Wanne-Eickel-Historie


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Nur ein kleiner Rechenfehler

Bergbau

Die Stubentür für die "Buchführung"


Es ist von vielen Bergleuten gepflegte Sitte, zu Hause gewissenhaft Buch zu führen über die geförderte Kohlenmenge. So haben sie dann am Ende des Monats eine Handhabe, ihren Lohn selbst auszurechnen und die Berechnung des Steigers zu kontrollieren. Franz Wattschienski war nun ein ebenso gewissenhafter wie tüchtiger Bergmann, aber auch ein ebenso schlechter Rechner. Dafür hielt sich Lisette, seine bessere Ehehälfte, auf diesem Gebiet für besonders befähigt. Was lag näher, als dass sie die "Buchführung" besorgte? Aller Verschwendung abhold, benutzte sie dazu nicht irgendwelches Papier, sondern die Stubentür, auf die sie mit Kreide ihre Zahlen schrieb. Hier prangerten sie zu jedermanns Ansicht in drei Kolonnen: 1. wie viel Wagen auf dem Pinn, d.h. zu Tage gefördert und dort registriert waren, 2. wie viel schon beladene Wagen noch in der Grube standen, und 3. wie viel Kohle noch am Stück saß.


Der neue Monat begann, und Lisette hatte im Handumdrehen einen Schichtlohn von 11,93 Mark errechnet. Als Franz das Ergebnis bescheiden zu bezweifeln wagte mit der Bemerkung, das sei doch viel zu hoch, wurde er von seiner Treuen ganz energisch zurechtgewiesen. Davon verstände er nichts, sie rechnete schon richtig - und mancher unparlamentarische Ausdruck musste herhalten, Franz zu überzeugen. Es war Lohntag, und vier Mark weniger, als Lisette ausgerechnet hatte, wurden ihrem Mann je Schicht ausgezahlt. Jetzt brach ein Gewitter über Franz herein! Lisette verdächtigte ihn, das übrige Geld unterschlagen zu haben, er solle es nur herausgeben, sonst... Na ja, schweigen wir darüber. Er beteuerte seine Unschuld; Lisette möge doch zum Steiger gehen und sich dort erkundigen! Das aber wollte sie denn auch! Am nächsten Mittag, kurz vor Schichtwechsel, hob Lisette kurzerhand mit einem hörbaren Ruck die Tür aus den Angeln, schleppe damit durchs Zechentor und stand bald dem Steiger gegenüber.

Der war nicht wenig überrascht über dieses eigenartige Dokument. Er ließ ihre Anklagen gelassen über sich ergehen. Dann überprüfte er die Rechnung auf der Stubentür und meinte, das wäre soweit ganz richtig gerechnet, nur dürfte sie die Kohlen, die noch am Stück wären, nicht mitzählen! Die ständen in der Grube noch an und müssten erst losgehauen werden. "So," sagte sie, "dann ist also nur mein Mann daran schuld, dass die noch da unten sind!" Lisette trat mit ihrer Stubentür den Rückzug an und brachte sie wieder an ihren gewohnten Platz. Bald kam auch Franz von der Schicht nach Hause und hatte kaum das "Hauptbuch" hinter sich ins Schloß geworfen, als Lisette ihm Huldigungen darbrachte - na also: Huldigungen! - deren Wiedergabe wir uns hier aus Gründen des Taktes denn doch bis auf weiteres versagen müsse.

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Quelle: Spellmann Waldemar: Aus meiner Gezähkiste, Schnurren und Scherze aus dem Bergbau an der Ruhr, der Emscher und der kecken Läckebäcke, Düsseldorf 1925, Illustriert von Wolfgang Draesner.



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