Wanne-Eickel-Historie


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Sturm auf die Lagerhalle in Crange

Geschichte

Amerikaner feuern Warnschüsse aus einem Jeep


Die Bevölkerung hatte vorerst noch keine unmittelbaren Anliegen an die Militärregierung. Sie steckte voll von eigenen Sorgen. Der Krieg war zwar vorbei, doch niemand wusste auf die Frage eine Antwort: Wie wird es weitergehen?
Am wichtigsten erschien den meisten, zunächst einmal für einige Tage Vorräte zu sichern. Dazu boten sich gerade in den Tagen des Übergangs verschiedene Möglichkeiten.

Im Osthafen lag seit dem 5. April ein Schiff mit Heeresgut. Es war das letzte, das aus Richtung Gelsenkirchen kommend die Schleuse passiert hatte. Von der WTAG sollte es umgehend gelöscht werden, doch es fehlten Männer. Alois Uhlendahl fand Hilfe. Ein paar Cranger sprangen ein: Miaskowiak, Smyra, Ernst Stötzel und andere. Das war in der Nacht zum 6. April. Am nächsten Morgen wollte ein Zahlmeister alles abholen, doch er verunglückte mit seinem Wagen auf der Fahrt zur WTAG.

So war nach den Eindrücken der amerikanischen Truppen das Lagerhaus der WTAG voll von Vorräten. Sie reichten von Mehl, Rohkaffee, Erbsen und Linsen bis zu Fässern mit Alkohol, an denen noch die Plombe der Zollbeamten hing. Die Vorräte hatten sich in der Zwischenzeit kaum dezimiert, obwohl kurz vor dem Einzug der Truppen das Lager für die Geschäftswelt zur Bedienung auf eigener Gefahr, freigegeben worden war.
Einige hatten unter Artilleriebeschuss bei der WTAG geladen, unter anderem die Brotfabrik Timmerbrink. Doch als ein Pferdegespann von einem Artillerietreffer zerrissen worden war, hatte kaum noch jemand den Weg gewagt. So kam es am 10. April zu einem Sturm auf die Lagerhalle der WTAG. Ab 8 Uhr staute sich die Menge. Sie verschaffte sich mit Gewalt Zugang und schleppte ab, was abzuschleppen war. Doch viele büßten ihre Beute auf dem Rückweg wieder ein. Der eine riss sie dem anderen aus den Händen. Mehlsäcke platzten, Konserven rollten über den Boden. Es war ein makabres Bild, denn knapp 100 Meter weiter lagen auch noch die Reste der Pferde von Timmerbrink. Die Bevölkerung hatte den toten Tieren stückweise das Fleisch von den Knochen geschnitten und die Beute, in Essigtücher gehüllt, nach Hause getragen.

Der Sturm auf die WTAG endete mit dem Eingreifen der amerikanischen Soldaten. Ein Jeep fuhr vor, die Männer feuerten Warnschüsse in die Luft und drängten die Menschen zurück. Dann wurde das Lager versiegelt. Posten bezogen vor dem Zugang Position. Um 14 Uhr war alles wieder ruhig. Aber das Wissen um die Vorräte ließ die Bewohner nicht ruhen. In dieser Situation war es wieder Uhlendahl, der an seine Mitbürger dachte. Er selbst hatte seinen Platz in der WTAG. Er brauchte seine Freunde nur noch mit den nötigen Tipps zu versorgen.

So kam es, dass sich noch am gleichen Tage gegen 16 Uhr ein kleines Team aufmachte, um mit einem Boot das Lagerhaus von der Rückseite her anzusteuern. In dem Boot saßen Miaskowiak, Smyra, Stötzel, ferner Leickel und Hübner. Das Tor auf der Rückseite war nicht verschlossen. Die Männer schoben die Rolladen hoch und versorgten sich, wobei sie in der riesigen Halle mit Uhlendahls Informationen sofort den richtigen Weg einschlugen. Der Kahn machte seine Fahrt zweimal, wobei die Besatzung bis auf zwei Mann reduziert wurde, um Platz zu sparen.

Im Hause Cranger Straße 17 wurde dann die Beute verteilt. Empfänger waren Mitglieder einer Bunkerbesatzung, die in den sorgenvollen Wochen immer enger zusammengewachsen war. Auch vom Hauptbahnhof war in den Tagen des Übergangs viel Beute zu holen. Der Betrieb war hier seit dem Angriff - 4. März - lahm gelegt. Einige hundert Waggons, voll beladen konnten nicht mehr den Bahnhof verlassen, weil nur zwischenzeitlich einige Gleise für dringende Fahrten betriebsfähig gemacht worden waren.

Blick auf das Wendebecken des Rhein-Herne Kanals, hin zu den Häusern an der Emscher Straße, im Jahre 1949.

Die Ausbeutung der Waggons setzte schon um den 3. April ein; denn am Vortage hatte das Artilleriefeuer auf die Bahnhofsanlagen eingesetzt und das Chaos eingeleitet. Doch freie Bahn war eigentlich erst nach Einzug der amerikanischen Truppen, die am 9. April gegen 17 Uhr den Hauptbahnhof erreicht hatten. Sie ließen nur vor der Bahnhofshalle und vor dem Nebeneingang Posten zurück, so dass jeder nach Herzenslust von allen anderen Seiten heran konnte.

In den Wagen waren Kleidung, Wäsche, Medikamente, vor allem Möbel evakuierter Familien und viele andere brauchbare Dinge. Sogar Gartenpumpen wurden in diesen Übergangstagen abgeschleppt. Aus Lederhäuten vom Hauptbahnhof sind später sehr viele Schuhe zusammengeflickt worden. Der Hauptbahnhof war überhaupt nicht besetzt. Nur Egon Niedballa saß mit einigen wenigen Mitarbeitern im Büro. Für ihn gab es keine Chance, auch nur einen Versuch zu unternehmen, den Verkehr wieder in Gang zu setzen. Er hatte vorerst nicht einmal die Genehmigung, mit den Aufräumarbeiten zu beginnen.


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Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Schicksalsjahre unserer Stadt.
Nach einer Serie der WAZ zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 2005. S. 16 ff.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig.


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