Wanne-Eickel-Historie


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Lionella, das Löwenweib

Kirmes

Tagesgespräch auf Crange - Lionella, das Löwenweib


Um 1900 waren die Abnormitätenschauen auf Jahrmärkten eine Attraktion. Unter den Menschen galten diejenigen als ausstellungswürdig, die entweder durch Geburt oder im Laufe ihres Lebens durch körperliche Abnormitäten auffielen. Die sogenannten "Haarmenschen" oder auch "Löwenmenschen", die wegen ihres auffälligen Äußeren von den Schaustellern zur Schau gestellt wurden, waren auf den Jahrmärkten die Attraktion.

Zu diesen Attraktionen zählte "Lionel, der Löwenmensch" (halb Mensch, halb Löwe?) unbestritten zu den Stars auf den Rummelplätzen. Der über und über behaarte, im bürgerlichen Leben 1890 als Stefan Bibrowski zur Welt gekommene Lionel, hatte seinen ersten großen Auftritt im Alter von fünf Jahren im Panoptikum Castan. Ab 1923 reiste er unter anderem in den USA, wo er zeitweilig zu den Hauptattraktion der Sideshow von Barnum und Bailey gehörte.

Lionel - der Löwenmensch, mit bürgerlichen Namen Stefan Bibrowski. Postkarte um 1910.


In Crange wurde derweilen von zwei Bochumer Schaustellern das weibliche Gegenstück, "Lionella, das Löwenweib" zur Schau gestellt. Ebenso wie in anderen Städten war Lionella hier die tollste Attraktion. Auf grellfarbenen Plakaten, die in der Stadt überall zu finden waren, strahlte der lockenumflochtene Mädchenkopf, der auf einem geschmeidigen Löwenleib saß, die Vorübergehenden an. Lionella war das Tagesgespräch von Wanne-Eickel, zu ihr strömten die Menschen in Massen. Es war aber auch schier unfassbar: Halb Mensch - halb Löwe, wurde Lionella allgemein als größtes Naturwunder bezeichnet. Sie kam in den Vorstellungen auf "vier Beinen" angelaufen. Die Vorderbeine waren allerdings wie Hände gestaltet und wiesen je sechs Finger auf, während die Füße je acht Zehen hatten. Das Gesicht war etwas stupsnasiger und gewöhnlicher als es die idealisierten Plakate zeigten. Was aber wollte das schon im Hinblick auf das schöne Fell besagen, auf das selbst der mächtigste Wüstenkönig stolz gewesen wäre!

Lionella sprach auch. Tat sie jedoch den Mund auf, war der gute Eindruck, den man von ihr haben konnte, sofort vorbei. Denn das geschah in der Regel nur, wenn jemand die Seltsamkeit ihres Wesens anzweifelte, worauf sie in keineswegs salonfähigen Ausdrücken schimpfte.

Doch dann geschah es. Hatte man die Schausteller, die in dieser Zeit, da Spiritismus, Okkultismus, Wahrsagerei und aller möglicher Humbug üppig ins Kraut schossen, in den anderen Städten ungeschoren gelassen, so zerplatzte ihr Traum vom großen Geldverdienen in Crange wie eine Seifenblase. Dafür sorgte in erster Linie die Konkurrenz, die auf die Bochumer Schausteller wegen des starken Zuspruchs, den sie hatten, eifersüchtig waren, zumal diese nicht einmal von der "Zukunft" waren.

So kam es, dass die Polizei sich Lionella einmal näher ansah. Und da stellte sie natürlich fest, dass die Angelegenheit mit dem Löwenweib, im Gegensatz zu dem männlichen "Kollegen", der in den USA tourte, purer Schindel war. Ihres Löwenfells beraubt, war sie wie alle anderen Evatöchter, ausgenommen die Hände mit sechs Fingern und die Füße mit acht Zehen.

Die beiden Schausteller aber mussten vor dem Schöffengericht Bochum antreten, wo man ihnen den Schwindel mit Strafen von 50 000 bzw. 250 000 Mark - die Inflation (1914-1923) war noch nicht abgeschlossen - ankreidete. Lionellas Löwenfell aber wurde gerichtlich eingezogen. Wo dieses für die Cranger Kirmes historische Requisit geblieben ist, weiß heute niemand mehr!


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Quellennachweis: Der Komet - Fachblatt für Reisegewerbe und Markthandel ohne Jahrgang.
Fotonachweis: Heinrich Lührig
Weitere Infos unter: www.schaubuden.de


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