Wanne-Eickel-Historie


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Kumpel Pferd - Eine Bergannsgeschichte

Bergbau

Kumpel Pferd



Es ist dies die einfache Geschichte eines Grubenpferdes; und ein Ruhrkumpel, welcher der Freund dieses Tieres gewesen ist, hat sie euch erzählt. Sie waren die besten Kameraden; sie hielten sich die Treue; sie hingen aneinander, die beiden; und der Kumpel sagte einmal: "Wer die Menschen kennt, der liebt die Tiere!" Dabei klopfte er seinem Kumpel Pferd den Hals, und das Tier legte ihm den schönen Kopf auf die Schulter und war ganz still, als verstände es ihn. Aber das ist nun die Geschichte: Der Hellweg ist eine alte Straße, die von Westen nach Osten durch das südliche Industriegebiet läuft. Zwischen den großen Städten liegen heute noch kleinere Dörfer, einst Bauerschaften genannt; und zwischen Fördertürmen und Schonsteinen winkt hier und dort noch das helle Fachwerk eines Bauernhofes aus Hecken und Büschen.

Um einen dieser Höfe lag zwischen struppigen Weiden eine Pferdekoppel, und Fritzchen, das Füllen, fühlte sich hier recht wohl. Es zupfte und rupfte hier und dort, trabte oder galoppierte die Koppel hinauf und hinunter und tummelte sich nach Herzenslust. Ab und zu warf es den Kopf hoch und schnupperte die Luft ab. Es roch scharf nach Rauch, der von den Zechen und Kokerein über das Land strich. Dann schüttelte es heftig den Kopf, versuchte zu wiehern und trabte wieder den Zaun entlang, der den Kamp umsäumte. Fritz Beckherm, ein Junge vom Hellweg und das letzte Jahr in der Schule, lehnte an diesem Zaun und schnalzte mit der Zunge. Sein blonder Jungenschopf wehte im frischen Sommerwinde. Seine geflickten, aber sauberen Hosen glänzten auf der Rückseite bedenklich, und diese Hosenhinterteile waren schon seit Jahren der stille Kummer seiner Mutter. Schuld daran war die Steinhalde.

Diese Steinhalde...! Wie ein großes Untier lag sie da mit mächtigem und breitem Buckel, wie ein riesiger dunkler Klotz. Der Regen hatte breite Furchen und sogar richtige kleine Schluchten in sie hineingegraben. An einigen Stellen aber war sie spiegelglatt. Das waren die Rutschbahnen der Jungen, die, auf Dachpfannen oder in abgedankten Waschschüsseln sitzend, in sausender Abfahrt den Hang der Halde hinunterglitt. Ja, sie hatten alle schon einmal von den Alpen gehört, von Rodel- und Schlittenfahrten über steile Berghänge, vom Wintersport in Garmisch oder St. Moritz. Das mochte alles ganz schön sein; aber es ging doch nichts über so eine richtige, so eine ordentliche Steinhalde. So eine Schussfahrt an der steilsten Stelle, so eine Abfahrt, dass einem der Wind um die Ohren pfiff, das war für die Jungen aus dem Kohlenpott der Himmel auf Erden. Nur diese Hosenböden ! So viel Flicklappen gab es kaum in Mutters Korb! Der Vater griff ab und zu nach dem Lederriemen, den er um den Leib trug. Dann stahl Fritz sich rasch und lautlos zur Tür hinaus, denn mit dem Vater war schlecht Kirschen essen. Für ein paar Tage war es aus mit den Schussfahrten und Waschschüsselkunststückchen, bis ihn das Bergfieber doch wieder packte. Jetzt im Sommer aber saß Fritz auf den Heu- und Kornfuhren, die von den Wiesen und Äckern in die Scheune rumpelten. Er machte sich nützlich, packte zu, wo er konnte, und am Abend saß er mit dem Hofgesinde um den weißgescheuerten Tisch, löffelte seine Milchsuppe und biss herzhaft in das deftige Wurstbrot.

Die schönste Stunde des Tages aber war die nach Feierabend auf der Pferdekoppel. Fritz schnalzte mit der Zunge, hielt eine Rinde Brot hoch und setzte sich quer über die Weide hin in Trab. Fritzchen, das Füllen, verstand ihn, bockte hoch und stampfte mit den langen, schlanken Beinen. Dann warf es den Kopf empor und galoppierte neben Fritz her, dass die Erdklumpen flogen, und im Galopp suchte es das Stück Brot aus der Hand des Kameraden zu erhaschen. Es war eine schöne Zeit, und dem segenschweren Sommer folgte ein milder, weicher Herbst mit Fuhren von Kartoffeln und Kohl und Rüben. Fruchtbar waren die Äcker hierzulande und die Scheunen gefüllt bis zum First. Fritz nahm von seinem Fohlen Abschied, und der wurde ihm nicht leicht. Immer wieder nahm er den Kopf des Tieres zwischen die Hände und sah ihm in die guten Augen. Er strich über die weißgefleckte Stirn und kraulte in seiner Mähne, hieß den Kameraden noch einmal ein Stück Brot aus der Jackentasche holen und ging dann langsam über den Kamp dem Hellweg zu. Er sah das Füllen vor der versinkenden Sonne stehen wie ein Standbild, den Kopf erhoben, unbeweglich ihm nachschauend. Ein halbes Jahr später ging Fritz, die Kaffeeflasche auf dem Rücken, als Bergjunge zum nahen Schacht. Fritzchen aber, das Fohlen, kam in die Trense und gewöhnte sich langsam an Zaumzeug und Zügel.

Seit diesem Abschied waren fast drei Jahre vergangen, drei lange Jahre. Frühling und Sommer, Herbst und Winter wechselten. Aussaat und Ernte, Regen und Sonne. Die Seilscheiben auf den Fördertürmen drehten sich unermüdlich. Auf der Hängebank und im Füllort lärmten und donnerten die Förderwagen aufeinander. Die Kumpels stampften durch Sonne und Schnee, durch schwarze Pfützen und an grünen Saaten vorbei zur Schicht und wieder heimwärts, die Kaffeeflasche auf der Schulter, das Grubenzeug unterm Arm, tagaus, tagein. Sonntags sahen sie nach ihren Brieftauben, saßen sie auf der Feierabendbank und sahen ihren Kindern zu, saugten an den Stummelpfeifen und ließen die harten Fäuste ruhen. Sie hatten das, bei Gott, wohl verdient. Fritz war von der Lesebank in die Grube gekommen, und das behagte ihm besser. Es gab ein paar Pfennige für die Schicht mehr, und er fühlte sich nun schon beinahe als alter Bergmann, sprach wie einer von ihnen, lachte wie sie und freute sich, wenn der alte Hennes Krumtünger, der Ortsälteste aus der ersten Abteilung, ihm die Hand auf die Schulter legte und feierlich sagte:


"Zum Knappen taugt ein Feigling nicht,
zum Knappen taugt kein schlechter Wicht..."


Ein paar Mal war Fritz noch auf dem alten Hof nahe am Hellweg gewesen. Das hättet ihr sehen sollen! Wenn er in den Stall kam, war der Teufel los. Das war dann ein Gestampfe und Gewieher, ein Tätscheln und Streicheln, dass es eine Art hatte. Aus dem bockigen Fohlen war ein richtiger Brabanter Rappen geworden, ein handfester, stämmiger Bursche mit seidenweichen, glänzenden Haar, ein hübscher Kerl. Jedes Mal musste Fritz, der auf den Sportplätzen so gut zu Hause war wie im Querschlag der 4. Sohle, sich ein bissen Wasser aus dem Augenwinkel tupfen. Ach Gott, so ein dummer Schnickschnack! Er war doch ein gerade gewachsener Junge, Kapitän der Jugendmannschaft und allzeit ein fröhlicher Bursche, - und dann heulen, richtig heulen...! Nein, das ging nicht. An einem Sonntagabend nahm der alte Ohm Bernd vom Helfshof ihn beiseite und setzte sich mit ihm auf die Bank neben dem Tränktrog. "Ja, mein Junge, es muß ja doch einmal gesagt werden, und da ist es besser, ich sag` es gleich. Also unser Fritzchen..." - er druckste ein paar Mal - "unser Fritzchen geht uns davon - - wir haben es verkauft. So ein Hof muß ja auch leben...!" Ihr hättet sehen sollen, welche Augen unser Freund Fritz da machte! Das Kinn klappte ihm ein wenig herunter, eine Hand fuhr dem Ohm an den wollenen Brustlatz; und dann stand er auf, ging über den Hofplatz, den Kopf gesenkt, langsam durch den Kamp der Straße zu... Nein, es war ihm in den nächsten Tagen nicht viel anzufangen! Der alte Hannes, der eine feine Seele hatte, merkte das und horchte seinen jungen Kameraden vorsichtig und behutsam aus.

Eines Morgens vor der Seilfahrt kam das Wunder. Fritz fand seine Marke zugehangen: Beim Betriebsführer melden! Also stand er dann vor diesem, lüftete die Mütze und sah ein wenig neugierig drein. "Geh in den Pferdestall und melde dich beim Stallmeister, Fritz!" Der Junge trollte sich. Aber in diesem Augenblick tat sein Herz einen Freudensprung. Er machte einen Satz zur ersten Box hin, hing dem Rappen um den Hals, drückte sein Gesicht an den Kopf des Tieres und lachte wie ein Schneekönig: "Bist du doch wieder da, Fritzchen...?" Der Stallmeister aber drehte sich um, diesmal wischte er sich über die Augen. Was soll ich euch sagen? Fritz ahnte, wie seinem vierbeinigen Kameraden zu Mute war, als der Förderkorb langsam hinunterglitt und der Rappe den Kopf über seine Schulter an sein Gesicht legte und ein leises Zittern durch den Leib des Tieres ging. Aber was sollten sie sich das Leben schwer machen? Zwei gute Freunde hatten sich wiedergefunden, und sie hielten sich die Treue und trösteten sich und schüttelten sich ihr Herz aus, jeder auf seine Art: Fritz, der Pferdejunge, und Fritzchen, das Grubenpferd.

Sie fuhren die Strecke hinauf und hinab, und der Junge sang mit seiner rauen Stimme, und Fritzchen wieherte und warf sich in die Ketten, dass die vollen Wagen hinter ihm nur so knallten. Hier gab`s ein Stückchen Zucker und dort eine Rinde Brot, und einmal - und das ist nicht erfunden - steckte ihm der alte Hannes einen richtigen - Priem zwischen die Zähne und die Backentaschen. Das hättet ihr sehen sollen, wie der Rappe prustete und die langen Zähne bleckte! Aber Fritz belehrte ihn, sprach ihm zu, klopfte ihm den Hals, und eines Tages war es so weit: Fritzchen genoß seinen Priem auf ganz bergmännischer Art und schnupperte an Hannes schweißiger Jacke, bis wieder ein Stückchen hinter seinen Backen wanderte. Darf man sagen, dass die Tiere keinen Verstand haben? Ich sag euch, Fritzchen hatte welchen und nicht wenig! Er zog tagaus und tagein seine vollen wagen, jedes Mal zehn an der Zahl, keinen mehr. Wenn er eingespannt wurde, stand er bewegungslos im Geschirr und wartete auf das Jüh seines Kumpels. In diesem Augenblick bekamen seine Augen einen pfiffigen Glanz; die Ohren spitzten sich und begannen zu kreisen. Langsam und lauernd zog der Rappe an und legte dabei den Kopf ein wenig auf die Seite, als horchte er. Nun mussten die wagen aufeinanderschlagen...! Aha, jetzt bumst es... einmal, zweimal...neunmal, nicht einmal mehr...! Manchmal neckte Fritz seinen vierbeinigen Kumpel und ließ einen Wagen mehr anhängen. Jüh, jüh...! Es bumste wieder einmal...zweimal...zehnmal! Fritzchen merkte ja nichts! Fehlgeschlagen, Fritz, - der Kumpel merkt`s schon! Der Rappe blieb stehen, sah Fritz voller Vorwurf an, wieherte, scharrte, schüttelte den Kopf, prustete und schubste voller Ärger und wandte sich und sah aufmerksam zu, wie Fritz den elften wagen abkoppelte. Dann zog er wieder an, langsam, langsam...Ja man konnte seinem besten Freund nicht trauen, nicht einmal dem Fritz, diesem Lausejungen! Einmal...zweimal...aha! Jetzt war`s richtig, und im flotten gang stampfte der Rappe vom Ort weg dem Querschlag zu. - Ich sag` euch, er hatte Verstand und nicht wenig. Eines Tages in der Weihnachtszeit kam dann doch das Unglück. Sie fuhren mit 10 Leeren zum Ort, um 10 Volle abzuholen.

"Mein Gott, wie unruhig bist du heute!" sagte Fritz, nahm den Kopf des Tieres zwischen die Hände, sah ihm in die Augen, steckte ihm etwas zu und tätschelte ihm den Hals. Aber der Rappe schnaubte unruhig, stand zitternd da, ließ die Vollen einklinken und fuhr, ohne auf das Jüh zu warten, wieder los. Mitten auf der Strecke lag ein Stein in der Bahn, der sich aus dem Hangenden gelöst hatte. Fritz sprang ab und machte sich an ihm zu schaffen. In diesem Augenblick hörte er ein feines Knistern durch das Gestein gehen. Wie leises Stöhnen fast klang es, wie ein fernes Seufzen. "Das Hangende kommt!" schrie er rannte davon. "Der Berg kommt, Hilfe, der Berg kommt!" Aber dann plötzlich hielt er ein und wandte sich. Mein Gott, er hatte seinen vierbeinigen Kumpel vergessen! Er sprang zurück, die Lampe in der Faust...da warf ihn ein höllisches Krachen in die Knie, ein Geprassel und Gedröhne war da vor ihm, wo der Wagen stand...ein Wiehern klang auf, der Ruf des Kameraden, immer leiser...nun röchelnd...sterbend...! Grausiges Entsetzen trat in die Augen des Pferdejungen; schreiend rannte er den Querschlag hinunter. "Der Rappe liegt unterm Berg...!" Eine Stunde später hob ein Flaschenzug den letzten schweren Steinbrocken von dem toten Grubenpferd weg, und da warf Fritz sich über das treue Tier, legte sein Gesicht an den Kopf des Rappen und konnte nur sagen: "Guter, guter Kumpel...Kumpel Pferd ...!

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Quelle: Hüls Wilhelm, Bröker Franz-Werner: Westfälisches Volkstum, Lesebogen zur Heimatkunde Heft 5/6 1949
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig

Illustriert von Fritz Busse


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