Wanne-Eickel-Historie


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Vergnügungspark Flora Marzina

Gebäude

Ein Stück Wanne-Eickeler Geschichte aus der Gondel betrachtet


Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Freizeit eine ganz anderen Stellenwert als heute. Fernsehen und Video waren noch nicht erfunden, die Bilder lernten gerade laufen. Auch die Fünf-Tage Woche war Utopie. Wenn Sonntags die Sonne schien, packte die Wanne-Eickeler Großfamilie – damals waren sechs bis zehn Kinder die Regel – den Picknick- Korb und zog mit Kind und Kegel in die nahe gelegene Natur.

Auch zu Kaiser-Wilhelms-Zeiten hatte das Kohlenrevier schon einiges an Ausflugslokale zu bieten. Die Attraktionen hatten natürlich einen anderen Stellenwert als heute. Hauptausflugsziele der Naherholungssuchenden waren:
Die Hüller Mühle – Stadtgrenze Gelsenkirchen, das „Waldschlösschen“ in Bickern. Simon in Herne, heute „Sonne“, Löns Mühle und Schulte-Marmelshagen – beide Lokale an der Eickeler Stadtgrenze angesiedelt. Sie warben mit Vorzügen wie:
„Bei feinen Bieren entspannen sich die Ausflügler in schattigen Gärten.“

Attraktionen gab es auch anderswo - so der Fredenbaum in Dortmund. Denn die großen Zahlen der Ausflugslokale zwangen die Inhaber, sich von der Konkurrenz abzusetzen. Mit Grottengärten lockten die einen, mit einem Geflügelpark ein anderer. Zerstreuung beim Büchsen- und Tontaubebschießen fand der Ausflügler im Jägerhof am Hertener Busch und auch bei Heinrich Garthmann, in Crange an der Dorstener Straße, konnten im schattigen Garten Scheiben- und Luftgewehr angelegt werden.


Ihren größten Aufschwung erlebten die Ausflugslokale mit der fortschreitenden Industrialisierung in den einzelnen Gemeinden. Bergbau und Wohnbebauung verdrängte das bäuerliche Umfeld, natürliches Grün wurde knapp. So entstand das Bedürfnis nach künstlichen Anlagen.


Was heute Freizeit- und Revierparks an Angeboten bereithalten, das bot um die Jahrhundertwende das private Gartenetablissement im Wanner Norden an, „Zur Flora“. Weit über die Stadtgrenzen hinaus und für das Kohlenrevier einzigartig war die Parkanlage. Ein Inserat mit den Worten: „Größtes und schönstes Garten-Etablissement im Kohlengebiet“, unterstreicht dieses. Eine der vielen Anzeigen die der Gastronom Wilhelm Marzina schaltete.

Im Jahre 1898 kaufte der aus Essen stammende Fuhrunternehmer Wilhelm Marzina die Gaststätte Brunert mit dem Eckhaus an der heutigen Haupt- und Heidstraße und legte damit den Grundstein für ein später 17 Morgen großen Vergnügungspark, der sich von der Haupt- bis zur Rathausstraße und von der Heid- bis zu Florastraße erstreckte. In was für Größenordnungen Wilhelm Marzina plante, macht der seiner Zeit zentraler Veranstaltungssaal mit einem Fassungsvermögen für 1000 Personen deutlich. In einem Inserat eines Adressbuches heißt es gar: Herrliche Gartenanlagen mit großer Halle, ca. 8 000 Personen fassend.

Inserat aus einem Adressbuch aus dem Jahre 1906.

Ruderpartie auf der Teichanlage mit Konzertmuschel.

Ansicht der Parkanlage mit Schweitzerhaus.

Wilhelm Marzina legte auf seinem Gelände einen 8 000 Quadratmeter großen künstlichen Teich an. Das Wasser hierzu wurde mit Hilfe einer Pumpe aus einer Tiefe von 52 Metern gefördert, Das Wasser lief am Fuße einer künstlich angelegten Ruine über einen kleine Wasserfall und einem Mühlrad in die Teichanlage, die mit Ruderkähnen befahren werden konnte.

Regelmäßig spielte Sonntäglich die Musik für die Sommerfrischler in einer am Rande der Teichanlage erbauten Konzertmuschel, die über einer hölzernen Brücke erreicht wurde. In einem Tiergarten, dessen besondere Attraktion kleine Pinselohraffen waren, konnten neben verschiedenartigen Vögeln, Wildschweine, Waschbären, Hirsche und Schakalen bewundert werden. Große Schlagzeilen machte der Ausbruch der Schakale aus ihrem Käfig. Ein Tier konnte eingefangen werden, das andere wurde überfahren, sehr zum Leidwesen seines Besitzers. An Werktagen war die Parkanlage für viele Schulklassen aus nah und fern Schulausflugsziel, in dem es auch naturkundlichen Anschauungsunterricht gab.

Das Schweitzerhaus mit oberer und unterer Terrasse.

Ansicht der oberen Terrasse.

Im Jahre 1904 ließ Wilhelm Marzina (der alte Herr verstarb 1937 im Alter von 81 Jahren) das im Volksmund genannte Schweizerhaus und ein dazu gehörigen Kuhstall bauen. Ein Chronist schrieb 1928, zum 30jährigen Bestehen: „Zwölf bis 15 Kühe standen dort, man konnte die Milch sozusagen vom Lieferanten „handwarm“ beziehen.“ Die Balkeninschrift über dem Haus lautete: „Durch Gottes Hülf` und Menschenhände kommt manches schwere Werk zu Ende“.

Der gute Ruf der Flora ging weit über die Stadtgrenzen bis nach Essen, Dorsten, Recklinghausen, Dortmund und Gelsenkirchen hinaus. Die Flora von Wilhelm Marzina war ein Begriff, der untrennbar mit Wanne verbunden war.

Eine Zeitzeugin erinnert sich:
Osternachmittag um 4 Uhr haute die Kindsche Blaskapelle zur Einladungsouvertüre für die Saison munter auf die Pauke. Im besten Frack, mit weißbestreuten Wegen, stellte sich die Anlage vor, mit wehenden Fracks bis an die dreißig Kellner. Alle Wege und Beete waren mit knorrigen Baumstämmen abgegrenzt. Tausende strömten dann an sonnigen Tagen durch den Eingang an der Heidstraße. Glanzvolle Schützenfeste des BSV Wanne-Eickel 1914 spielten sich hier ab. 1928 trat Wilhelm Flaskamp die Regierung über 1000 Untertanen an. Sonntags abends sprühten über dem Teich Lichtergarben und Hans Diel schwang dazu den Taktstock über 38 Männer der Schützenkapelle im Musikpavillon über dem Wasser, der durch einen Steg mit dem Land verbunden war. Gesangvereine, Turnvereine gaben sich bei abendlichen Polonäsen mit bunter Lampionfahrt über den Teich ein Stelldichein. Das „kleine Volk“ ergötzte sich auf dem Kinderspielplatz und bei Kinderfesten mit Onkel Albert. Auch wochentags waren die Pforten geöffnet. Frauen und Kinder stellten sich dann vornehmlich ein, spazierten unter Bäumen, wagten auch eine Kahnpartie. Bevorzugt waren Plätze auf drei übereinander liegenden Terrassen, von künstlichen Felsen eingerahmt, mit Blick auf dem Teich. Der Gondelteich wurde aus einer künstlichen Burgruine gespeist. Ein Vergleich mit Venedig liegt nahe.

Die Kindsche Blaskapelle, in der Mitte der Kappelmeister Kind.

Eine Bootspartie auf dem Gondelteich.

Eine Zeitzeugin erinnert sich:
Immerhin, wie in der Operette: „Eine Nacht in Venedig“, luden damals Kavaliere mit „Kreissägen“ (Hüte) ebenso galant ihre Damen mit Blumengartenbeeten auf dem Kopf zu einer Bootspartie ein. Manche Boote, die bis zu acht Personen fasten, bezeichnete der Volksmund als „Familienkähne“. So waren des Öfteren Konservendosen an Bord, denn die Boote waren oft leck. Ein sinken war aber nicht zu befürchten, höchstens ein Schnupfen. An kühlen Tagen bot das große, lang gestreckte Hauptgebäude, zwischen Heid- und Florastraße, Platz. Seitlich des Eingangs lud das „Terrassencafe`“ zum Besuch ein.

Ansicht mit künstlicher Ruine und Gondelteich.

Gondelteich mit Konzerthalle.

Ein besonderer Anziehungspunkt war der Zoo, mit Wilhelm Marzina jun. als Direktor und Tierpfleger.

Mathilde Marzina berichtet wie folgt:
Dieser Privat-Zoo konnte sich sehen lassen. Füchse, Störche, Fasanen, Affen, Wildschweine, Uhu, Eulen, Stiche, Rehe, ein Damhirsch, Sikahirsche, Iltisse, Pfauen und Schakale tummelten sich hier. An kalten Tagen sorgte eine Dampfheizung für Wärme bei den Tieren. Wilhelm Marzina jun. – er starb, 46 Jahre alt, 1941 – war leidenschaftlicher Nimrod; er sorgte für die Tiere wie ein Vater. Als bei Familie Schakal ein freudiges Ereignis nachts eintrat, leuchtete der Zoo-Besitzer mit der Taschenlampe und fischte die Nachkömmlinge mit einer Harke heraus. Sie wurden Lu und Rolf getauft und mit der Milchflasche großgezogen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Flora weitgehend zerstört, nur das Schweizerhaus blieb erhalten und wurde zu einem Quartier für Flüchtlinge und Vertriebene umgebaut. Später wurde es zu einem Erholungsheim der St. Lauentius-Gemeinde umfunktioniert. Bis zum Anfang der 60er Jahre zeugte das Schweizerhaus an der Heidstraße von der ehemaligen Größe des Unternehmens, dessen Herz, die Gaststätte, auf dem Gelände stand, wo im Jahre 1959 das Altersheim „Flora Marzina“ gebaut wurde. Das Schweizerhaus diente noch lange Zeit als Tanzlokal und Schützentreffpunkt, ehe es 1967 abgebrochen wurde.


Blick auf die Kreuzung Heidstraße links und Unser Fritz Straße rechts um 1910. Die Gastwirtschaft „Zur Flora“ befand sich im linken Gebäude.

Der Teich, auf dem einst die Kavaliere ihre Damen in der Gondel spazieren gefahren haben, lief wegen Bergsenkungen nach dem Zweiten Weltkrieg aus. Von der einstigen Blütezeit dieses Naherholungsgebietes, das die Stadt Wanne-Eickel aufgekauft hat, um im Jahre 1976 einen schlichten Park zu errichten, kann man kaum noch etwas erahnen, sieht man vom Baumbestand einmal ab.

Die Parkanlage zwischen Heid- und Florastraße heute.

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Quellennachweis: Adressbuch 1906 für die Ämter Eickel und Wanne. Auszug aus der WAZ vom 19. Juli 1985 und 23. Juli 1988.
Lührig, Heinrich: Wanne-Eickel in alten Ansichten 1992, S. 120 ff. Wanne-Eickeler Tageblatt vom 4. April 1958.
Interview mit Änne Reh, 28. Januar 1990.

Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig




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