Wanne-Eickel-Historie


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Notgeld aus Geldnot

Geschichte

Notgeld aus Geldnot. Ein kurzer Streifzug durch ein Kapitel der Wanne-Eickeler Geldgeschichte


Bereits einige Tage nach Kriegsbeginn, im August 1914, nahm die Inflation in Deutschland ihren Anfang. Dass sie nicht gleich so verheerende Wirkung wie an ihrem Ende zeigte, lag an der amtlichen Bewirtschaftung der Preise. Lebensmittel und andere wichtige Bedarfsartikel wurden bald rationiert und später nur noch gegen entsprechende Marken abgegeben.

Jede Woche wurden die neuen Höchstpreise in der Tagespresse bekanntgegeben. Im Verlauf des Krieges stieg der Bedarf an Zahlungsmittel; die Reichsbank als Zentralnotenbank konnte den erhöhten Bedarf an Scheidemünzen nicht decken. Der Rückfluss an Zahlungsmitteln blieb bald ganz aus, da die Bevölkerung dazu überging, alle Münzen in Gold und Silber zu horten. Der Rest wanderte durch die Armeen an die verschiedenen Kriegsschauplätze und blieb dort.

Schon vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte die Reichsbank planmäßig alle Goldmünzen aus dem Zahlungs- und Wechselverkehr der Banken eingezogen um damit ihre Goldreserven zu erhöhen ( seit dem 4. Dezember 1871 hatte das Deutsche Reich aufgrund des Gesetzes Nr. 1 437 betreff; die Ausprägung von Reichsgoldmünzen, eine Goldwährung d.h. die verausgabten Zahlungsmittel waren durch entsprechende Goldvorräte gedeckt). Parallel dazu wurde die Goldeinlösepflicht aufgehoben, der Agiohandel und die Ausfuhr von Gold verboten. Alle hortete Hartgeld, das Edelmetall enthielt. Der Staat appellierte an den Patriotismus der Bürger, die Gold- und Silbermünzen wieder in Umlauf zu bringen oder abzuliefern. Als Belohnung hierfür erhielt der Bürger Urkunden und Medaillen mir der Inschrift: Gold Gab Ich Zur Wehr - Eisen Nahm ich Zur Ehr. Für die Ablieferung eines Goldstückes erhielten Schulkinder sogar einen Tag schulfrei. Der Wirtschaftskreislauf drohte zusammenzubrechen. Die Reichsbank versuchte, durch "Darlehenscheine" für ein oder zwei Mark ein Fiasko zu verhindern, doch das reichte nicht. Die Reichsbank, Inhaberin des Banknoten-Monopols, kommt mit der Kleingeld-Versorgung nicht mehr nach. Es schlägt die Stunde des Notgeldes.

Das Amt Wanne, aber auch Firmen geben eigenes Geld heraus, um Lohnzahlungen und Geldverkehr aufrechtzuerhalten. Da alles schnell gehen muss, um Unruhen in der Bevölkerung zu vermeiden, ist das Ersatzgeld zunächst recht primitiv gestaltet.

So gab die Amtskasse Wanne am 7. August 1914 drei Werte heraus:


1 Mark, Unterdruck weiß, mit einer Auflage von 10 100 Stück

2 Mark, Unterdruck hellgrau, mit einer Auflage von 12 100 Stück
5 Mark, Unterdruck hellrot, mit einer Auflage von 4 500 Stück

Die Scheine wurden in Bögen bei der Wanner Zeitung, Herchenbach & Co. In Wanne gedruckt und tragen die Unterschrift des Amtmanns Weinberg und des Amtsrentmeisters Hemmler. Alle drei Werte waren aber nur bis zum 1. Oktober 1914 gültig, da der Regierungspräsident in Arnsberg den Ausgaben die Genehmigung entzog.

Zugleich erschienen auch Gutscheine des Eickeler Bankgeschäftes Arthur Kronheim, ebenfalls in drei Wertstufen:



50 Pfennig, blaues Kartonpapier, mit einer Auflage von 2 000 Stück

1 Mark, grünes Kartonpapier, mit einer Auflage von 3 000 Stück
2 Mark, gelbes Kartonpapier, mir einer Auflage von 3 000 Stück

Der Druck erfolgte bei der Druck- und Buchbinderei M.C. Wolf in Eickel, Herzogstraße 8. Die Vorderseite trägt die Unterschrift von Arthur Kronheim, die Rückseite den ovalen, roten Stempel des Bankgeschäftes. Der Ausgabetag lässt sich nicht genau festlegen, laut Aufdruck war diese Ausgabe bis einschließlich 24. August 1914 gültig. Als Ersatzzahlungsmittel waren auch Gutscheine der Brotfabrik Friedrich Ruwe in Eickel im Umlauf, sie dienten zuerst als Rabattmarken und später auch als Zahlungsmittel. Für diese Selbsthilfe musste der Gegenwert bei einer Darlehenskasse hinterlegt werden, damit der Gutschein zum Nennwert als Deckung wieder angenommen werden konnte. Der Druck erfolgte bei der Druckerei J. Granderath in Düsseldorf. Es waren von 1910 - 1915 sieben Werte im Umlauf.

Als man feststellte, dass die Reichsbank das Notgeld stillschweigend hinnimmt, laufen die privaten Geldmacher oft auch ohne Deckung des Geldwertes zu Höchstform auf. Die Scheine werden farbiger bedruckt, die Grafiker zeigen ab jetzt ihr persönliches Können. Die Ämter Wanne und Eickel drucken am 9. Juli 1917 den ersten 50-Pfennig-Papiergeldschein, der aber erst am 2. Oktober ausgegeben wurde. Die Ausgabe weist Jugendstil-Ornamente auf und ist als grafisch bester Notgeldschein anzusehen.


50 Pfennig, mehrfarbiger Druck, Wasserzeichen Sechseckflechtwerk.

Das Bild der Vorderseite zeigt im roten Unterdruck das Amtshaus in Wanne und zwei für die Wanner Wirtschaft wichtigen Berufszweige: den Bergmann und den Schiffer. Die Rückseite zeigt in grünem Unterdruck das Amtshaus in Eickel im Blumenlaubkranz.

Ein weiterer Geldschein gelangt am 1. Juni 1919 in den Geldverkehr.

50 Pfennig, mehrfarbiger Druck, Wasserzeichen Wellen, die Ausgabe erfolgt am 1. Juni 1919.

Bei diesem Geldschein gibt es durch schlampige Druckausführungen viele Farbvarianten in braun und grün der Vorderseite, ebenso Unterschiede in der Form von Schlägel und Eisen im rechten unteren Bildrand.

Mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918 ist der Niedergang der Mark aber noch längst nicht beendet. Die Wiedergutmachungszahlungen und das wachsende Heer von Arbeitslosen kurbeln die Inflation an. Jetzt fordert die Reichsbank ausdrücklich zur Herstellung von Notgeld auf. Die Zahl der Notgeldausgaben steigt noch einmal rapide an; eine rege Sammeltätigkeit setzt ein. Auch die kommunalen Stellen hatten gemerkt, dass sich mit dem Notgeld ein Geschäft machen ließ.

So kam es zur Ausgabe sogenannter Serienscheine (Gemeinde Eickel 1921), die wie bei Zigaretten- und Margarinebildern in möglichst bunten Darstellungen Märchen, Gedichte oder Sagen aus der Heimat darstellten. Dieses "Geld" war nie für den Zahlungsverkehr bestimmt und daher nicht im Umlauf gewesen. Dies erklärt die große Menge der heutzutage noch kassenfrisch erhaltenen Geldscheine dieser Art. Die Serienscheine der Gemeinde Eickel, ihre Ausgabe erfolgte am 1. März 1921. Hersteller dieser Scheine war die Firma Siepmann GmbH. In Essen.


25 Pfennig, farbig, gelber Unterdruck, ohne Wasserzeichen Rückseite: "Haus Bönninghausen"
50 Pfennig, farbig, gelber Unterdruck, ohne Wasserzeichen Rückseite: "Haus Dorneburg"
1 Mark, farbig, blauer Unterdruck, ohne Wasserzeichen Rückseite: "Burg Eickel"
1 Mark, farbig, blauer Unterdruck, ohne Wasserzeichen Rückseite: "Eickeler Markt"
Mark, farbig, blauer Unterdruck, ohne Wasserzeichen Rückseite: "Kriegsküche Eickel"

Mitte 1923 explodiert die Teuerung. Im Oktober 1923 kostet ein Pfund Brot 800 Millionen Mark, ein Pfund Butter 20 Milliarden Mark. Wenn die Notgeldscheine, die auf 1 Million oder 2 Million lauten, aus den Druckmaschinen kamen, waren sie schon nicht mehr das Papier wert auf dem sie gedruckt waren. Die Löhne auf den Wanne-Eickeler Zechen wurden täglich ausgezahlt. Das Geld wurde in Säcke gefüllt oder auf Schubkarren geladen und man versuchte es noch in derselben Stunde wieder auszugeben; denn nach den nächsten Börsenbericht war es oft nur die Hälfte wert. Nicht selten geschah es, dass wertloses (aber noch gültiges) Geld bündelweise im Ofen verheizt wurde. Besonders benachteiligt waren Rentner und Beamte. Ihre Zahlung erfolgte in zu großen Abständen, und die durch die Reichsregierung beschlossenen Einkommensverbesserungen waren am Tag ihre Inkrafttretens schon wirkungslos geworden.



Der "kleine Mann auf der Straße" rechnete schon lange nicht mehr in Papiermark; Grundlage war der mehrmals täglich durchgegebene Börsenbericht mit den neusten Notierungen des US-Dollars und des Goldfixingpreises. Besonders in ländlichen Gebieten kehrte man zur Naturalienwirtschaft zurück.

Die Inflationsausgabe des Amtes Wanne 1923

20 000 Mark, Papier weiß, Unterdruck orange, ohne Wasserzeichen
Rückseite zeigt das Portrait des Amtmannes Weinberg Ausgabe am 21. August 1923
50 000 Mark, Papier weiß, Unterdruck blau, ohne Wasserzeichen
Rückseite zeigt das Portrait des Amtmannes Weinberg Ausgabe am 21. August 1923
50 Milliarden Mark, Papier weiß, Unterdruck blau, ohne Wasserzeichen
Ausgabe am 27. Oktober 1923, Reihe A
100 Milliarden Mark, Papier weiß, Unterdruck blau, ohne Wasserzeichen
Ausgabe am 27. Oktober 1923, Reihe A
500 Milliarden Mark, Papier, weiß Unterdruck rosa, ohne Wasserzeichen
Ausgabe am 9. November 1923, Reihe A / B
1 Billion Mark, Papier weiß, Unterdruck gelb, ohne Wasserzeichen
Ausgabe am 15. November 1923, Reihe A
2 Billion Mark, Papier weiß, Unterdruck ocker und grau ohne Wasserzeichen
Ausgabe am 15. November 1923, Reihe A / B
1 Billion Mark, Papier weiß, Unterdruck gelb, ohne Wasserzeichen
Ausgabe am 19. November 1923, Reihe B
5 Billion Mark, Papier weiß, Unterdruck hellgrün, ohne Wasserzeichen
Ausgabe am 19. November 1923, Reihe A
2 Billion Mark, Papier weiß, Unterdruck blassblau ohne Wasserzeichen
Ausgabe am 20. November 1923, Reihe C
5 Billion Mark, Papier weiß, Unterdruck hellgrün, ohne Wasserzeichen
Ausgabe am 22. November 1923, Reihe B
10 Billion Mark, Papier weiß, Unterdruck braun und grau, ohne Wasserzeichen
Ausgabe am 23. November 1923, Reihe A

10 Billion Mark, Papier weiß, Unterdruck rosa, ohne Wasserzeichen
Ausgabe am 23. November 1923, Reihe B

Die Inflationsausgaben des Amtes Eickel

10 Milliarden Mark, Papier weiß, Unterdruck blau und hellrot, Wasserzeichen verschlungene Kreise
Ausgabe am 31. Oktober 1923, Reihe A
20 Milliarden Mark, Papier weiß, Unterdruck braun und grün, Wasserzeichen verschlungene Kreise
Ausgabe am 31. Oktober 1923, Reihe A
50 Milliarden Mark, Papier weiß, Unterdruck lila und olivgrün, Wasserzeichen verschlungene Kreise
Ausgabe am 31. Oktober 1923, Reihe A
100 Milliarden Mark, Papier weiß, Unterdruck blassblau und rotviolett, Wasserzeichen verschlungene Kreise
Ausgabe am 31. Oktober 1923, Reihe A
50 Milliarden Mark, Papier weiß, Unterdruck rotviolett und lilagrau, Wasserzeichen Schleifenkreuz
Ausgabe am 12. November 1923, Reihe B
100 Milliarden Mark, Papier weiß, Unterdruck helloliv, Wasserzeichen Schleifenkreuz
Ausgabe am 12. November 1923, Reihe B
200 Milliarden Mark, Papier weiß, Unterdruck helloliv und olivgrün, Wasserzeichen Schleifenkreuz
Ausgabe am 12. November 1923, Reihe B
500 Milliarden Mark, Papier weiß, Unterdruck grün und braungrau, Wasserzeichen Schleifenkreuz
Ausgabe am 12. November 1923, Reihe B
1 Billion Mark, Papier weiß, Unterdruck blau und orange, ohne Wasserzeichen, Unterdruck Eintausend Milliarden
Ausgabe am 12. November 1923, Reihe B
2 Billionen Mark, Papier weiß, Unterdruck dunkelrosa und hellblau, ohne Wasserzeichen, Unterdruck Zweitausend Milliarden
Ausgabe am 20. November 1923, Reihe C
5 Billionen Mark, Papier weiß, Unterdruck hellgrün und violett, ohne Wasserzeichen, Unterdruck Fünftausend Milliarden
Ausgabe am 20. November 1923, Reihe C
10 Billionen Mark, Papier weiß, Unterdruck grauviolett und graugrün, ohne Wasserzeichen, Unterdruck Zehntausend Milliarden.
Ausgabe am 20. November 1923, Reihe C

Privatgeld der Magdeburger Bergwerks-Aktien-Gesellschaft, Zeche Königsgrube in Röhlinghausen i.W.

50 Milliarden Mark, Papier weiß, Unterdruck rostbraun, Wasserzeichen Achteckfluss
Ausgabe am 29. Oktober 1923
1 Billion Mark, Papier weiß, Unterdruck grau oliv, Wasserzeichen Wolken
Ausgabe am 29. Oktober 1923 Serie B

Der Wunsch der Bevölkerung nach einer stabilen Währung wurde immer lauter. Im Reichstag beriet man seit Monaten über den Vorschlag Dr. Helfferichs, eine "Deutsche Rentenbank" zu gründen. Durch Eintrag wertbeständiger Hypotheken auf alle Unternehmungen der Landwirtschaft und der Industrie sollten wertbeständige Rentenbriefe und Rentenmarkscheine verausgabt werden. Seit Anfang des Jahres 1923 hatte die Reichsschuldenverwaltung Dollarschatzanweisungen ausgegeben, die aber durch ihren Wert (5 bis 10 Dollar) für die Bevölkerung gleichsam begehrt, wie auch unerreichbar waren. Ebenso verhielt es sich mit dem staatlichen und kommunalen Goldnotengeld. Der Betrag lautete auf Goldmark und Goldpfennig und war auf 4,20 Goldmark als Höchstwert begrenzt.

Am 20. November 1923 wurde mit einer Währungsreform die Inflation beendet. Ein US-Dollar kostete 4,2 Billionen Papiermark, eine Billionen Papiermark waren gleich einer Rentenmark. Am 28. November begann man mit der Einziehung der Darlehnskassenscheine und der Inflationsnoten.

Mit einem Beschluss vom 30. August 1924 wurde die die Reichsmark zusätzlich zur Rentenmark eingeführt. Sie galt zur Rentenmark im Verhältnis 1:1, nun konnte das Wirtschaftsleben wieder beginnen.

Kleingeldersatzmarken (Privatgeld)

Die nachfolgend aufgeführten Restaurant- und Biermarken wurden zwischen 1880 und 1914 verausgabt. Es bedurfte dabei keiner offiziellen Erlaubnis, da ihr Umlauf nur auf die entsprechende Restauration oder Werkskantine beschränkt war. Einige Prägefirmen in Deutschland hatten sich auf die Herstellung solchen Ersatzgeldes spezialisiert, die bekannteste unter ihnen ist wohl Heinrich Kissing in Menden gewesen. Der Herstellungstyp ist fast immer der gleiche. Die Vorderseite trägt den Namen und/oder Ort des Herausgebers im Perlkreis, die Rückseite zeigt, ebenfalls im Perlkreis, den Wert, meist eine "10" oder die Umschrift "Gut für ein Glas Bier" um ein Bierglas.

Noch einige Sätze zur Verwendung der Marken:
Fanden in einer Restauration größere Veranstaltungen statt. kaufte der Organisator beim Wirt gleich größere Mengen der Münzen im Voraus, ließ sie häufiger kennzeichnen, und verteilte sie an die Gäste, die somit dem Ober umständliches Kassieren und Geldwechseln ersparte. An den Tresen war dann eine Holzkiste befestigt, in denen die Münzen zur Verrechnung eingeworfen wurden.

Vs.: WITTWE EBELING - HOLSTERHAUSEN
Rs.: GUT FÜR EIN GLAS BIER und Bierglas
O 20,5 mm, rund, Messing, mit glattem Rand.

Vs.: HEINR. BECKER CRANGE
Rs.: WERTH-MARKE 10 (Pfennig)
O 23,5 mm, Messing, mit glattem Rand.

Quelle: Diese ist eine verkürzte Abhandlung aus: Lührig Heinrich, Zimmermann Peter, Wanne-Eickeler Geschichte auf Münzen und Geldscheinen, Wanne-Eickel 1982.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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