Wanne-Eickel-Historie


Direkt zum Seiteninhalt

Volkshaus Röhlinghausen

Gebäude

Vom Bauernhof zur öffentlichen Begegnungstätte - Volkshaus Röhlinghausen


Ein stolzer Vertreter vergangener Zeiten war bis in die Bombennächte des Zweiten Weltkrieges hinein der Stratmanns Hof, der sich dort befand, wo heute das Röhlinghauser Volkshaus steht. Das alte Bauernhaus im Fachwerkstill, das am 6. November 1944 durch Brandbomben zerstört wurde, stammt aus dem Jahre 1812. Eine gut erhaltene Inschrift auf einem Torbalken aus dieser Zeit lautete:

Joh. Wilh. König genannt Strathmann
Maria Sibil E. L. T.
M. J. D. R. Probst im Wilhelm F. B.
d. 7. April Anno 1812.


Schütz uns hinfort bei Feuersglut,
bewahre Leib und Leben,
sei Rat und Tat, gib guten Mut,
wenn in Gefahr wir schweben.
Je größer oftmals wird die Not,
je näher seist Du uns, o Gott,
lösch aus, was sonst uns brannt.


Joh. Diedr. Strathmann,
Anna Clara Brunstein.


Laß uns bei Nacht- und Tagzeit nicht
Ohne Not erschrecken.
Wach über uns in Gnad und Gunst,
sonst wacht der Wächter gar umsonst.


Ansicht des Stratmanns Hof um 1910.

Der Stratmanns Hof spielte in den vergangenen Jahrhunderten in Röhlinghausen eine bedeutende Rolle. Um 1800 hielt man auf dem Stratmanns Hof noch das He(r)verdunker Hofgericht (war ein mit eigenen Rechten ausgestatteter freier Reichshof) ab. Alle anfallenden Streitsachen aus der Bauernschaft wurden hier verhandelt und entschieden.

Der Stratmanns Hof gehörte zum Reichshof Herbede, der wiederum dem Kloster Deutz pflichtig war. Auf dem Stratmanns Hof befand sich auch eine Not- und Heckschule für die Röhlinghauser Kinder. Bis 1867 gingen die Kinder aus Röhlinghausen noch nach Eickel in die Kirchschule. Ein Jahr später baute man die erste Schule an der Bochumer Straße.

Der Bergbau verdrängte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Landwirtschaft immer mehr. Eine neue Epoche für den Stratmanns Hof begann am 10. Februar 1921, als die Gemeindevertretung Röhlinghausen, die in der Gastwirtschaft Wilhelm Kreter am Röhlinghauser Markt tagte, beschloss, den alten Bauernhof zu kaufen.

Für die Umgestaltung des Hofes in eine Volkserholungsstätte veranstaltete man einen Wettbewerb. Gewinner war der Bochumer Architekt Hoffmann, der dann aus den Wettbewerbsunterlagen ein baureifes Projekt anfertigte. Nach diesen Plänen des Bochumer Architekten beschlossen die Röhlinghauser Gemeindevertreter am 27. März 1922 den Umbau des Bauernhofes. Man achtete besonders darauf, dass der alte Bestand des Bauernhauses und alle anderen Wirtschaftsgebäude soweit wie möglich erhalten blieben. Ende März 1923 wurde dann das "Volkshaus Röhlinghausen", wie der Hof nun hieß, vollendet und am Ostersamstag, dem 2. April 1923, der Allgemeinheit übergeben und eröffnet.


Das Volkshaus Röhlinghausen nach dem Umbau im Jahre 1922, mit Restaurant, großer Saal und Gesellschaftszimmer.

Aus der ehemaligen Scheune war ein 12 mal 26 Meter großer Saal für Turn- und gesellschaftliche Veranstaltungen entstanden. Hinzu kam eine Theaterbühne, die 28 mal verändert werden konnte. Dem Restaurantbetrieb waren zwei Gesellschaftszimmer, eine Kegelbahn und ein Freiluft-Konzertgarten angeschlossen. Der erste Volkshauswirt wurde der Kaffeehausbesitzer Harder aus Gelsenkirchen.

Auch der frühere Schuppen, wo Stratmanns Heu- und Jauchewagen standen, wurde zweckdienlich umgebaut. Hier entstand ein Reinigungsbad mit acht Duschen und zwei Badewannen. Im Obergeschoß befanden sich drei Jugendräume, die Leihbibliothek und die Wohnung für den Wirt. Ein Volkshauswart achtete auf die Ordnung in den kommunalen Räumen. Der Wert des Volkshauses erhöhte sich noch durch die vor dem Volkshaus liegende Sportplatzanlage und durch die parkartige Grünanlage. Röhlinghausen war stolz auf diesen Volksgarten am Stratmanns Hof.

Ende 1927 kam es zum ersten Konflikt zwischen den Röhlinghausern und der im Jahr zuvor neugegründeten Stadt Wanne-Eickel. Die Stadtverwaltung wollte nun für die Nutzung des Volkshauses Gebühren erheben. Vergessen war nun die Tatsache, dass die Gemeinde Röhlinghausen bei der "Stadtehe" zwischen den Ämtern Wanne und Eickel im Jahre 1926 eine stolze Summe von fast acht Millionen Mark eingebracht hatte. Ebenfalls vergessen hatte man nun im Wanner Rathaus, dass der gesamte Volkshauskomplex in Röhlinghausen von den dortigen Bürgern schon bezahlt worden war. Dieser erste Konflikt führte dazu, dass die Röhlinghauser Vereine und Organisationen das Volkshaus nicht mehr so intensiv nutzten wie zuvor.

Am 30. Dezember 1927 forderte die Röhlinghauser SPD die Wanne-Eickeler Stadtverwaltung auf, den Bewohnern Röhlinghausens wieder freien und kostenlosen Zugang zu "ihren Volkshaus" zu ermöglichen.

Das Gebäude wurde im Jahre 1933 durch die Nationalsozialisten in Goebbelshaus umbenannt. Elf Jahre später, am 6. November 1944 wurde das Bauernhaus im Fachwerkstill, durch Brandbomben der Alliierten zum größtenteils zerstört.

Auf dem Gelände, wo sich bis 1944 das alte Volkshaus befand, baute die Stadt Wanne-Eickel im Jahre 1958 das neue Volkshausgebäude.

Man errichtete zwei doppelgeschossige Gebäudeteile, einen Saalbau und ein Restaurant. Diese beiden Gebäude wurden durch einen Zwischentrakt verbunden, der den Eingang für den Saal, die Garderoben und die Toiletten aufnahm. Der Saal bot 600 Personen bei Sitzreihen und etwa 350 Personen bei Tischreihen Platz. Eine 8 mal 11 Meter breite Bühne gestattete Aufführungen aller Art. Es war seinerzeit der größte Saal in Wanne-Eickel. Im Keller baute man zwei Kegelbahnen ein, die aber nicht optimal genutzt werden konnten. Das ganze Gebäude erhielt von außen eine schlichte Fassade, die im oberen Teil verputzt und im unteren Bereich verblendet war.


Das neue Volkshaus um 1959. Links das Gastronomiegebäude, rechts der Saalbau. Die beiden Gebäude wurden durch einen Zwischentrakt verbunden.

Ende der 1980er Jahre war das Volkshaus so abgewirtschaftet, dass eine Generalüberholung dringend erforderlich war. Seit dem Jahre 1990 wurde das Gebäude umgebaut.

Die Umbauarbeiten am Volkshaus, aufgenommen im April 1993.

Am 4. Dezember 1994 wurde die öffentliche Begegnungstätte durch den Oberbürgermeister Willi Pohlmann ihrer Bestimmung übergeben. 6,4 Millionen DM, die sich das Land NRW und die Stadt Herne brüderlich geteilt haben, sind in das neue Projekt geflossen.

Das Volkshaus Röhlinghausen nach dem Umbau, links die Gastronomie, rechts der Saalbau, aufgenommen im März 2013.

Der Saal mit Bühne, er ist in verschiedenen Größen zu 1/3,
1/2 und 2/3 teilbar.

Quellennachweis: Lührig, Heinrich, Schmitz, Gerhard: Röhlinghausen Wanne-Eickel III, Geschichte und Geschichten aus einem Stadtteil der südlichen Emscherregion, Erlauscht und erlebt, gesammelt und nacherzählt, Röhlinghausen, 1995, S. 211.
Bildnachweis: Heinrich Lührig.


zurück...



Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü