte für die Fremdarbeiter sogar noch eine Kleidersammlung organisiert und dabei über 1000 Anzüge, rund 500 Paar Schuhe, 1100 Handtücher, Zahnbürsten, Tassen, Messer, Gabeln und anderes mehr zusammengetragen.

Bei der Post lief der Betrieb fast wieder normal. Lediglich Zensurbestimmungen mussten beachtet werden, und die Dauer der Ferngespräche war auf sechs Minuten beschränkt.

Für die Bevölkerung gab es zusätzlich zwei Zentner Kohleabfall, weil man hier keine Gelegenheit zum Holzsammeln hatte. Das war ein dankbar begrüßtes Zugeständnis, auch wenn der Abtransport recht mühsam war. Man durfte nämlich nur Kiepe, Handkarre oder bestenfalls ein Pferdegespann benutzen. Benzinfahrzeuge durften nicht eingesetzt werden.

Erhebliche Fortschritte waren nicht zuletzt im Hauptbahnhof gemacht worden. Mitte August sah der südliche Bereich noch wie ein kilometerlanger Waggonfriedhof aus. Dann begann ein 45-Tonnen-Kran damit, die noch brauchbaren Wagen aus der Umklammerung der zerschossenen und zerbrochenen zu lösen und auf die Schienen zu stellen. Zwischen Wanne-Eickel und Haltern wurden die 20 zerstörten Brücken repariert. Die Köln-Mindener Linie, einige Monate lang nur für Besatzungszüge frei, konnte wieder Zivilverkehr übernehmen. Seit dem 10. September verkehrte sogar wieder ein D-Zug-Paar zwischen Braunschweig und Duisburg über Wanne-Eickel.

Doch es kündigte sich für das Parlament bereits neue große Aufgaben an. Am 7. November hatten die Besatzungsmächte ein Reparationsamt gebildet, das kurz darauf die ersten Listen von Unternehmen veröffentlichte, die demontiert werden sollten. Wird auch unsere Stadt betroffen? Noch war kein Betrieb genannt.

Seit September wusste man auch, dass die britische Zone 1,7 Millionen Flüchtlinge aufzunehmen hatte. Im Dezember warteten viele davon bereits in den Auffanglagern auf Unterkünfte in den Städten. Ein Befehl der Militärregierung hing mit dem zu erwartenden Flüchtlingsstrom zusammen. Umzüge ohne Genehmigung waren ab 1. Dezember verboten. Die Hausbesitzer durften niemanden mehr aufnehmen, wenn er nicht die Genehmigung zum Wohnungswechsel vorzeigen konnte. Von nun an mussten außerdem die Bewohner in einem Verzeichnis aufgeführt werden, das sichtbar für jedermann an der Haustür anzubringen war.

Am 5. Dezember 1945, einen Tag nach der Stadtverordnetensitzung, kam zur Abwechslung wieder einmal eine erfreuliche Anordnung heraus. Sie wurde von Sportvereinen bereits sehnlichste erwartet. Sportliche Veranstaltungen waren jetzt nicht mehr genehmigungspflichtig, die Gründung von Sportvereinen nicht mehr an Bedingungen geknüpft. Die Sportler in unserer Stadt hatten jedoch die Zeit davor bereits fleißig genutzt. In Röhlinghausen rührten sich die Fußballer zuerst. Doch wegen der vielen Bombentrichter am Strathmannshof kam man noch nicht zum Spielen. Der Preußenplatz war eher glatt. Hier trug Schalke 04 mit Szepan und Kuzorra sein erstes Nachkriegsspiel aus. Es war am 22. Juli. Tausende von Zuschauern strömten aus allen Richtungen herbei. Gegner der Schalker war eine Wanne-Eickeler Stadtauswahl, in der allerdings mehr auswärtige Spieler standen als einheimische. Die einheimischen kamen in der Mehrzahl aus Röhlinghausen. Zur Verstärkung wurden andere herangeholt. Klaus Timpert wurde mit dem Bäckerwagen von Dröge aus Höntrop herangefahren. Die Schalker gewannen 7:1.


Die Meistermanschaft von SV Preußen Wanne 04 im Meisterjahr 1947/48. Sie wurde unter dem Trainer Fritz Silken Westdeutscher Pokalsieger. Zu erkennen sind: fünfter von links, Bax (später Rektor an der Dorneburg Schule, er war kriegsversehrt ihm fehlte der linke Arm), dritter von rechts, Reichert (später Direktor bei der Bauunternehmung Heitkamp). Die Aufnahme entstand auf dem Preußenplatz, im Hintergrund zu erkennen, die Häuser der Stöckstraße.

Schon eine Woche später umsäumten wieder Tausende den Preußenplatz. Da spielte Preußen 04 Wanne gegen Union 1910 Gelsenkirchen. Die Gäste siegten 3:0.

Auch bei den Handballern rührte es sich schon im Sommer. Das Spiel TC Wanne gegen Tus Holsterhausen war das erste Handballspiel in Westfalen überhaupt. Es wurde am 5. August ebenfalls auf dem Preußenplatz vor einer enorm großen Zuschauerkulisse ausgetragen. Sieger wurde mit 11:5 der Turnclub.

Im September begann von der Stadt her die planmäßige Förderung des sportlichen Wiederaufbaus. Friedrich Steffen war der zuständige Mann. Einflüsse kamen ab Herbst auch von der Arnsberger Regierung. Sie nahm die Einteilung des Regierungsbezirks im Sportkreis vor. So entstanden im Oktober fünf Kreisverbände. Wanne-Eickel gehörte zusammen mit Dortmund, Castrop-Rauxel, Herne, Bochum, Wattenscheid und Witten zum Kreis 1.

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Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Schicksalsjahre unserer Stadt.
Nach einer Serie der WAZ zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 2005. S. 156 ff.

Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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