Wanne-Eickel-Historie


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Vor Russen aus dem Fenster gesprungen

Geschichte

Bei Knierim ist Licht: „Lasst mich rein!“


Es war gegen 1 Uhr nachts, als die Bewohner des Hauses Günnigfelder Straße 18 alarmiert wurden. Fahrsteiger Fritz Helwig von der Zeche Königsgrube, der parterre wohnte, wurde durch Schreie und einen heftigen Knall aus dem Schlaf gerissen. Was ist passiert? Kurz darauf kam Frau Juli, die Frau des Grubensteigers August Juli, die in der ersten Etage wohnte, aufgeregt die Treppe heruntergerannt. „Russen sind im Haus. Mein Mann ist durchs Fenster gesprungen.“ Sie konnte vor Aufregung kaum sprechen.

Es waren in der Tat Russen im Haus, drei Mann, vermutlich dieselben, die vorher an Obersteiger Hempel Rache genommen hatten. Sie kamen nicht gerade leise ins Haus. Laut polterten sie die Treppe hinauf, darunter ein großer schlanker Mann mit einer Narbe im Gesicht. Die Eheleute Juli hörten den Lärm und ahnten nichts Gutes. Doch zuerst ging die Tür bei den Eheleuten Riddersen auf, die ebenfalls in der ersten Etage wohnten. Doch der Mann mit der Narbe hatte sich nur in der Tür geirrt. Als er Frau Riddersen sah, wusste er gleich Bescheid: „Du nicht Frau Juli.“ Das alles bekam Frau Juli mit. Und als sie zur Tür eilte, um nachzusehen, prallte sie gleich mit dem ersten Eindringling zusammen. „Du Frau Juli“, sagte er befriedigt, und fragte: „Wo ist Mann?“

Steiger Juli war im Schlafzimmer. Er erkannte sofort die Gefahr und sprang im Schlafanzug durch das Fenster auf die Straße. Als der Russe die Flucht bemerkte, lief er mit gezogenem Revolver durchs Schlafzimmer an Fenster. Ersah Steiger Juli unten auf dem Boden liegen. Er hatte sich beim Fenstersprung am Knie verletzt und war gerade dabei, sich wieder hochzurappeln. Doch ehe er vom Fleck kam, drückte der Mann hinter ihm ab. Ein Schuss durchbohrte seine Lunge. Trotz der schweren Verletzung, Juli schleppte sich weiter. Er lief über den Friedhof der Pfarrei St. Barbara, dann ein Stück durch den Königsgruber Park und weiter durch Gärten an den Koloniehäusern. Dann sah er, dass im Hause Günnigfelder Straße 14 noch Licht brannte. Dort wohnte Schachtmeister Wilhelm Knierim. Knierim wollte sich gerade ins Bett legen, als er von draußen Geräusche hörte. Und dann hörte er Julis Stimme: Willi, lass mich rein!“

Die Nacht war klar. Durch das kleine Fenster zum Hof sah er unten seinen Nachbarn in einem erbarmungswürdigen Zustand. Er war im Schlafanzug von oben bis unten blutbefleckt. Knierim holte ihn sofort ins Haus. Seiner Frau rief er hastig zu: „Mach das Licht aus“. Dann betteten die Eheleute den Nachbarn aufs Sofa. Zum Glück war der Verbandskasten aus der Luftschutzzeit noch gefüllt. An den Schusswunden sickerte Blut. Rund 15 Päckchen Verbandszeug wurden gebraucht, um das Blut einigermaßen zu stillen. Draußen suchten inzwischen Fahrsteiger Fritz Helwig das Gelände ab, in der Hoffnung, Juli irgendwo zu finden. Dass er verwundet sein musste, das hatte er an den Blutspuren gesehen. Helwig suchte hinter den Grabsteinen und in den Gärten, doch er kehrte unverrichteter Dinge zurück. Und mit ihm die Ungewissheit, vor allem für Frau Juli. Endlich, gegen 4 Uhr, kam Nachricht. Nachbar Knierim fand sich ein und berichtete, dass Juli bei ihm verbunden auf dem Sofa liegt. Helwig begleitete Knierim zurück in die Wohnung. Als der Verwundete die beiden sah, machte er einen versuch aufzustehen. Er wollte nach Hause. Die beiden mussten ihm das ausreden. Hier gab es keine andere Möglichkeit, als das Ende der Sperrzeit abzuwarten.

Gleich in den frühen Morgenstunden bat Knierim seinen Nachbarn Fritz Friedrich, von der Zeche eine Bahre und einen Wagen zu holen. Doch Betriebsführer Böcker hatte weder das eine noch das andere, nur die Nachricht, dass Hempel ebenfalls überfallen worden ist und nicht mehr am Leben sei. Friedrich und Tripinski trieben dann einen zweirädrigen Handwagen beim Stuckgeschäft Stevens an der Bochumer Straße auf. Damit transportierten sie zusammen mit Helwig und Knierim den verletzten Fahrsteiger Juli ins St.-Anna-Hospital. Auch Frau Juli begleitete besorgt den Transport. Man hatte Juli völlig in Decken gehüllt. Unterwegs versuchte er einmal, seinen Kopf aus der Decke zu strecken, vielleicht, um Luft zu schöpfen oder auch nur, zu sehen wohin es ging. Doch allzu viele Passanten waren auf der Straße. Und als Knierim Ausländer sah, rief er schnell: August, Kopf weg, Ukrainer kommen.“ Danach war der Kopf schnell wieder unter der Decke verschwunden.

Der Transport kam gut im St. Anna-Hospital an. Doch die Gefahr war noch nicht vorbei, weil auch im St. Anna-Hospital Ausländer lagen und oft Besuch bekamen. Und man wusste, dass ihr Nachrichtendienst klappte. So blieb Juli nur zwei Tage und wurde dann in ein Bochumer Krankenhaus gebracht, wo er seiner Genesung entgegensah.


Das St. Anna Hostpital war damals ein kleines Haus. Die Bettenzahl war von 1939 bis 1951 von 220 auf 275 Betten gestiegen. Man Beschäftigte neben den beiden Chefärzten zwei Oberärzte und vier Assistenzärzte. Erst 1953 begann man mit den weitreichenden baulichen Maßnahmen. Eine Zeit ständiger Baustellen begann.










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Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Schicksalsjahre unserer Stadt. Nach einer Serie der WAZ zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 2005. S. 44 ff.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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