Wanne-Eickel-Historie


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Waffenverbot bringt Kaninchen fette Tage

Geschichte

Kampf gegen Wühlmäuse mit Rauchpatronen


Im Stadtgarten gehörten auch die Kaninchen zu den nächtlichen Übeltätern. Sie traten 1945 in ganzen Scharen auf, weil ja niemand eine Flinte hatte, um sie abzuschießen. Die Waffen lagen unter Verschluss im Rathaus. Bei dem reichhaltigen Angebot wurden die Wildkaninchen fett. Mancher Kleingärtner dachte damals: „Die müsste man im Topf haben.“ An Jagderlaubnisscheine war aber 1945 noch nicht zu denken.

Die Bevölkerung griff, soweit sich irgendwo ein Fleckchen bebauen ließ, zum Spaten. Im Zuge dieser Aktivität wurde auch Brachland in Gartenland umgewandelt. Die Königsgrube vergab Land im Bereich der Jägerstraße. Westlich der Gräfte des Hauses Muckenheim stellte Stadtinspektor Cox vom Bauamt Walter Niklas aus der Burgstraße anheim, das Land an Interessenten aufzuteilen. Pächter war eigentlich Bauer E. Schulte. Er hatte es bis Kriegsende selbst bebaut, seit seiner Ermordung aber lag es brach. Die Nachbarn von Walter Niklas zeigten sich sofort interessiert.


Der Aufbau hat begonnen; auf dem Grundstück Plutostraße 132. Auf der Mauer zu sehen, von links: Gerhard Dieckmann, unbekannte Person, Herbert Maibaum mit Hund, Renate Rudnik, unbekannte Person, Vater Rudnik, aufgenommen 1949.


Stadtbaurat Neuhaus unterstützte solche Bemühungen. Gelegentlich sagte er: „Auch die Militärregierung begrüßt jede Initiative, die zur Besserung der Ernährungslage beiträgt“.

Das städtische Land am Haus Muckenheim wurde etwa unter 25 Interessenten aus der Burgstraße und aus dem Eickeler Bruch aufgeteilt. Walter Niklas bekam noch nach 15 Jahren nachträglich einen Schrecken, als er erfuhr, dass er unmittelbar über einem Bombenblindgänger geackert hatte. Er hatte daneben Pflöcke wegen der Stangenbohnen eingeschlagen und gehämmert.

Die Plage, die im Stadtgarten von den Kaninchen ausgingen, ging auf den vormals brach liegenden Flächen von Wühlmäusen aus. An der Burgstraße wurden zur Bekämpfung sogar Rauchpatronen ausgelegt.

Der 17. September 1945 wurde für das Stickstoffwerk in Holsterhausen zum Tag des Neubeginns. Die Anlage lag seit dem Bombenangriff vom 17. Januar 1945 still. Damit fehlte die größte Produktionsstätte für Düngemittel in unserem Gebiet. Vergeblich fragten Bauern und Gärtner nach Kunstdünger, denn die Ländereien waren ausgelaugt. Im Stickstoffwerk gab es nicht einmal Restbestände. Sie waren durch den Regen in der zerstörten Lagerhalle verdorben worden. Zum Neubeginn der Produktion fehlte die Rohstoffbasis. Die Shamrock-Kokerei als wichtigster Zubringer war zerstört. Nach Wiederaufnahme der Arbeit sprang deshalb im bescheidenen Maße zunächst die Herner Zeche Shamrock 1-2 ein. Nur 2500 Tonnen Stickstoff konnte bis Ende 1945 hergestellt werden. Betriebsangehörige erhielten Düngesalz als Deputat, wenn sie nachwiesen, dass sie Kleingärtner waren oder Grabeland besaßen.

Die Betriebsräte von Shamrock 3-4, die schon im Sommer 1945 zur Besserung der Ernährungslage Kartoffeln und anderes organisiert hatten, verwendeten zum Kungeln Rohprodukte aus der Kokerei, die als Dünger verwendbar waren.

In kleinen Mengen wurde aus Koksgas auch Methan und Treibgas gewonnen, das in der benzinarmen Zeit bei Kraftfahrern gefragt war. Im Eickeler Treibstoffwerk rührte sich im Herbst 1945 noch nichts. Hier lag vorerst noch alles brach, weil die Zerstörungen allzu groß waren.

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Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Schicksalsjahre unserer Stadt.
Nach einer Serie der WAZ zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 2005. S. 136 ff.

Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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