Wanne-Eickel-Historie


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Um 10 Uhr verstummt der Schlachtlärm

Geschichte

Der Ring um Wanne-Eickel ist geschlossen


Der Artilleriebeschuss des 8. April 1945 hielt bis in den späten Abendstunden an. Die Bevölkerung harrte in den Keller und Bunkern aus. Der Tag der das Ende des Krieges für Wanne-Eickel bringen sollte stand bevor. In dieser Nacht sagt ein Vater zu seinem elfjährigen Sohn: "Mein Junge, morgen wird vielleicht etwas geschehen, was du noch nicht ganz begreifen kannst. Dein Vaterland ist dann ein besetztes Land. Es ist der Beginn zu etwas Neuem." Und damit nahm er ihm die Nadel des Jungvolks vom Rockaufschlag. Da weinte der Junge. Als am anderen Tag die fremden Soldaten einmarschierten und die Leute wie erlöst aus den Bunkern kamen, wunderte sich der Junge, weil er die Welt unverändert fand.

Unter Artilleriebeschuss begann am Montag, dem 9. April, der Vormarsch der Amerikaner auf Wanne-Eickel, aber nicht, wie erwartet, vom Dannekamp her über den Kanal, sondern aus Richtung Gelsenkirchen diesseits des Kanals. Zivilisten und Soldaten erwarteten die Amerikaner im Malakowturm von Schacht Sophie auf Unser-Fritz Ÿ. Über die Zechenanschlussbahn von Consol 3/4 kamen die ersten Soldaten sichernd heran. Rote und weiße Leuchtkugeln, das verabredete Zeichen zur Feindberührung, ging hoch. Vom Kanal und vom Holzplatz her gab es Feuer. Die Insassen des Bunkers auf der Unser-Fritz-Straße wurden von der ersten Welle überrollt. Die Amerikaner zogen weiter über die Eisenbahnstrecke Unser-Fritz nach Schacht Wilhelm. Beim nahen der zweiten amerikanischen Linie hieß es "Hand up" für die Soldaten und Zivillisten auf Unser-Fritz.

Die Ereignisse überschlugen sich. Um die Zeit, als Unser-Fritz besetz wurde, schlugen in Wanne-Mitte und West noch Granaten ein. Am Morgen des 10. April setzten die Amerikaner ihren Vormarsch von folgenden Stützpunkten aus fort: Quartier in der Sparkasse, Artilleriestützpunkt und Munitionslager Zechenplatz Pluto-Thies, Artillerie-Leitstelle im Hause Zechenweg 35, Panzer-Ruhestelle Röhlinghauser Markt. In den frühen Morgenstunden dieses Tages war nur noch für kurze zeit eine Lücke in südlicher Richtung nach Bochum offen. Denn mit dem Vormarsch der Amerikaner von Westen nach Eickel begann an der östlichen Peripherie der Stadt gleichzeitig die Besetzung Holsterhausens nach dem Übergang der Amerikaner über den Kanal auf Herner Gebiet. Zu diesem Zweck waren auf Herner Gebiet bei der gesprengten Eisenbahnbrücke nach Recklinghausen zwei am Ufer stehende Wohnhäuser diesseits und jenseits des Kanals gesprengt und der Trümmerschutt mit Räumbaggern in den Kanal geschoben worden. Dadurch entstand ein provisorischer Kanalübergang.

Dem gleichen Zweck diente auch einige hundert Meter nach Wanne-Eickel zu die Verschiebung einer am Ufer liegende Kokshalde in den Kanal. Über diese beiden Übergänge und die erhalten gebliebene Kettenbrücke, die von der Zeche Recklinghausen 2 über Emscher und Kanal zur Zeche Julia führte, marschierten Fußtruppen ein. Sie bildeten den nördlichen Flügel der Umklammerung Wanne-Eickels. Nach 10 Uhr morgens des gleichen Tages war jeglicher Kampflärm in Wanne-Eickel verstummt. Aus den Fenstern vieler Häuser hingen weiße Tücher aller Art zum Zeichen der Kapitulation.

Alle umliegende Städte lagen in Trümmern, kaum ein Haus war verschont geblieben. In Wanne-Eickel wurden 1.250 Gebäude total und 4.500 zum Teil zerstört, drunter acht Kirchen und drei Krankenhäuser. 1.100 Tote wurden unter der Bevölkerung beklagt, auch 1.031 russische Kriegsgefangene kamen ums Leben. Sie wurden in einem Massengrab auf dem Waldfriedhof begraben.

Als die Amerikaner kamen, herrschte nicht nur in Wanne-Eickel heilloses Chaos. Die Versorgungslage war katastrophal. Grundnahrungsmittel fehlten, die Menschen hungerten, und zu Beginn des Jahres 1947 kam es in fast allen Ruhrgebietsstädten zu Hungerdemonstrationen. Bei der Einschulung zeigten ein Viertel aller Schulanfänger in Wanne-Eickel das Symptome von Unterernährung.

Der Chronist bespricht diese Zeit lapidar: "Die Nachkriegszeit ist bitter und hart. Der Hunger, besonders in den Großstädten, wirkt sich fruchtbar aus. - Tausch und Handel gehören nun zur Tagesordnung - auch in Wanne-Eickel."

Die Entnazifizierung durch die Amerikaner und Briten setzt ein. Das Ruhrgebiet wird Teil der britischen Besatzungszone. Wer kann, begibt sich auf Hamsterfahrten, diese machen, wenn sie erfolgreich sind, das Leben erträglich. Dies ändert sich mit der Währungsreform 1948.

Nachkriegszeit -Trümmerräumung -Aufräumarbeiten, für eine neue Zeit.

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Quelle: Auszüge aus der WAZ vom 19. und 20. Oktober 1962.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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