Wanne-Eickel-Historie


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Lutherkirche in Röhlinghausen

Gebäude

Die evangelische Kirchengemeinde Röhlinghausen


Bis zum Jahre 1895 gehörten die evangelischen Bewohner der Gemeinde Röhlinghausen noch zur evangelischen Kirchengemeinde Eickel. Aber der Gemeindevorsteher Diedrich Göddenhoff und der Bergwerksdirektor Wilhelm Lohbeck hatten schon am 15. April 1894 eine Versammlung aller Kirchensteuerzahler einberufen, die beschlossen, in Röhlinghausen eine selbstständige evangelische Kirchengemeinde zu gründen. Es heißt in dem damaligen Protokoll:
„Wohl sei es schwer, liebgewordenes Band mit der alten Muttergemeinde zu durchschneiden, besonders schwer bei der hohen Achtung und Verehrung, die man allseitig den beiden bewährten Seelsorgern Superintendent Daniels und Pfarrer Engeling zolle, deren Amtsführung bei allen Gemeindemitgliedern gleich Befriedigung hervorrufe; dennoch sei gerade der jetzige Zeitpunkt der Trennung günstig, weil der Neubau der Kirche in Eickel sich dann den veränderten Verhältnissen anpassen könnte.“

Durch erlass des Ministers und durch Einvernehmen mit dem Oberkirchenrat der Provinz Westfalen wurde die Errichtung einer selbstständigen Kirchengemeinde in Röhlinghausen für den 1. September 1895 genehmigt. Die erste Gemeindevertretung bestand aus folgenden Mitgliedern: dem Presbyterium, bestehend aus Pfarrer Engeling – praes. Presb., O. Neinhaus – Ältester, D. Göddenhoff – Kirchmeister, H. Stratmann – Diakon, W. Lohbeck – Kirchmeister, W. Funke – Diakon, H. Rademacher – Ältester und den Repräsentaten E. Koch (Ausscheidend 1897), F. Terkamp, W. Brennholt, W. Hüttenmann, H. Dröge, A. Gerkensmeier, F. Schröder (Ausscheidend 1899), H. Horstmann, J. Nagel, G. Funke, H. Linnert, K. Eickelmann, W. Erdmann (Ausscheidend 1901), H. Röhlinghaus, W. Schübbe, W. Gössling, H. Schulte genannt Steinberg, W. Grawenhoff, H. Böhm (Ausscheidend 1903), H. Griesbach, H. Vietinghoff, H. Stöhr, W. Holthaus, F. Baumann.

Die Zeche Pluto überließ der Gemeinde gegen einen mäßigen Mietpreis einen geräumigen Saal an der Plutostraße, in dem die Gottesdienste zunächst abgehalten wurden. Die Gemeinde Crange lieh ihre alte Orgel aus. Eine Gussstahlglocke wurde gekauft und auf dem würdig ausgestatteten Betsaal angebracht.

Den ersten Gottesdienst hielt Pfarrer Engeling aus Eickel am Reformationsfest, dem 3. November 1895. Am 24. Januar 1896 wurde Hilfsprediger Richard Tigges aus Schwelm, damals 24 Jahre alt, zum ersten Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Röhlinghausen gewählt und am 25. März des gleichen Jahres von Superintendent Daniels aus Eickel feierlich in sein Amt eingeführt. Pfarrer Richard Tigges wählte den Bibeltext Römer, 1,16 als Grundlage für seine Antrittspredigt.

„In ihr Kirchensiegel setzt die Gemeinde den seine Jungen mit dem eigenen Herzblut nährenden Pelikan, zum Zeugnis, dass sie fest stehen wolle auf dem eigenen Grunde Jesus Christus“, schrieb der erste Pfarrer der Gemeinde.


Kirchensiegel seit 1895.

Kirchensiegel ab 1954.

Im April 1896 wurde der evangelische Friedhof an der Schulstraße, heute Auf der Wilbe, bei der ersten Beerdigung feierlich seiner Bestimmung übergeben. Das zwei Morgen große Gelände wurde der Kirchengemeinde von der Gemeinde Röhlinghausen unentgeltlich überlassen. Dafür brauchte die Gemeinde Röhlinghausen zunächst keinen Kommunalfriedhof einzurichten.

1896 wurde der Kirch- und Pfarrhausbau beschlossen. Ein Kirchbauverein war bereits zwei Jahre zuvor ins Leben gerufen worden. Grund und Boden für den Bauplatz waren ein Geschenk des Gutsbesitzers Heinrich Stratmann. Am 1. Mai 1898, am Geburtstage des Stifters, war Grundsteinlegung. Die Kirche wurde nach Plänen des Architekten Heidsiek aus Mühlheim an der Ruhr von dem Bauunternehmer Pruß aus Gelsenkirchen-Bulmke gebaut. Am 1. Juni 1899 wurde sie durch Generalsuperintendent Nebe aus Münster geweiht. Er sprach in seiner Predigt über Daniel 9,16:
„Ach Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn um unserer Sünden willen und um unserer Väter Missetaten willen trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her sind.“


Das Gotteshaus im Jahre 1900. Es wurde zunächst nur das Mittelschiff der Kirche gebaut.
Turmbau und Kirchraumerweiterung wurden im Jahre 1903 durchgeführt.

Kaiserin Auguste-Viktoria schenkte der Gemeinde eine wertvolle Altarbibel, die der Generalsuperintendent Nebe der Gemeinde überreichte.

Die erste Seite der Altarbibel der evangelischen Kirchengemeinde ziert ein Bibeltext aus dem Buch Daniel 9,16 des Alten Testamentes. Dieser Text wurde eigenhändig von der Kaiserin Auguste-Viktoria in die Altarbibel hineingeschrieben.


Die Widmung der Kaiserin in der Altarbibel lautet:
"Der evangelischen Kirche in Röhlinghausen zur Erinnerung 1. Juni 1899. Daniel 9,18: Denn wir liegen vor dir mit unserem Gebet, nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine (große) Barmherzigkeit. Auguste Viktoria I.R."


Es wurde zunächst nur das Mittelschiff der Kirche gebaut. Turmbau und Kirchraumerweiterung wurden 1903 durchgeführt. Der Turm erhielt drei Bronzeglocken, die auf DES-ES-F gestimmt waren, und eine schöne Kirchturmuhr. In den Mauern der Turmspitze wurde am 27. August 1903 eine Urkunde eingelassen, auf der stand:

Nun ist unter Gottes Beistand ohne nennenswerten Unfall der Ausbau der Kirche und die Errichtung des Turmes so weit gefördert, dass der Rohbau vollendet dasteht. Der ragende Turm soll den Kopf mit dem Kreuz darauf tragen. Das Kreuz das Zeichen unseres Glaubens, es soll zuoberst stehen auf diesem Bau und mit seinen Strahlenarmen davon zeugen, dass wir uns unter diesen Gnadenthron stellen und uns keines Dinges rühmen wollen, denn allein des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christi. Das Kreuz über der Weltkugel bezeugt, dass uns die Welt gekreuzigt ist und wir der Welt. Wir sind gewiss, dass unsere evangelische Gemeinde Röhlinghausen dastehen wird als eine Trägerin des Lichtes auch in einer dunklen Welt, solange das Ehren- und Siegeszeichen unserer treuen Gemeinde als ewiges Panier. Der Herr erhöre unser Gebet – Amen.“


Blick über die Kirchstraße auf das Gotteshaus mit Kirchenschiff- und Turm, aufgenommen im Jahre 1905.

Das Gotteshaus mit Kirchenschiff- und Turm, von der Kirchstraße (heute Wittenbergstraße) aus im Jahre 1906.

1904 wurde die Kirche dann vom Kirchenmaler Mause aus Dortmund ausgemalt.

Folgende Vereine und Gruppen verstärkten und förderten das Gemeindeleben: der Kirchenchor, geleitet von Lehrer Gäde und dirigiert von Rektor Kremer; der evangelische Frauenverein unter Vorsitz von Frau Kremer; der evangelische Jünglingsverein verbunden mit dem Posaunenchor mit Präses Pfarrer Tigges; der Missionskollektenverein; der Jungfrauenverein; der evangelische Arbeiter- und Bürgerverein.


Der Posaunenchor von 1907. Er trat 1905 zum
erstenmal in der Öffentlichkeit auf.

Der Posaunenchor, unter der Leitung von
Walter Neumann im Jahre 1990.

Das Pfarrhaus wurde 1898 vollendet. Der Schalker Gruben- und Hüttenverein, in dessen Besitz die Zeche Pluto übergegangen war, errichtete 1900 eine Kleinkinderschule in der Nähe der Zeche Pluto Thies, in deren Gebäude zur Zeit der Typhusepidemie am 22. Oktober 1901 als erste Gemeindeschwester die Diakonisse Adeline Kopperberg vom Mutterhaus Bethel ihren Einzug hielt. Ihre Nachfolgerinnen waren seit 1907 Schwester Friederike Büscher, Luise Köster und Christine Weller.

Im Jahre 1907 wurde von der Gemeinde Röhlinghausen ein 3.800 Quadratmeter großes Grundstück für den Bau eines Gemeindehauses mit Kleinkinderschule erworben Zur Einweihungsfeier am 27. Juni 1909 kam Generalsuperintendent D. Zoeller aus Münster. Bei dieser Gelegenheit überreichte er dem Gemeindevorsteher Diedrich Göddenhoff, der auch der 1. Kirchmeister war, den ihm vom Kaiser Wilhelm II. verliehenen Kronenorden.

Hier in diesem Gemeindehaus an der früheren Dietrichstraße, heute Göddenhoff, blühte das Gemeindeleben der evangelischen Christen von Röhlinghausen. Hier fanden die Unterrichtungen der Konfirmanden statt, hier wurde Theater gespielt. Viele alte Röhlinghauser erinnern sich noch gerne an dieses schöne und stattliche Haus, das im Krieg den Bomben zum Opfer fiel.

Seit Januar 1905 wirkten als Hilfsgeistliche die Pfarramtskandidaten Winterhagen, Erfling, Müller, Lohmeier und Blodau. Am 1. Mai 1910 wurde die 2. Pfarrstelle genehmigt. Sie erhielt der aus Gelsenkirchen stammende Synodalvikar Theodor Hollmann, der am 23. Oktober 1910 in sein Amt eingeführt wurde. Im gleichen Jahr konnte bereits der evangelische Frauenverein das Jubelfest seines 25jährigen Bestehens feiern.

Bis zum Ersten Weltkrieg stieg die Seelenzahl der Gemeinde bis auf 7.000 Mitglieder an.
Für den Inhalt der zweiten Pfarrstelle wurde im Jahre 1915 neben der Kirche das zweite Pfarrhaus fertig gestellt.
Im Jahre 1917 wurde das schöne Bronzegeläut der Kirche ausgebaut und an den Staat abgeliefert. Der Bochumer Verein stellte 1918 drei neue Gussstahlglocken her. Sie trugen die gleiche Inschrift wie die alten Bronzeglocken:
„Land, Land, Land, höre des Herrn Wort!“
„lasset euch versöhnen mit Gott!“
„Alles, was Odem hat, lobe den Herren!“

Am 16. Dezember 1918 fand in der Kirche eine Gottesdienstfeier zur Begrüßung der heimgekehrten Soldaten statt; 237 Gemeindemitglieder aber waren gefallen.
Nach Ende des Kaiserreiches im Jahre 1918 und mit Beginn der Weimarer Republik 1919 traten in Deutschland und damit auch in der evangelischen Kirche völlig neue Verhältnisse ein. Die Frauen erhielten u.a. nun auch das Wahlrecht; das Dreiklassenwahlrecht aus der Bismarckzeit wurde abgeschafft. Das Reichsgrundschulgesetz von 1920 bestimmte nun, dass alle Kinder eines Jahrgangs vom sechsten Lebensjahr an die allgemeine Volksschule besuchen mussten. Die Vorbereitungsklassen an den höheren Schulen, die früher von den Kindern begüterter Eltern besucht wurden, fielen fort. Auch in Röhlinghausen bildeten sich nun Elternvereinigungen. Sie erklärten damals, durch Unterschriften:
„Ich beantrage auf Grund des Artikels 146, Absatz 2 der neuen Reichsverfassung, dass meine Kinder in einer Volksschule evangelischen Bekenntnisses erzogen werden. Ich fordere, dass die grundlegende Bedeutung des Religionsunterrichtes bestehen bleibt.“
Am 17. Oktober 1920 beging die Kirchengemeinde das 25jährige Gedächtnis ihres Bestehens. Am 25. März 1921 wurde das 25jährige Ordinations- und Ortsjubiläum vom Pfarrer Richard Tigges gefeiert. 1923 wurde für die Gefallenen ein Ehrenmal in der Kirche geschaffen.

Über dem Haupteingang der Kirche erhob sich an der Innenseite des Turmes die Figur des Auferstandenen, schirmend und segnend die Hände ausbreitend über die rechts und links aufgestellten fünf Tafeln mit den Namen der 237 gefallenen Gemeindemitglieder. Darunter standen die Psalmworte:
„Gott, dein Weg ist heilig“ (Ps. 77,14).

Am 3. November 1924 verstarb der erste Kirchmeister Diedrich Göddenhoff. Er war 40 Jahre Gemeindevorsteher und 29 Jahre Kirchmeister in Röhlinghausen gewesen. In einem Nachruf der politischen Gemeinde Röhlinghausen hieß es:
„Vierzig Jahre lang hat Herr Göddenhoff das Amt des Gemeindevorstehers in vorbildlicher Weise treu und gewissenhaft verwaltet, unermüdlich und unerschrocken die Interessen seiner Gemeinde und ihrer Bewohner vertreten und allen mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Ein vertrauensvolles Verhältnis von seltenem Ausmaß hatte sich im Laufe der Jahre zwischen der Gemeinde und ihrem Vorsteher entwickelt. Es gab kein Ehrenamt, mit dem die Gemeinde ihn nicht bedacht hat. Als erster unbesoldeter Beigeordneter des Amtes Wanne, als Mitglied des Kreisausschusses Gelsenkirchen, in zahlreichen Kommissionen und in anderen Stellungen gab die Gemeinde ihrem Vorsteher, den sie wie eine Vater verehrte; Gelegenheit, seine Geistesgaben, sein Pflichtgefühl und sein soziales Mitgefühl in den Dienst am Gemeinwohl zu stellen. Mit der Geschichte der Gemeinde Röhlinghausen wird der Name des Verstorbenen, der wie kein anderer Verdienste um sie erworben hat, bleiben immerdar.“

Tieferschüttert nahm am 22. November 1926 die Kirchengemeinde am Grab ihres geliebten Pfarrers Theodor Hollmann Abschied. Er hatte der Gemeinde 16 Jahre lang in aufopfernder Treue gedient. Als neuer Pfarrer wurde am 23. März 1927 der Hilfsprediger Gotthold Krahn aus Hille gewählt und am 24. April des gleichen Jahres in sein Amt eingeführt.

Ein hoher Festtag war für die Gemeinde und alle evangelischen Christen die 350jährige Jubelfeier der Einführung der Reformation im Kirchspiel Eickel. In der damaligen Festschrift schrieb Pfarrer Richard Tigges u.a. dazu:

„350 Jahre sind verflossen, seitdem das reine Evangelium im Kirchspiel Eickel den Sieg errang. Am 29., 30. und 31. Oktober wollen wir diese gewaltige Tatsache der Vergangenheit festlich begehen. Möchte der Segen der festlichen Tage darin bestehen, dass unsere Herzen fest werden durch Gnade und evangelisches Gemeindeleben blühen und zu reicher Frucht gedeihen und so das Wort verwirklichen, welches in unserem Gemeindehaus stets neu den Besucher grüßt: Gottes Wort und Luthers Lehr` vergehen nun und nimmer mehr!“

Blick auf das Gemeindehaus um 1925. Auf dem Grundstück, auf dem sich heute das Jugendheim befindet, wurde am 27. Juni 1909 das Gemeindehaus feierlich eingeweiht.

Blick auf das Pfarrhaus der ev. Kirchengemeinde an der Ecke
Auf der Wilbe / Wittenbergstraße im Jahre 1993.

Seit 1933 spiegelte sich dann in der Gemeinde Röhlinghausen das wider, was auch sonst für die evangelische Kirche galt: die Auseinandersetzung der Bekennenden Kirche (BK) mit den Deutschen Christen (DC). Die Gemeinde war in zwei Lager geteilt. Pfarrer Gotthold Krahn war Anhänger der Deutschen Christen. Er wurde im neu gebildeten Kirchenkreis Herne am 18. August 1933 zum Superintendenten gewählt.

Am 15. August 1940 starb im Alter von 69 Jahren Pfarrer Richard Tigges auf der Heimfahrt aus dem Urlaub. Er war 44 Jahre in der evangelischen Kirchengemeinde Röhlinghausen tätig. Für ihn schickte das Konsistorium den Hilfsprediger Hans Willms nach Röhlinghausen. Er bezog 1941 das Pfarrhaus Tigges. Pfarrer Gotthold Krahn wurde zum Wehrdienst eingezogen und ist am 15. Februar 1942 im Osten gefallen. Die 1. Pfarrstelle wurde danach 1942 von Hans Willms besetzt.



Aufmarsch zahlreicher Pfarrer in der Kirchstraße, der heutigen Wittenbergstraße, in Höhe der Lutherkirche. In der ersten Reihe rechts Pfarrer Gotthold Krahn bei seiner Amtseinführung im Herbst 1933. Gotthold Krahn, NSDAP-Mitglied, Angehöriger der SA und Anhänger der Deutschen Christen, wurde am 18. August 1933 im neugebildeten Kirchenkreis Herne zum ersten Superintendanten gewählt. Er war ein eifriger Verfechter der neuen Glaubensrichtung, hatte jedoch während seiner Amtszeit nur einen relativ geringen Einfluß unter den Pfarrern und auch auf seine Gemeinde. Gotthold Krahn wurde im Herbst 1941 als Feldprediger einberufen und fiel am 15. Februar 1942 in Rußland.

Die Lutherkirche in Röhlinghausen wurde im Zweiten Weltkrieg dreimal durch Bomben getroffen. Beim dritten und schwersten Angriff am 6. November 1944 war die Vernichtung vollständig. Presbyter und Kirchmeister Hermann Eichhofer berichtet in der Festschrift aus dem Jahre 1970:

„Mit dem Küster Emil Buchner, der mit zur Brandwache gehörte, haben wir das Feuer beim ersten Mal leicht löschen können, denn die drei abgeworfenen Stabbrandbomben schlugen durch und fielen zwischen die Bänke, so dass der Feuerherd schnell gelöscht werden konnte. Der zweite Angriff war stärker und gefährlicher, weil mehr Brandbomben fielen und an mehreren Stellen das Feuer schon stark loderte. Mit Fräulein Wank, der Organistin, die kräftig mitgeholfen hat, haben wir das Feuer unten gelöscht, aber oben über der Decke brannte es auch. Mit zwei Eimern Wasser und Löschgerät liefen wir schnell die schmale Wendeltreppe im Turm nach oben bis unter das Dach und konnten mit Mühe die Brandstelle noch löschen. Der Abstieg war gefährlich, denn der Rauch von den verbrannten Bänken zog nach oben und füllte die Wendeltreppe. Es war schwer, ohne Gasmaske nach unten durchzukommen. Aber die Kirche war gerettet. – Beim dritten und schwersten Angriff am 6. November 1944 war die Vernichtung vollständig. An neun Stellen brannte es lichterloh und wir konnten nicht helfen, weil gleich zu Beginn des Angriffs die Wasserleitung aussetzte und unser Vorrat im Wasserbehälter zu Ende ging. Mit tränenden Augen und schweren Herzens mussten wir zusehen, wie unsere schöne Kirche ein Raub der Flammen wurde.“

Auch die übrigen Gebäude der Kirchegemeinde wurden zerstört. Das Pfarrhaus brannte aus, das Pfarrhaus Lutherstraße 1a wurde durch Bomben restlos zerstört. Das Schwesternhaus auf der Lutherstraße 5, das bis zuletzt eine Zufluchtstätte für die Gottesdienste war, wurde Anfang 1944 schwer beschädigt und damit unbewohnbar.

Pfarrer Hans Willms wurde zweimal ausgebombt und ging für einige Zeit zu seiner evakuierten Familie nach Herford. Dann fand er wieder eine Wohnung in Wanne und führte von dort aus den Dienst in der Gemeinde fort. Am 10. April 1945 rückten amerikanische Truppen in Röhlinghausen ein. Der Krieg war zu Ende. – Die Kriegsschäden an den kirchlichen Gebäuden waren enorm. Zurück blieben eine zerst5örte Kirche, eine ruinierte und gespaltene Gemeinde, eine schwer getroffene Stadt.

Doch aus den Ruinen blühte bald neues Leben. Am Heiligen Abend 1946 wurde wieder der erste Gottesdienst im Saal Lutherstraße 5 abgehalten. Im März 1947 wurde der erste Kostenplan für den Wiederaufbau der Lutherkirche erstellt. Für den ersten Bauabschnitt wurden 60.000 Reichsmark veranschlagt. Im September 1947 genehmigte das Landeskirchenamt die Wiederbesetzung der zweiten Pfarrstelle. Das Presbyterium beschloss, Pfarrer Fritz Hütt, der in Wanne-Mitte Dienst tat, mit dieser Stelle zu betrauen. Er übernahm damit zugleich die Seelsorge für den Südbezirk in Röhlinghausen, der südlich der früheren Bochumer Straße, jetzt Edmund-Weber-Straße, lag. Bei der ersten Presbyterwahl nach dem Krieg im Jahre 1948 wurden folgende Gemeindemitglieder gewählt:
Robert Burkert, Hermann Eichhofer, Wilhelm Janczyk, Heinrich Kamphöfer, Gustav Knop, Gustav Kröger, Heinrich Linnert und Wilhelm Röhlinghaus.

Landwirt Wilhelm Röhlinghaus wurde zum Kirchmeister gewählt, Heinrich Linnert war sein Stellvertreter. Im Jahre 1948 wurde auch der Frauenchor gegründet, der heute noch existiert.


Vorderansicht der zerstörten Lutherkirche Kirche von der Bochumer Straße (heute Edmund-Weber-Straße) aus gesehen. Nur der Turm überstand den Großangriff vom 6. November 1944. Das Haus rechts, Bochumer Straße 232 wurde ebenfalls getroffen. Im Erdgeschoß befanden sich die Heißmangel Möllmann sowie das Obst- und Gemüsegeschäft Wolters.

Seitenansicht der Kirche - schon mit neu gedecktem Kirchturm.


Am 21. August 1949 hielt Pfarrer Hans Willms seine Abschiedspredigt. Er ging nach Hennen im Kreis Iserlohn. Für ihn wählte die Gemeinde Fritz Hütt zu ihrem Pfarrer. Er bezog die Wohnung in der Lutherstraße 5, heute Wittenbergstraße.

Der im Krieg beschädigte Kirchturm wurde im Jahre 1950 mit neuem Schiefer gedeckt, um ihn vor weiterem Verfall zu schützen. Er war 1903 mit Königsgruber Klinkersteinen erbaut worden. Bald erklangen auch wieder die Glocken über Röhlinghausen und der nahen Umgebung.

Im Jahre 1952 wurde der 1946 erstellte Gottesdienstraum der Gemeinde neu ausgestattet. Die Bauabteilung der Zeche Königsgrube baute unentgeltlich den Altartisch und die Kanzel aus Klinkersteinen. Drei Malermeister wetteiferten in der kostenlosen Ausmalung des Kirchenraumes. Ein Gemeindemitglied stiftete ein hölzernes Altarkreuz.

1953 wurde Jugendsekretär Heise angestellt. Damit begann eine 10 Jahre dauernde blühende Jugendarbeit in der Gemeinde, an die sich heute noch viele Erwachsene gern erinnern.

Dann begann der Wiederaufbau der Pfarrkirche. Pfarrer Hütt schrieb dazu:
„Die schwierigste Aufgabe war der Wiederaufbau der Kirche. Nur der Turm war stehen geblieben. Alles andere war ein großer Trümmerhaufen. Was an brauchbaren Ziegelsteinen noch verwendbar war, wurde geputzt. Alte Invaliden putzten gegen Bezahlung einige hundert Steine pro Tag. Mit Hilfe der Landeskirche, der Kreissynode und dem Opferwillen der Gemeinde wurde es nach jahrelanger Vorbereitung möglich, dass wir an den Wiederaufbau herangehen konnten.“

Die Kanzel und die Kirchbänke sind aus Brasilkiefer gearbeitet. Die 1,5 Tonnen schwere Altarplatte besteht aus Muschelkalk, der übrige Altartisch aus Basalt. Das Taufbecken wurde aus Wesersandstein angefertigt.

Der Hagener Architekt Kuschel und Professor Thol aus Gelsenkirchen wirkten am Entwurf und der Ausgestaltung des Gotteshauses mit. Im Kirchschiff selbst haben 500, auf den Emporen noch einmal 190 Personen eine Sitzgelegenheit. Für die Erwärmung sorgte eine Dampfheizung.

Am Reformationsfest im Jahre 1954 wurde die völlig neu erbaute Kirche wieder eingeweiht. Die Festpredigt hielt Oberkirchenrat Niemann. Am ersten Advent 1956 ertönte die neue Orgel zum Lobe Gottes das erste Mal. Sie hat 22 Register und ist das Werk von Alfred Raupach aus Hattingen.

Am 29. Juli 1956 wurde der 2. Pfarrer Kurt Wernicke in sein Amt eingeführt. Er kümmerte sich hauptsächlich um die Jugendarbeit. So wurde eine ehemalige Militärbaracke erworben und auf einem vorbereiteten Fundament des Gemeindehausgrundstücks aufgestellt. Sie war acht Meter mal zwanzig Meter groß und von nun an bis zur Fertigstellung des Jugendheims im Jahre 1961 die Herberge der Jugend.

Dieses Jugendheim wurde vom Architekten Curth aus Röhlinghausen entworfen. Die Baufirma Walter aus Röhlinghausen führte die Maurerarbeiten durch. Am 26. Februar 1961 wurde das Jugendheim an der Dietrichstraße 8, heute Göddenhoff bezogen. Landeskirchenrat Dr. Reiss hielt die Festpredigt.

Im Jahre 1959 wurde nach Plänen von Karl Niederbäumer auf dem Gemeindefriedhof Auf der Wilbe eine Leichenhalle erbaut. Der Engel an der Stirnwand des Andachtsraumes ist von Christel Klippert entworfen und ausgemalt worden. Der auf dem Gemeindefriedhof tätige Gärtner Karl Kämper wurde 1958 durch den Friedhofsgärtner Franz Pokladek abgelöst. Im Januar 1993 übergab Franz Pokladek aus Altersgründen sein Amt als Friedhofsgärtner Jürgen Nowak.

Am 3. November 1963 wurde zum ersten Mal die Goldene Konfirmation des Jahrgangs 1913 in der evangelischen Gemeinde Röhlinghausen gefeiert.
Im April 1964 beschloss das Presbyterium, ein von der Stadt Wanne-Eickel angebotenes ca. 13.000 Quadratmeter großes Grundstück an der Turmstraße zu kaufen und darauf einen Kindergarten zu bauen. Dieser evangelische Kindergarten wurde 1971 eröffnet.

Zum 1. April 1966 trat Pfarrer Fritz Hütt in den Ruhestand. Sein Nachfolger wurde Pfarrer Schlug aus Gelsenkirchen-Hüllen. Ostern 1968 wurde er durch Superintendent Fritz Schwarz aus Crange in sein Amt eingeführt und bezog das neu erbaute Pfarrhaus Lutherstraße 1a.



Ansicht der Lutherkirche zu Röhlinghausen im Sommer 2009.




Im Jahre 1967 wurde der Turmhelm der Lutherkirche erneuert und mit einem neuen Kreuz ausgestattet. Die Kapsel des Kreuzes enthält die alte Urkunde aus dem Jahre 1903 und eine neue, in der es heißt:
„Die Winterstürme des Jahres 1965 und 1966 haben der Spitze des Kirchturmes so sehr zugesetzt, dass sie sich zur Seite neigte und herabgeholt werden musste. Über 50 Jahre hat sie Wind und Wetter getrotzt, hat zwei Weltkriege überstanden und im letzteren durch Beschuss erheblichen Schaden erlitten. Wenn nun nach gründlicher Reparatur des Kirchturmes wieder Kreuz und Knauf seine Spitze ziert, so soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass auch wir Menschen einer späteren Generation unseren Teil dazu beitragen wollen, dass das Gebet unserer Vorfahren in Röhlinghausen erfüllt wurde.“

Im Presbyterium von 1968 finden wir folgende Gemeindemitglieder:
Friedrich Friedrichs, Werner Nickel, Karl Niederbäumer, Reinhold Braun, Kurt Henry, Günter Krüger, Fritz Martin und Walter Neumann.

Ab Mai 1970 war Diakon Werner Kurbjuhn in der Gemeinde angestellt. Er übernahm als Seelsorger und später als Pfarrer die Betreuung des Nordbezirks. Pfarrer Hubert Schlug war als Seelsorger für den Röhlinghauser Süden zuständig.


1970 war auch das Jahr der großen Renovierungsarbeiten. Die Kirchenbänke wurden gestrichen, ebenso der Glockenstuhl, nachdem man ihn gründlich entrostet hatte. Danach wurden Glocken und Läutewerk überholt und die Schallöcher ausgebessert. Nachdem heftige Windböen immer wieder einzelne Dachziegel herausgeweht hatten, wurde das dach 1978 in Kunstschiefer eingedeckt. Gravierender aber waren die Probleme am Kirchturm. Schon im März 1977 war ein Stück Sandstein aus dem Kirchenportal herausgebrochen und herabgestürzt. Im Jahre 1982 wurde der Turm als Ganzes saniert. Nicht minder aufwendig war 1985 eine umfangreiche Renovierung des Kircheninneren. Nach 18 Jahren wurden hier wieder Malerarbeiten ausgeführt und die Holzdecke erstmals seit dem Wiederaufbau der kriegszerstörten Kirche überholt.


Innenansichten der evangelischen Lutherkirche zu Röhlinghausen.

Im Jahre 1956 erbaute der Orgelbaumeister Alfred Raupach aus Hattingen in Arbeitsgemeinschaft mit der Orgelbaufirma Bosch aus Kassel diese Schleifladenorgel. Sie wurde Anfang 1994 durch die Orgelbaufirma Steinmann aus Vlotho überholt. Von der kleinsten Pfeife (ca. 4 mm) angefangen, bis hin zur größten Pfeife (ca. 3 Meter), die teils aus Zink, Zinn-Blei-Legierung und aus Holz bestehen. Sie alle wurden ausgebaut, gesäubert und gewartet. Nachdem die Laden neu intoniert waren, der Spieltisch überholt wurde, zwei neue Pedalkoppeln gebaut und die gesamte Spieltraktur erneuert war, wurde die Orgel erneuert ihrer ursprünglichen Aufgabe wieder eingesetzt.

Als Nachfolger für den im Januar 1988 pensionierten Pfarrer Hubert Schlug und den im Oktober 1988 verstorbenen Pfarrer i.R. Werner Kurbjuhn wurden die beiden Pfarrer Peter Jendral – am 29. November 1987 zum Pfarrer der zweiten Pfarrstelle und Hilfspfarrer Rüdiger Funke zum 1. April 1988 tätig. Im Januar 1989 wurde die vom Presbyterium beantragte Wiederbesetzung der verkanten erste Pfarrstelle vom Landeskirchenamt freigegeben. Somit konnte am 15. Oktober 1989, Hilfspfarrer Rüdiger Funke als erster Pfarrer in sein Amt eingeführt werden. Anfang August 1996 verließ er die evangelische Kirchengemeinde Röhlinghausen Richtung Herford, wo er am 15. September des gleichen Jahres die zweite Pfarrstelle antrat. Anfang April 1997 wurde der neue Pfarrer Martin Schäfers aus Vlotho mit einem Festgottesdienst in der Röhlinghauser Lutherkirche in sein Amt eingeführt. Am 27. Juli 2008 wechselte nach 22 jähriger Tätigkeit in der evangelischen Kirchengemeinde Röhlinghausen Pfarrer Peter Jendral in die Kirchengemeinde Crange – Wanne. Seit August 2008 hat nun die Kirchengemeinde mit Pfarrer Martin Schäfers nur noch eine Pfarrstelle.

„Gleich welche Umbrüche in der Historie das Gemeindeleben auch beeinflusst haben, in der evangelischen Kirchengemeinde Röhlinghausen bildeten Glauben und christliches Handeln stets eine Einheit.“

Mit diesem Grußwort des Oberbürgermeisters Wolfgang Becker feierte die evangelische Kirchengemeinde in Röhlinghausen am 1. September 1995 ihren 100. Geburtstag. Die Chronik der evangelischen Kirchengemeinde kann mit diesem Jubiläum auf eine wechselvolle Kirchengeschichte zurück blicken.


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Quellennachweis: Festschrift zur 350 jährigen Jubelfeier der evangelischen Kirchengemeinden Eickel und Crange mit ihren Tochtergemeinden Wanne, Röhlinghausen, Hordel, Wanne-Süd und Buer-Resse, nebst Holsterhausen, Wanne-Eickel Oktober 1927, S. 25 ff.
Lührig, Heinrich / Schmitz, Gerhard: Röhlinghausen Wanne-Eickel III, Geschichte und Geschichten aus einem Stadtteil der südlichen Emscherregion, 2. erweiterte Auflage, Herne 1997, S. 99 ff.
1895-1995, 100 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Röhlinghausen.

Fotonachweis-Historisch: Sammlung Heinrich Lührig
Fotoveröffentlichung: Mit Genehmigung durch: Evangelische Kirchengemeide Röhlinghausen: Pfarrer Martin Schäfer / Christoph Müller.



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