Wanne-Eickel-Historie


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Ruhrkampf – Gedenktafel

Denkmäler

Ruhrkampf – Gedenktafel


Im Bereich der Eisenbahnunterführung Ecke Hauptstraße – Ulmenstraße, auf der linken Brückenseite in Richtung Wanne-Süd wurde am 31. März 1934 eine 1,10 x 0,65 Meter große Bronzetafel zum Gedenken an den Eisenbahner Friedrich von der Höh enthüllt. Die Tafel hatte folgenden Text:


1923 – 1924
Ruhrkampf-Gedenktafel.
In treuer Pflichterfüllung im Ruhrkampf starb am
17. 4. 1923, von französischen Kugeln getroffen,
der Reichsbahn-Lokomotivführeranwärter
Fritz von der Höh
den Tod für das Vaterland.






Die Bronzetafel zum Gedenken an den Eisenbahner
Friedrich von der Höh.

Eine Anzeige in der Festschrift des Staats-Eisenbahn-Beamten und Arbeiter-Verein Wanne-Eickel.


In einem Zeitungsbericht vom 19. April 1923 heißt es u. a.:

„Der Lokomotivführeranwärter von der Höh, welcher am 14. März auf der Lokomotive zwischen Schalke und Horst-Emscher an der Kanalbrücke durch mehrere Schüsse von den Franzosen schwer verletz wurde, ist am 16. April (17. April) seinen Verletzungen erlegen“.

Deutsches Flugblatt zur Ruhrbesetzung, Mittwoch 25. Juli 1923.
Aufzählung einer Totenliste, u.a. heißt es:

"...von der Höh, Lokomotivführer, am 14. März in Horst-Emscher auf einem Güterzug von den Franzosen durch drei Brustschüsse so schwer verletzt, dass er bald darauf starb".


Mitte Januar 2009 stellten Heinrich Lührig und Rüdiger Dress den Verlust der Bronzetafel fest. Dort wo einst die Tafel montiert war, wurde die Stelle mit Riemchen-Klinkern ausgebessert - in einer hellen Farbe, die schon von weitem die Blicke auf sich zieht. Nachforschungen beim Bahnhofsmanagement in Essen, bei der DB Netz AG in Bochum sowie beim Sprecher der Bahn AG in Düsseldorf, Torsten Nehring ergaben, dass keine Stelle die Demontage der Gedenktafel in Auftrag gegeben hat.

Im April 2010 hängte der Lokalhistoriker Heinrich Lührig ein Foto von der Gedenktafel an die Stelle, wo sich ein Jahr zuvor noch das Original befand. Bei dieser Aktion kam ein älteres Ehepaar des Weges, blieb stehen und sagte: "Wir waren dabei als die Originaltafel abmontiert wurde." "Damals kamen wir genau so hier vorbei wie jetzt." Von drei bis vier Männer in orange-farbenen Arbeitsanzügen berichteten die beiden Zeitzeugen und von einem großen, orangefarbenen Einsatz-Lkw, den die Arbeiter bei sich hatten. Die Zeitzeugen berichteten weiter: "Wir haben noch gefragt, warum die Tafel abmontiert würde und bekamen zu Antwort, alles hätte seine Ordnung, die Tafel würde eingelagert." "Da haben wir nicht weiter nachgefragt". Eine Nachfrage bei der Stadt Herne ergab: "Es ist uns nichts bekannt über den Verbleib dieser Tafel. Wir haben auch keinen Auftrag zum Abmontieren vergeben." Auch bei der Polizei ist bis heute keine Anzeige wegen Diebstahls der Bronzetafel eingegangen.

Hell leuchtet die Stelle mit den neuen Riemchen-Klinkern, an der bis Anfang 2009 die Bronze-Tafel zu finden war. Ihr Verbleib ist bis heute ungeklärt.

Der Lokalhistoriker Heinrich Lührig hängte im April 2010 das Foto von der Gedenktafel an die Stelle, wo sich einst das Original befand.

Mitte November 2010 kommt dann unerwartet Bewegung in die Geschichte, als der Wanne-Eickeler Thomas Trosien das neue Ruhrmuseum in Essen Besuche. Thomas Trosien wollte sich die so genannte Sechs-Meter-Ebene im neuen Ruhrmuseum erst gar nicht anschauen. Zeigt es doch die Geschichte der Sozialkämpfe im Revier. Dann entschied er sich anders. Er sah sich um. Und entdeckte plötzlich - "auf Kniehöhe" - ein Ausstellungsstück, das in Wanne-Eickel seit Monaten verzweifelt gesucht worden war. Eine Bronzetafel, die an den 1923 im Ruhrkampf getöteten Lokführer-Anwärter Fritz von der Höh erinnert.

Geboren in Wanne-Eickel als Sohn eines Betriebseisenbahners, kannte der 36-Jährige die Ruhrkampf-Tafel seit Kindesbeinen an. "Und wusste, dass sie weg war".

Das lokale Wissen war hilfreich, um den Verbleib des historischen Erinnerungsstückes aufzuklären. Die Beschriftung der Tafel im Ruhrmuseum nämlich verrät nicht, dass sie einst in Wanne-Eickel hing. Sie gibt aber Auskunft über etwas anderes: Die Tafel, so steht es geschrieben, ist eine "Schenkung der Deutschen Bahn AG, Niederlassung West, Produktionsdurchführung Duisburg".

Beim Bahnbetrieb unter französischer "Regie" kam es häufiger zu deutschen Anschlägen und französischen Strafaktionen. Die Nationalsozialisten heroisierten die Toten auf deutscher Seite als Märtyer.

Gedenktafel für den von Franzosen erschossenen Lokomotivführeranwärter Friedrich von der Höh 1934.
Eine Schenkung der deutschen Bahn AG., Niederlassung West, Produktionsdurchführung Duisburg.

Eine Sprecherin des Ruhrmuseums erklärt auf Nachfrage: "Das Museum hat im April 2008 eine Leihanfrage für die Dauerausstellung gestellt und die Tafel von der Bahn als Schenkung erhalten." Diese sei ein entscheidendes Erinnerungsstück für die Geschichte des Ruhrgebiets. "Dass wir es bekommen haben, freut uns sehr."

Das Ruhrmuseum in Essen - eröffnet im Januar 2010 - wusste nach eigenen Angaben zufolge von der Vorgeschichte nichts. "Auf Wunsch hätten wir Abdrücke machen können", sagt die Sprecherin. Eine Anfrage bei der Deutschen Bahn AG in Düsseldorf blieb bis heute unbeantwortet.

Auch die Stadt Herne wurde hier im Unklaren gelassen. "Wir haben nie eine Information von der Bahn bekommen, wo die Tafel abgeblieben ist", sagt Sprecher Horst Martens. Natürlich könne sie im Ruhrmuseum mehr Wirkung entfalten als an der Bahnunterführung in Wanne-Eickel, die Stadt Herne aber hätte die Tafel auch gern gehabt - um sie im Emschertalmuseum zu zeigen. "Es ist das einzige Original, das an den Ruhrkampf erinnert", sagt Horst Martens.

Im November 2010 wand sich der Lokalhistoriker Heinrich Lührig an den Stadtverordneten der SPD Lutz Hammer und schilderte ihm sein Anliegen (Rückgabe der Gedenktafel durch das Ruhrmuseum). Er versprach sich der Sache anzunehmen und dies in der nächsten Kulturausschusssitzung vorzutragen. Anfang Juni 2011 stellte Heinrich Lührig hierzu eine Anfrage beim Stadtverordneten Lutz Hammer, sie blieb bis heute unbeantwortet.


Historische Anmerkung


Ruhrbesetzung

Die
Ruhrbesetzung oder der Ruhrkampf bezeichnet den Höhepunkt eines politisch-militärischen Konfliktes, der 1923 im Ruhrgebiet zwischen dem Deutschen Reich und den belgisch-französischen Besatzungstruppen stattfand. Er war eines der großen Probleme in diesem Krisenjahr der Weimarer Republik.

Besetzung
Zwischen dem 11. und dem 16. Januar 1923 besetzten französische und belgische Truppen in einer Stärke von anfangs 60.000, später 100.000 Mann das gesamte Ruhrgebiet, um die dortige Kohle- und Koksproduktion als „produktives Pfand“ zur Erfüllung der deutschen Reparationsverpflichtungen zu sichern. Dem französischen Ministerpräsidenten und Außenminister Raymond Poincaré ging es aber um sehr viel mehr als nur um die Beibringung von Reparationsleistungen. Er strebte eine mit dem Status des Saargebiets vergleichbare Sonderstellung des Rheinlands und des Ruhrgebiets an, bei der die Zugehörigkeit zum Deutschen Reich nur mehr formal gewesen wäre und stattdessen Frankreich eine bestimmende Position eingenommen hätte. Von Großbritannien und den USA wurde dieser fait accompli eher skeptisch betrachtet.

Ruhrkampf
Die Besetzung löste in der Weimarer Republik einen Aufschrei nationaler Empörung aus. Die Reichsregierung unter dem parteilosen Kanzler Wilhelm Cuno rief die Bevölkerung zum „passiven Widerstand“ auf: Es wurden keine Reparationen mehr gezahlt, Industrie, Verwaltung und Verkehr wurden mit Generalstreiks teilweise lahm gelegt. Betriebe und Behörden leisteten teilweise den Anordnungen der Besatzer nicht Folge. Frankreich reagierte darauf mit 150.000 verhängten Strafen, die mitunter bis zu Ausweisungen aus dem besetzten Gebiet gingen. Inzwischen begingen ehemalige Freikorpsmitglieder und auch Kommunisten Anschläge gegen die Besatzungstruppen, unter anderem wurde der Emscherdüker des Rhein-Herne-Kanals bei Henrichenburg durch eine Sprengung zerstört. Die Besatzungsmacht wiederum reagierte mit Sühnemaßnahmen, die Situation eskalierte und forderte 137 Tote. Albert Leo Schlageter wurde als Abschreckung wegen Spionage und Sabotage zum Tode verurteilt und hingerichtet, was ihn in der deutschen Öffentlichkeit zum Märtyrer machte. Neben dem durch passiven Widerstand erzeugten wirtschaftlichen wurde auch ein sprachlicher Druck entwickelt: Bis dahin im Deutschen gebräuchliche Lehnwörter sollten völlig durch deutsche Begriffe ersetzt werden, wie z.Kasino durch Werksgasthaus, Telefon durch Fernsprecher, Trottoir durch Gehweg oder automatisch durch selbsttätig.

Ende des Ruhrkampfes
Während des passiven Widerstandes wurden die Löhne von etwa zwei Millionen Arbeitern des Ruhrgebiets vom Staat übernommen, zu diesem Zweck wurde mehr Geld gedruckt. Dieses Vorgehen konnte nicht längere Zeit durchgehalten werden, da sich die Wirtschaftskrise verstärkte und Inflation und Produktions- und Steuerausfälle den reichsdeutschen Haushalt belasteten.
Der neue Reichskanzler Gustav Stresemann sah sich schließlich am 26. September 1923 gezwungen, den Abbruch des passiven Widerstandes zu verkünden. Antirepublikanischen, reaktionären Kräften in Bayern lieferte das Ende des Ruhrkampfes einen Vorwand zur Errichtung einer Diktatur. Der Gesamtschaden der Ruhrbesetzung belief sich auf 4 bis 5 Milliarden Goldmark. Das Ende des Ruhrkampfs ermöglichte eine Währungsreform, welche die Bedingung für eine Neuverhandlung der Reparationen war.

Ende der Ruhrbesetzung
Auf Druck der USA und Großbritanniens lenkte Frankreich 1923/1924 durch Abschluss der MICUM-Abkommen ein. Die Besetzung des Ruhrgebietes endete gemäß dem 1924 verabschiedeten Dawes-Plan im Juli/August 1925.


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Quellennachweis: Westdeutscher Herold Wanne-Eickel vom 26. August 1923.
Festschrift zur 25 jährigen Jubel-Feier, 1903-1928, des Eisenbahn-Vereins Wanne-Eickel, S. 25 f.
WAZ vom 6. April 2009, WAZ vom 8. April 2010. WAZ vom 23. November 2010.
www.Wikipedia.de
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig



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