Wanne-Eickel-Historie


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Was es heiß im Krieg ein Kind zu sein

Geschichte

Was es hieß, im Krieg ein Kind zu sein


Brigitte Unterberg, 1962 WAZ-Reporterin, ist in Röhlinghausen an der Tiefenbruchstraße aufgewachsen, ging zur Görresschule und lebt heute mit ihrer Familie in Witten. Sie schildert Erlebnisse aus ihrer Schulzeit. Sie hat in der WAZ-Serie "Nacht über Wanne-Eickel" u.a. niedergeschrieben, was es heißt, im Krieg ein Kind zu sein. Was bei den bisherigen Schilderungen vielleicht noch nicht erkennbar geworden ist, wird hier offenbar: Die Wirkung der Kriegsereignisse auf Menschen, besonders auf die Seele eines Kindes. "Jeder Röhlinghauser weiß noch, dass das am 7. September 1941 über Wanne-Eickel abgeschossene Flugzeug an der Bochumer Straße in Höhe der Barbarastraße herunterkam. Wir, die Kinder der Görresschule, haben das Blut eines englischen Fliegers an der Schulhofmauer und auf dem Bürgersteig gesehen! Einen Augenblick standen wir starr. Dann reckte sich einer von den Pimpfen betont forsch und schnarrte: ´Toll, wie sie den runtergeholt haben.´ Da geschah es. Ich sah, wie die Faust bei Karl, unserem Allerweltskerl, langsam aus der Hosentasche kam. Dann schlenderte er an dem Pimpf vorbei, stolperte kunstgerecht und stieß ihn brutal in die blutige Lache. ´Pass doch auf´, rief der, nun muss ich mich wahrhaftig noch waschen.´ Und rieb sich sorgfältig die Flecken ab. Ich wollte ihn dafür hassen. Und vergaß es nach Art der Kinder bald. Das Erlebnis aber blieb so furchtbar, dass ich später manches Widerwärtige im Leben daran gemessen milde fand. Und wieder war ich entsetzlich viel älter, als mir den Jahren nach zustand. Einer aus unserem Haus hatte den Bomber wie eine Fackel stürzen sehen, brach in einem Schreikampf zusammen und redete seitdem mit fanatischer Hartnäckigkeit Abend für Abend davon.

Da hielten wir es nicht länger aus. Wir suchten einen neuen Unterschlupf. Bis zum nächsten Bunker an der katholischen Kirche, Westfalenstraße, schien es uns noch zu weit. Aber was wir dann fanden, war doch noch schlimmer. Einige Männer hoben Auf der Wilbe den Deckel von einem Abwasserkanal hoch. Gähnendes schwarzes Loch, in dem die Lichtkugel einer Taschenlampe irrte. Aber sie stopften eine Schlange Menschen hinein. Einer nach dem anderen. Stiege für Stiege, schweigend und hastig, schon fast wie tot. Uns Kinder saß das Grauen im Nacken. Ich dachte, ich würde schreien. Doch ich angelte schon mit den Füßen die Sprossen. Der trott ist doch leichter als Weigerungen, die nichts fruchten. Als wir unten saßen, waren wir froh, einen Bahndamm über dem Kopf zu haben, den, so hofften wir, eine Bombe nicht gänzlich durchbohren konnte. ´Aber es stinkt hier, Mama...´ ´Das musst du ertragen!´ ´Aber es ist auch so dunkel...´ ´Besser als die Scheinwerfer der Flak!´ ´Und der Schlamm... und die...´ ´Setz dich aufs Rohr und rede nicht weiter!´

Unfassbar der Gleichmut? Die Strenge in einer so unglücklichen Lage? Später wurde der Abwasserkanal ausgebaut und auch ein Notausgang geschaffen. Uns hätte eine einzige Bombe im Schacht wie eine maus in ihrem Loch ausräuchern können. Ich las später Graham Greenes ´Der dritte Mann´ und sah Orson Welles in der Filmtitelrolle in den Schächten der Wiener Innenstadt untertauchen. - Kann mich nicht erregen! - Alles schon gehabt. Mitten in Röhlinghausen, in unserem Stadtteil."








Das Umfeld der Barbarakirche
in Röhlinghausen wurde
immer wieder zum Ziel
verheerender Luftangriffe.


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Quelle: Auszüge aus der WAZ vom 8. März 1962 Lührig, Heinrich Schmitz, Gerhard: Röhlinghausen Wanne-Eickel III Geschichte und Geschichten aus einem Stadtteil der südlichen Emscherregion Erlauscht und erlebt, gesammelt und nacherzählt. S. 174 ff.

Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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