Wanne-Eickel-Historie


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Lebenserinnerungen zu Weihnachten

Geschichte

Lebenserinnerungen zu Weihnachten


Viele junge Menschen kennen die geschichtlichen Abläufe unserer Stadt – wenn überhaupt aus Büchern. Viele Lebensgeschichten, durch Erzählungen aus der Verwandtschaft wurden nie schriftlich fest gehalten und gingen so in unserer schnelllebigen Zeit verloren. Und doch sind gerade sie, ein Stück erlebte Zeitgeschichte.

Die Presse griff dieses Thema auf und veröffentlichte Lebenserinnerung zu Weihnachten. Die heute schon längst verloren gegangenen Geschichten wurden durch Lokalhistoriker Heinrich Lührig gesammelt, aufbereitet und so der Nachwelt erhalten. Zu lesen sind selbst erlebte „Geschichte“ die in keinem Lese- oder Geschichtsbuch zu finden ist.


So erinnert sich die Zeitzeugin Maria Notheiz und hielt für die Nachwelt folgende Weihnachtsgeschichte fest:


Weihnachten im Jahre 1932



Es war Anfang der dreißiger Jahre. In Deutschland herrschte große Erwerbslosigkeit. Auch unser Vater gehörte zum großen Heer der Arbeitssuchenden.

Nun war wieder Weihnachtszeit. Die Gabentische würden recht mager aussehen. Deshalb half unser Vater einem Bauern, der in der Stadt zahlungsfähige Kunden hatte, das Geflügel bratfertig herzurichten, damit er mit dem verdienten Geld für jeden ein kleines Geschenk kaufen konnte.
Ich war damals beim Lehrer Pieper in der Klasse. Er hatte mit uns eine weihnachtliche Feier eingeübt. Wer Geschwister hatte, die noch nicht eingeschult waren, durfte sie mitbringen. So nahm ich meine vierjährige Schwester mit. Es war alles sehr schön und feierlich. Als wir nach Hause kamen, saß unsere Mutter in der Küche und weinte. Während der Zeit, als wir auf der Weihnachtsfeier waren, wurde unser Vater bei seiner Beschäftigung von heftigen Schmerzen gequält. Er musste sofort ins Krankenhaus. Es war ein eitriger Blinddarm. Vater wurde umgehend operiert. Doch am Nachmittag, als Mutter ihn kurz besuchen durfte, hatte Vater das schlimmste überstanden. Am nächsten Tag war Heiligabend. Dann machte unsere Mutter immer jemandem, der noch weniger hatte als wir, eine kleine Freude. Dadurch, dass wir einen großen Garten hatten und manches Haustier, waren wir praktisch Selbstversorger. In diesem Jahr hatte Mutter sich eine Familie mit vier Kindern ausgesucht. Der Vater war auch ohne Arbeit.

Da packte unsere Mutter ein selbstgebackenes Weißbrot, ein kleines Stück Schinken und eine Wurst aus unserer Hausschlachtung ein. Für die Kinder machte sie eine bunte Tüte fertig, mit Äpfeln und Birnen, Spritzgebäck, Schokolade und Bonbons. Es war natürlich nicht die Welt. Doch wo nur wenig war und das Geld fehlte, da wirkte eine Gabe wie ein Geschenk des Himmels. Am späten Abend, als kaum noch Leute auf der Straße waren, ging Mutter mit mir zu jenen Leuten. Mutter stellte sich gegenüber in einen Hauseingang. Ich musste die Sachen vor die Tür stellen, heftig klopfen und dann weglaufen. Alles klappte wie eingeübt. Die Frau kam heraus und schaute verwundert um sich. Doch sie hatte bald begriffen, dass da einer den Weihnachtsmann gespielt hatte. Freudig trug sie die Sachen ins Haus. Ich fragte meine Mutter: „Warum mussten wir das heimlich machen?“ Sie belehrte mich mit dem Spruch: „Was die Rechte tut, braucht die Linke nicht zu wissen.“ Mit meinen Zehn Jahren habe ich es noch nicht begriffen. Doch heute weiß ich, dass Mutter die Familie nicht in Verlegenheit bringen wollte. Denn auf dem Land kennt jeder jeden.


Die Schubkarre



In meiner Kinder- und Jugendzeit wurde Weihnachten ein wenig anders gefeiert als heute. Die Bescherung war nicht am heiligen Abend. Das Christkind kam über nacht. Am Morgen des ersten Weihnachtstages, nach der Christmette, war die Bescherung.

Er war Weihnachten 1939. Das erste Kriegsweihnachten. In dem Jahr war der Gabentisch noch reichlich beladen. Die meisten Leute hatten etwas vorgesorgt, da es ja seit langer Zeit kriselte. In unserer Nachbarschaft hatte ein Schreinermeister seine Werkstatt. Dort hatte Vater für unseren vierjährigen Heinz-Willi eine Schubkarre bestellt. Nun kam der erste Feiertag. Unsere Eltern kamen aus der Mette. Mutter weckte uns drei Geschwister: „Aufstehen, das Christkind war da!“ Im Nu waren wir gewaschen und angezogen. Dann ging es ins Weihnachtszimmer. Am Tannenbaum brannten die Kerzen. Natürlich Echte! Ein jeder ging an seinen Platz. Es wurde emsig ausgepackt, gestaunt und sich gefreut. Doch mein Bruder schaute nicht einmal unter den Tisch, obwohl er gegen die Deichsel stieß. Das konnte unser Vater nicht begreifen. So sagte er zu unserem Kleinen: „Ich würde ja einmal unter den Tisch schauen!“ Der fragte: „Meinst Du die Schubkarre? Aber die ist doch nicht vom Christkind! Die hat doch Stock`s Pitter gemacht. Die musste ich doch ausprobieren wegen der Größe.“

Unser Vater war sprachlos. Er fragte: „Ja, freust Du Dich denn nicht?“ Unser Kleiner sagte: „Natürlich freue ich mich. Kann sie auch gut gebrauchen. Aber vom Christkind ist sie nicht. Das weiß ich ganz bestimmt!“ Ja, gut gemeinte Überraschungen können eine ganz schön selbst überraschen. Ob nun vom Christkind oder von Stock`s Pitter, egal. Unser Kleiner hat mit seiner Schubkarre jahrelang viel Freude gehabt, denn er spielte zu gerne „Bauer.“



Eine weitere Zeitzeugin, Erika Wolf erinnert sich und hielt folgendes fest:


Ein Teller voller Reibekuchen



Es gibt Ereignisse in meinem Leben, an die ich mich mit einer klaren Deutlichkeit erinnern kann, als wäre es erst gestern und nicht in meiner frühen Kindheit gewesen.

So geht es mir mit dem ersten Weihnachtsfest nach dem Krieg. Meine Mutter und ich wurden im Mai 1946 aus dem damaligen Sudetenland ausgesiedelt und landeten im heutigen Meklenburg-Vorpommern. Das Dorf hieß Kleinkorzhagen und eine Bauernfamilie nahm uns auf. Mein Vater war vermisst und ist aus dem Krieg nie zurückgekommen. Ich war damals acht Jahre alt und wir hatten nicht mehr, als vier Hände aus der alten Heimat tragen konnten. Bewusst hatte ich den Krieg mit all seinen Schrecken miterlebt. Nun endlich Frieden! Ein schöneres Geschenk konnte es für die Menschen damals sicher nicht geben. Kein Verstecken mehr in Luftschutzkellern, kein Bombenangriff. Ruhe!

Heiligabend 1946: An Geschenken kann ich mich nicht erinnern. Wo sollten sie auch herkommen?
Ein Tannenzweig in einer Vase und ein kleines Licht, das sind die Dinge, an die ich mich noch erinnern kann. Daneben das Bild meines Vaters. Und trotzdem ist in meinem Bewusstsein noch etwas anderes geblieben. In die Stille des Abends plötzlich ein leises Klopfen an der Tür. Nicht der Weihnachtsmann, auch kein Christkind oder gar mein Vater standen vor der Tür. Nein, es war die Vermietern mit einem Teller voller heißer, frisch aus der Pfanne gebackener fetttriefender Reibekuchen. Bis heute habe ich den Geruch in der Nase und den Geschmack des Fettes auf der Zunge von dieser Köstlichkeit. Nie wieder habe ich mit solch einem Heißhunger wie damals in diese braungebrannten Kartoffelkuchen gebissen. Es war mein schönstes Weihnachtsfest nach all diesen Hungerjahren. Gehe ich heute in der Adventzeit auf den Weihnachtsmarkt, lasse ich es mir nie nehmen, an einer Bude diese Speise zu mir zu nehmen. Doch dem Geschmack der Reibekuchen dieser Bäuerin im Jahre 1946 hat noch keiner standgehalten.


Eine weitere Zeitzeugin, Rita Lemke erinnert sich und hielt folgendes fest:


Mein schönstes Weihnachtsfest



Ich wurde 1939, als der Krieg ausbrach, geboren und erinnere mich an ein Weihnachtsfest, gleich nach der Währungsunion. Vater war im Krieg und die Zeiten waren schlecht. Schokolade, Nüsse und andere Leckerein gab es nicht.

Am Heiligen Abend war große Aufregung. Die große Zinkwanne wurde aus der Waschküche geholt. Erst wurde ich gebadet und dann ging Mutti in die Wanne. Meine Wangen glühten im Weihnachtsfieber. Mutti putzte und bohnerte, dass alles nur so blitzte. Der Ofen wurde gestocht und Äpfel gebraten. Aus dem alten Volksempfänger erklang Weihnachtsmusik und ich sah aus dem Fenster den tanzenden Schneeflocken zu. Weiße Weihnachten! Bescherung war am Ersten Weihnachtstag. Ich ging ins Bett und konnte vor lauter Aufregung nicht einschlafen. Nach kurzer Zeit fragte ich: „Mutti war das Christkind schon da?“ „Nein, mein Schatz, schlaf schön weiter“, sagte Mutti. Ich träumte einen schönen Traum und dann war es soweit. Mutti kam an mein Bett und flüsterte: „Rita, das Christkind war da.“ Ich sprang voller Erwartung aus dem Bett und rannte in die Küche. Da stand mitten auf dem Küchentisch ein wunderschöner geschmückter Tannenbaum mit Kugeln, Lametta und brennenden Wachskerzen. Darunter lag meine alte Stoffpuppe, die ein neues Kleid an hatte und ein Teller mit Äpfeln und selbstgebackenem Spritzgebäck. Meine Augen strahlten vor Freude und ich drückte meine Puppe Gisela an mein Herz. Zu der Zeit konnte man sich noch über Kleinigkeiten freuen. Es war ein ruhiges Weihnachtsfest ohne Hektik. Meine Mutter sagte traurig zu mir: „Wenn Vater doch jetzt bei uns wäre.“


Die Zeitzeugin Wilma Hengst hielt folgende Zeitgeschichte fest:


Weihnachten in den 50er Jahren



Die Nachwehen des Zweiten Weltkrieges waren auch in den 50er Jahren noch zu spüren. Sechsmal in der Woche wurde das Abendbrot durch Haferschleim ersetzt, was viel kostengünstiger war. Darum war ein Wurstbrötchen schon etwas Besonderes und der Heilige Abend begann immer mit so einem wunderbaren Abendessen.

Nach der Mahlzeit wurden wir Kinder ins Bett gesteckt und somit konnte unsere Mutter die Wohnküche weihnachtlich herausputzen. Nachdem das Geschirr abgewaschen und das Zimmer aufgeräumt war, wurde der große Tisch, der mittig im Raum stand, mit einer weißen Damasttischdecke abgedeckt. Darauf platzierte unser Vater den kleinen Tannenbaum, denn es war seine Aufgabe, diesen zu schmücken. Derweil kramte Mutter die alten Pappteller heraus und verteilte süße Köstlichkeiten, die sie vom Erlös ihrer gut behüteten Rabattmarkenbücher gekauft hatte. Mutter sparte das ganze Jahr die Heftchen für diesen Zweck auf. Zuerst gab sie auf jeden Teller eine Handvoll Nüsse, jeder bekam einen Apfel, eine Apfelsine, Spekulatius, Printen, Marzipankartoffeln, Dominosteine und obenauf zwei oder drei Knickebein gefüllte Leckerein.

Wir Kinder bekamen zu Weihnachten stets neue Wintersachen. Entweder ein Strickkleid oder einen Pullover, Mütze, Schal und Handschuhe. Doch jedes Jahr neue lange Wollstrümpfe, die bis zu den Oberschenkel reichten und durch die Gummistrapse des Leibchens gehalten wurden. Und ein von uns sehnlichst gewünschtes Spielzeug. Das konnte neue Bekleidung für die Puppe sein. Oder eine neue Puppe, wenn die alte kaputt war. Oder ein Paar Rollschuhe oder Geschirr für das Puppenkind.

Bevor wir geweckt wurden, hatten unsere Eltern schon eine gemütliche Stunde verbracht. Vor Aufregung zitternd kletterten wir aus unseren Betten. Leise weihnachtliche Musik lockte uns in die warme Küche. Und dann stockte der Atem. Vor Aufregung klapperten die Zähne und andächtig bestaunten wir den geschmückten Baum, dessen Kerzenlicht unsere Augen blinzeln ließ. Wir konnten uns nicht entscheiden, was wir zuerst bestaunen sollten. Später wurde gemeinsam gesungen und unser Vater wollte uns glauben machen, er hätte das Christkind gesehen.

Der Weihnachtsmorgen begann mit der Uchte, das heißt, die erste Messe frühmorgens um 7 Uhr. Alle gingen nüchtern zur Kirche. Das Gotteshaus war weihnachtlich geschmückt und andächtig bestaunten wir das Jesuskind in der Krippe. Der kirchliche Gesang verstärkte noch die Feierlichkeit des Tages.

Nach dem Kirchgang deckte unsere Mutter besonders liebevoll den Tisch und dazu zählte das beste Geschirr, welches nur zu ganz besonderen Anlässen benutzt wurde. Zur Feier des Tages gab es einen selbstgebackenen Rollkuchen, gefüllt mit Korinthen, Rosinen, Kokosraspeln, Zitronat und Orangeat. Er war eine schöne feierliche Stimmung.

Wir saßen sonntäglich gekleidet in der halbdunklen Wohnküche. Aus dem Radio ertönte leise weihnachtliche Musik. Die brennenden Kerzen des Christbaumes wetteiferten mit den tanzenden Lichtreflexen an der Decke, ausgelöst von der starken Glut im Kohleofen. Der Raum duftete nach weihnachtlichen Gebäck, verbunden mit dem Duft der Tannennadeln, die als Duftträger seitlich auf dem warmen Ofenrand ausgelegt wurden und verkohlten. Heute denke ich oft an diese karge Zeit, an die Vorfreude, das Herzklopfen und an die festlichen Stunden.


Quellennachweis: Auszug aus dem Wochenblatt vom 23. Dezember 1997. Auszug aus dem Wochenblatt vom 22. Dezember 1999. Auszug aus dem Wochenblatt vom 24. Dezember 2000. Auszug aus dem Wochenblatt vom 23. Dezember 2001.




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