Wanne-Eickel-Historie


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Walter Neusel

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Walter Neusel der "blonde Tiger" von der Dorneburg


"Es war einmal..." so beginnen viele Märchen, so auch der steile Aufstieg eines Boxidols aus den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Denn Wanne-Eickel war in dieser Zeit Hochburg des westfälischen Amateur-Boxsports. An jene glorreiche Zeit erinnern heute noch bekannte Namen wie Erich Bergenstroth, Karl Wentzek, Erich Pries, Alfred Schweika und Vinzenz Juskiewicz, genannt "Jumbo".

Zu ihnen zählte auch Walter Neusel, der am 25. November 1907 in Bochum das Licht der Welt erblickte, aber schon im zarten alter von sieben Wochen nach Eickel an die Dorneburg umzog, wo die Eltern eine Bäckerei und ein Lebensmittelgeschäft betrieben. Durch den frühen Tod seines Vater half der schlacksige Jüngling recht früh seiner Mutter und fuhr mit einem Pferdefuhrwerk Brot und Backwaren durch die Zechenkolonien. Mit Sport hatte er bis dahin nichts im Sinn.

Dies änderte sich aber schlagartig nachdem ihn Nachbar "Onkel Ernst" auf seine körperlichen Qualitäten aufmerksam machte und den Jungen davon überzeugte, der geborene Boxer zu sein. Und so erschien der 1,86 Meter große und 203 Pfund schwere Walter Neusel eines Tages im Juni 1927 im Schulte-Bergeschen Saal an der Hindenburgstraße, (heute Hauptstraße) um sich beim Box-Sport-Klub 1926 vorzustellen. Nach ein paar Faustkämpfen im Ring wechselte er dann zu den Boxfreunden Heros Eickel. Hier bestritt er im Frühjahr 1928 den Endkampf um die Deutsche Westfalenmeisterschaft gegen Woermann aus Münster, die er allerdings nach Punkten verlor. Ein Jahr später gelang ihm die Revanche, und weil dies zur damaligen Zeit so üblich war, setzte er sich in einem weiteren Kampf am Abend im Bochumer Schützenhof gleich noch gegen den Dortmunder Hölscher durch. Alle drei Kämpfe bestritt Walter Neusel schon als Mitglied des Bochumer BSK 19, an den er verramscht worden war.

Walter Neusel (der Größte unter den Stehenden) in der Staffel der
Boxfreunde Heros aus Eickel bei einer Amateurveranstaltung 1927 in Wanne-Eickel.

Walter Neusel im Jahre 1928, Boxfreunde Heros Eickel.

Walter Neusel Westfalenmeister der Deutschen Amateurboxer 1929.

Als frischgebackene Westfalenmeister war Walter Neusel Ostern 1929 in Dortmund zu den Deutschen Amateurboxer- Meisterschaften nur Außenseiter. Nach ersten erfolgreich absolvierten Kämpfen stand er allerdings schnell im Mittelpunkt des Box-Interesses. Er hatte sich sowohl gegen Adolf Heuser aus Bonn, einem später gefürchteten Profi-Boxer, den aus Hannover stammenden Lücke und den Favoriten aus Danzig, Haase klar nach Punkten im Ring durchgesetzt. Fortan war vor allem seine "steife Linke mit der gestauten Kraft" bei den Gegnern gefürchtet und beim Boxpublikum geschätzt. Die "steife Linke" holte er sich bei einer rasanten Abfahrt auf dem Untergestell eines Kinderwagens vom Sandberg an der damaligen Oststraße (heute Am Freibad). Vom Untergestell stürzte er herab und brach sich den Arm, der fortan steif blieb.


Die Zeitung am 18. Januar 1933 berichtet über den "blonden Tiger".

Nachdem Schmeling die Kämpfe Neusels in Dortmund beobachtet hatte, setzte er nach der Siegerehrung in der Westfalenhalle die Beurteilung: "Ein Diamant - aber noch ungeschliffen" auf die Urkunde des neuen Schwergewichtsmeisters. Zu diesem Zeitpunkt hat Max Schmeling gewiss noch nicht daran gedacht, dass Walter Neusel einmal für ihn der gefährliche Konkurrent sein würde. In der Folgezeit boxte Walter Neusel fünfmal mit Erfolg in der Nationalmannschaft. (Irland, Dänemark, Norwegen, Italien und Polen) Bei seinem ersten Länderkampf gegen Irland wurde er im Auftrag von Profi-Manager Paul Damski vom späteren Olympiatrainer Joe Dirksen unter die Lupe genommen. Dessen Meinung zu Neusel war: "Alte Pflaume, vollgefressener Sack, es lässt sich aber was daraus machen." Ein Urteil, mit dem Joe Dirksen Recht behalten sollte. Im Jahre 1930 wurde Walter Neusel Berufsboxer. Unter dem Profi-Manager Paul Damski wurde der Dorneburger Junge schnell bekannt. Selbst im fernen Amerika, wo man ihn wegen seines draufgängerischen Kampfstils "blonder Tiger" nannte, kam er schnell zu Erfolgen. Er setzte sich gegen so Klasseboxer wie "Fischkönig" Levinski aus Chicago, den Superschwergewichtler Ray Impelletier und Ex-Weltmeister Tommy Lougrhan durch. Außer Ruhm und Ehre brachte er aus Amerika allerdings nichts mit, als er 1934 für kurze Zeit nach Deutschland zurückkehrte.

Bei den Kampfabschlüssen verlangten die prominenten Gegner von dem Emporkömmling nämlich eine Börsengarantie auf prozentualer Basis, und wurde diese bei der Abrechnung nicht erreicht, dann musste der "blonde Tiger" von seinem Anteil zuschießen. Einmal blieben ihm nach einen Kampf ganze 3,19 Dollar. Dieser Mini-Scheck hing - unter Glas gerahmt - lange im Office des Madison Square Garden in New York als Kuriosum neben dem Mammutscheck, den Weltmeister Gene Tunny nach dem zweiten Sieg über seinen Vorgänger Jack Dempsey erhalten hatte.

Wieder im Lande, wollte der "hungrige" Heimkehrer unbedingt sein erstes große Geld machen. Der Großpromotor Walter Rothenburg, genannt Wero, schaltete sich ein und bot ihm für den Kampf gegen Max Schmeling in Hamburg 63 800 Mark Festbörse. Da gab es für Walter Neusel kein Zaudern. Dem Ex-Weltmeister, der unbedingt die Frage geklärt haben wollte, wer "Deutschlands Größter im Seilgeviert" sei, wurde ein Drittel der Einnahmen nach Abzug der Gesamtkosten zugesichert. Schmeling schnitt im Endeffekt besser als sein Konkurrent ab.

Am 26. August 1934 startete Deutschlands "größter Boxkampf". Mehr als 80 000 Zuschauer umlagerten den Ring auf der Dirt-Track-Rennbahn in Hamburg-Lockstedt.

Eintrittskarte:
Sonntag, 26. August 1934, Hamburg, Dirt Track-Arena
Schmelling - Neusel.

Vor dem Kampf in Hamburg: Max Schmelling (links), Veranstalter Walter Rothenburg und Walter Neusel.


Schmeling : Alter: 28 Jahre; Gewicht 172 Pfund; Größe 185,5 Meter
Neusel: Alter: 26 Jahre; Gewicht 177 Pfund; Größe 1,910 Meter

Es war das Fest der Fäuste. Die größere Erfahrung setzte sich durch. Die Ruhe und die Gelassenheit des Ex-Weltmeisters und die Genauigkeit seiner Schläge gaben den Ausschlag. Nach einer schon in der 1. Runde erlittenen Platzwunde über dem Auge wurde Neusel nervös, seine meist zu ungestümen Angriffe blockte der Gegner Schmeling geschickt ab. Bei aller Tapferkeit geriet der Westfale ins Hintertreffen. Nach acht Runden sprach man schon von einer klaren Angelegenheit für Schmeling. Dennoch kam das vorzeitige Ende überraschend. Beim Gong zur 9. Runde blieb der in Amerika so groß herausgekommene "blonde Tiger" auf seinen Hocker sitzen. Die Augenbraunverletzung hatte ihn mürbe gemacht und deprimiert.

Aus und vorbei! Zur großen Enttäuschung der vielen Neusel-Anhänger aus dem Ruhrgebiet, die teils in Radfahrgruppen, überwiegend jedoch mit Omnibussen zum "Tor der Welt" gekommen waren. Der größte Kummer über die Niederlage ihres Idols herrschte bei seinen Wanne-Eickeler Freunden, die im Gänsemarsch in die Arena eingezogen waren. Hoffnungsvoll und schon in Siegesstimmung, Fähnchen in den Stadtfarben gelb-schwarz-gelb mit Aufschrift NEUSEL in den Händen. Als sie wieder abzogen, war es eher ein Trauermarsch.

Nach dieser Niederlage gegen Max Schmeling ging Walter Neusel für einige Zeit nach England. Insgesamt bestritt Walter Neusel in seiner 20 jährigen Profilaufbahn 90 Kämpfe, darunter neun Meisterschaften. Den Deutschen Meistergürtel holte er sich von Arno Kölbin. Die letzte Herausforderung in der langen Reihe erfolgreicher Kämpfe stand 1946 an, als er gegen Hein ten Hoff um die Spitze des Schwergewichts boxte. Weder beim ersten Kampf noch bei der Revanche gelang Neusel ein Sieg. Zur Revanche gegen Schmeling kam es recht spät, erst am 23. Mai 1948. Abermals war Hamburg der Kampfort. Walter Neusel gewann den "Veteranenkampf" vor 40 000 begeisterten Zuschauern nach Punkten und holte sich seine "Haare" wieder.

Sportprogramm, 23. Mai 1948.

Offizielles Box-Programm, 23. Mai 1948.

Langsam aber deutlich machte sich auch das Alter bemerkbar. Immerhin bestritt der "blonde Tiger" von der Dorneburg noch im Alter von 43 Jahren, inzwischen an den Schläfen schon ergraut, 1950 einen Kampf gegen Conny Rux, den er durch K.O. verlor. Schließlich hängte Walter Neusel die Boxhandschuh an den Nagel und wurde Gastwirt in Berlin. Sein Lokal hieß beziehungsreich "Zum blonden Tiger". Dem Boxsport blieb er lange Zeit noch als Berichterstatter am Boxring treu (im Haus der Deutschen Geschichte in Bonn belegen Fotos diese Tätigkeit). Das Leben Walter Neusels beendete ein Herzinfarkt am 7. Oktober 1964 in seiner Berliner Gaststätte "Zum blonden Tiger".


1950 einen Kampf gegen Conny Rux.

Besuch bei Freunden am Eickeler Markt vor der Konditorei Fritz Tewes (recht im Bild).

In der Erinnerung vieler Freunde ist das Wanne-Eickeler Boxidol Walter Neusel bis auf den heutigen Tag lebendig geblieben.

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Quelle: Aufzeichnungen von Fritz Bettin Mitglied der Boxfreunde Heros Eickel
WAZ-Beilage BWZ vom August 1983
Unsere Stadt Ausgabe 1988
Fotoveröffentlichung: Mit Genehmigung durch: Kai Uwe Großjohann, Deutschen Boxmuseums Oberhausen.


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