Wanne-Eickel-Historie


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Lampenmeister Knierim

Bergbau

Aus Lampenmeister Johann Knierims Leben


Martin Knierim, Vermessungsfahrsteiger der Zeche Königsgrube erzählt:

Mein Vater kam vor 83 Jahren als fünfzehnjähriger Junge aus dem Hessenlande nach Röhlinghausen gewandert, um hier Arbeit und Brot zu finden. Da zur damaligen Zeit die hiesige Gegend der münsterländischen sehr ähnlich und ebenso schön war, wird mein Vater den Wechsel vom Hessenlande nach hier wohl nicht als schwer empfunden haben. Von Kindheit an musste er tüchtig in der Landwirtschaft mithelfen, so dass er das Arbeiten gewohnt war.

Er trat am 18. März 1872 seinen Dienst auf der Königsgrube an und ahnte wohl nicht, dass 54 Arbeitsjahre daraus werden sollten. Bis zu seinem 70. Lebensjahr rührte er die Hände, erst als Pferdejunge, dann als Schlepper, Lehrhauer und Hauer; insgesamt 40 Jahre lang war er in der Grube. Weitere 14 Jahre tat er über Tage Dienst als Lampenmeister und lebte dann noch 12 Jahre im Ruhestand.




Lampenmeister Johann Knierim.

Gern lauschte ich als Junge seinen Erzählungen aus dem Bergmannsleben. Wie schwer mag es gewesen sein, mit Hacke und Schaufel im dürftigen Schein der offenen Öllampe der Kohle zu Leibe zu rücken und doch gute Leistungen zu erzielen! Wenn der junge Bergmann nach verrichteter Arbeit das Kosthaus aufgesucht und sich gestärkt hatte, fand er Erholung im Walde, im Felde und am Hüllerbach, der damals noch voller Fische war. Röhlinghausen war etwa bis zum Jahre 1895 sehr dünn besiedelt. Vom Erlemannshof bis zum Aschenbruch,

jetzt Wattenscheider Straße, erstreckte sich Wald, der nur durch einige Äcker und Wiesen unterbrochen wurde. Hier und da ragten aus dem Grün die Giebel der Bauernhäuser und Kotten hervor. In den alten Fachwerkkotten gingen die Kumpels in Kost. Eine Kostmutter hatte oft fünf bis acht Bergleute zu versorgen. Alljährlich wurden mehrere Schweine in eigener Schlachtung verwurstet, um so den Haushalt wirtschaftlicher zu gestalten. Der Kostvater arbeitete meist auch auf der Zeche. Bei der Bestellung seines Landes wurde er von seinen Kostgängern fleißig unterstützt.

Mein Vater sah das Hessenland nie wieder, und er hatte sich schon längst durch das Zusammensein mit seinen westfälischen Kumpels die plattdeutsche Sprache angeeignet.

Eines Tages, als er sich mit seinen Arbeitskameraden zur Wattenscheider Kirmes begab, traf er seine Jugendgespielin Katrin aus dem Heimatdorf im Hessenland. Sie erkannten sich beide nach vierzehnjähriger Trennung wieder, und aus ihnen wurde dann selbstverständlich ein Paar. Erstaunlich war zu hören, wie man zu der Zeit einen Hausstand gründete. Von dem heute üblichen Aufwand war da noch nichts zu merken. Ein Küchenschrank, ein Tisch, einige Stühle und eine Wasserbank sowie Küchengeschirr und eine Öllampe waren die Ausstattung der Küche. Im Schlafzimmer standen der Kleiderschrank und die Betten. Später wurde dann gewöhnlich noch ein Wohnzimmer mit Möbeln bestückt, da kamen ein Sofa hinein, ein Tisch mit Stühlen und ein Glasschrank. Das war das gute Zimmer, in dem man sich nur bei festlichen Anlässen aufhielt. Ganz selbstverständlich aber war, dass draußen im Stall ein Schwein und eine Ziege gehalten wurden.

Einkäufe machte man nur einmal in der Woche; der Vater ging nach Bochum, Wattenscheid oder Gelsenkirchen, und zwar gewöhnlich an einem Samstag, wenn die Mutter Putztag hatte. Da wurden die Fußbodenbretter, die zu der Zeit noch nicht mit Farbe gestrichen waren, blankgescheuert, nachdem man sie vom acht Tage alten Sand gesäubert hatte. Vom Sandverkäufer, der mit einem Eselbespannten Wagen von Haus zu Haus fuhr, wurde neuer, weißer Sand gekauft und auf den Küchenboden gestreut.

Die Zeit verging, und nach vielen Jahren kam ich als neunter und letzter auf die Welt. Inzwischen war der Wald verschwunden und Röhlinghausen schon ziemlich dicht besiedelt. Trotz der starken Beanspruchung durch die Zeche, der sich mein Vater während seines Lebens eng verbunden fühlte, war er uns Kindern ein guter, liebevoller Vater, von der Mutter aufs beste unterstützt. Besonders ich als Jüngster kam in den Genuss der Elternliebe.

Gern entsinne ich mich der Gastfreundschaft im elterlichen Hause. Kam Besuch, und das geschah sehr oft, so dauerte es nicht lange, bis der Vater sagte: "Mama, sei Water op!" Während die Mutter dann den Kaffee zubereitete, fragte er: ,,Wat sall ek runnerhalen, Blautworst, Leberworst, Mettworst oder Schinken?" Auf seine Hausschlachtung war er besonders stolz. Sämtliche Wurstsorten waren von einem Hausschlächter nach hessischem Rezept hergestellt, und der Vorrat wurde nie alle. Gern wurde bei solchen Besuchen auch vom Pütt erzählt.

Ich wundere mich heute noch, wie groß früher die Anteilnahme der Frauen an dem Beruf ihrer Männer war. Wie oft erlebten die Kinder draußen beim Spielen, dass sich die Mütter vom Pütt unterhielten. Gewöhnlich berichtete dann die Nachbarin: „Wet jit schon, de Graute hat sech wiär mol met dem Kleinen inne Wuolle gehat!" Der „Graute" war Daniel Bonacker und der ,,Kleine" sein untersetzter Betriebsführer. Bei solchen Gesprächen schwirrten oft allerlei Dialekte durcheinander, westfälisches Platt, Hessisch, Ostpreußisch und Österreichisch.

Wie häufig und gern begleitete ich meinen Vater bei seinen Spaziergängen in das Röhlinghauser und Hordeler Feld! Er zeigte mir hier und da die alten Baumbestände, die von den einstigen Wäldern übrig geblieben waren. Besonders wuchtig und groß erschienen mir die Buchen am Stratmannshof, die wohl einige Jahrhunderte alt waren und einen Durchmesser von etwa einem Meter hatten. Unzählige Namen waren in ihre Rinden geritzt, auch die meiner Eltern; ich setzte später den meinen darunter. Leider mussten diese schönen Bäume beim Bau einer Siedlung im Jahre 1922 gefällt werden.

Die Zeit ging unentwegt weiter. Meine Brüder und ich wurden Bergleute. Mein Vater starb im Jahre 1938 als alter „Königsgruber". Auch ich diene der Zeche schon 38 Jahre und werde versuchen, es meinem Vater gleichzutun.

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Quelle: Lührig, Heinrich / Schmitz, Gerhard: Röhlinghausen Wanne-Eickel III, Geschichte und Geschichten aus einem Stadtteil der südlichen Emscherregion, 2. erweiterte Auflage, Herne 1997, S. 91 ff.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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