Wanne-Eickel-Historie


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Korn- und Obstbrennerei Eicker & Callen

Firmen mit Tradition

Wo der Emschergeist spukt


Am Heitkampsfeld 6 im Wanner Süden, spukt der "Emschergeist". Er sitzt in durchsichtigen Flaschen und wartet ungeduldig darauf, herausgelassen zu werden. Doch keine Angst: Die Menschen, denen er übel mitspielt, haben es sich selbst zuzuschreiben.

Die Korn- und Obstbrennerei Eicker & Callen gehört zu dem relativ kleinen Kreis von Kornbrennerein in der BRD. Die Gründungsgebäude standen auf einem vom Bauern Storp gepachteten Gelände an der ehemaligen Augustastraße in Wanne-Süd. Der Landwirt verkaufte später jedoch seinen Grund und Boden an die Eisenbahn, die später den ersten Wanner Bahnhof baute. Deswegen zogen die Herren Eicker und Callen im Jahre 1889 ein paar hundert Meter weiter zum Bahndamm 6 (früher Blücherstraße). Hier blieb die Familie Callen bis heute sesshaft, während der Firmenmitbegründer Eicker nach dem 1. Weltkrieg aus dem Unternehmen schied.

Die Namensgebung wurde jedoch beibehalten, weil man schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatte. Bei der Herstellung des Korn-Alkohols knüpft die Familie Callen, nun in der dritten Generation, an eine mehr als hundertjährige Familientradition an.

Kornbrennerei und Likörfabrik Eicker & Callen
Wanne in Westfalen seit 1889.
.

Briefkopf der Dampf-Kornbranntwein und Steinhäger-
Brennerei Eicker & Callen Wanne in Westf. 02. Juli 1917.

"Vom Schornstein aus kann ich alle meine Kunden sehen", schmunzelt Thomas Callen. Was jedoch charmant untertrieben ist: Ihre Produkte setzt die einzige lokale Brennerei zwar hauptsächlich in Wanne-Eickel ab - Stammkunden gibt es aber auch im weiten Umkreis.

Dem großen Brennereisterben ist Eicker & Callen entkommen. Eine drastische Erhöhung der Branntweinsteuer und die Überschwemmung des Marktes mit billigem "Klaren" machten den Brennern zu schaffen. Heute ist es die ausländische Konkurrenz, die Sorgen bereitet: Selbst der schlechteste Grappa wird einem guten oder sehr guten Korn vorgezogen. "Korn hat ein schlechtes Image, wird als billiges, minderwertiges Getränk eingestuft", kennt auch Thomas Callen die Vorurteile. "Teilweise haben sich die Hersteller das auch selbst zuzuschreiben." Ein sorgfältig gebrannter und gelagerter Korn braucht sich aber absolut nicht zu verstecken. Genau wie beim Bier gibt es auch für den Korn ein Reinheitsgebot, das 1909 erlassen wurde. "Volles Korn, Malz, Hefe und Wasser - etwas anderes darf ein Korn nicht enthalten", erklärt Brennmeister Thomas Callen. Geschmacksunterschiede entstehen durch die Art und Qualität der Ausgangsprodukte und die Lagerung. So ist "Callens Bester" ein reiner Weizenkorn der mindestens sechs Monate im Holzfass lagert, bevor er abgefüllt wird. Der "barrique" - Ausbau verleiht dem Korn auch die leicht goldene Farbe.

Werbeanzeige (links) und Flaschenetikett aus längst vergangenen Zeiten.

80 Prozent aller Kornbrände bestehen aus Weizen, 20 Prozent aus Roggen. Während Weizenkorn weich und mild schmeckt, ist Roggenkorn eher kräftig. Der "Wanner Mann" ist zum Beispiel ein Roggenkorn. Das Getreide bezieht Thomas Callen von Bauern oder Genossenschaften aus der Umgebung. Unter dem Dach der Brennerei wird es gelagert, zu feinstem Mehl gemahlen und mit Wasser geteigt. Dann kommt Malz dazu, damit die Maische verzuckert. Anschließend wird Hefe zugegeben, und nun beginnt der eigentliche Gärungsprozess. Nach 72 Stunden kommt die Maische in einen Brennkessel, in dem durch Destillation der Rohbrand hergestellt wird. In einem nachgeschalteten Feinbrenngerät werden dem Rohbrand Stoffe wie Fuselöle und Methyl-Alkohol entzogen. Mit Wasser wird der 96prozentige Alkohol auf Trinkstärke gebracht.



"Am Grundsatz dieses Verfahrens", erklärt Thomas Callen, "hat sich seit Jahrhunderten nichts geändert." So ähnlich wird es wohl auch sein Urahn gemacht haben, der um 1700 in einer Chronik als "Branntwynbrenner" genannt wird. Und so begann auch 1889 Callens Opa. Neben Korn stellt die Firma Callen auch Liköre her. Der bekannteste ist der "Mond von Wanne-Eickel", der auf Weizenbasis mit Apfel- und Birnensaft hergestellt wird. "In den 60er Jahren war der Mond zuckersüß", schüttelt sich der Brennmeister noch nachträglich. Der Zucker ist inzwischen drastisch reduziert worden. Callen ist sicher: "Heute wird der Mond nicht nur verschenkt - er wird getrunken." Seine Spirituosen-Palette hat der Wanner 1990/91 durch Obstbrände ergänzt. "Auf dem Heitkamp-Gelände stand ein Birnenbaum, der phantastisch trug, aber nie abgeerntet wurde. Heitkamps hatten nichts dagegen, dass ich die Früchte verwertete", erinnert sich Thomas Callen an den Anfang der Obstbrennerei.



In alten Steingutkrügen lagern bei Callen verschiedene Spiritosen. Im Bild, Josef Callen, aufgenommen im Jahre 1985.

Blick in den Innenhof der Korn- und Obstbrennerei
Eicker & Callen um 1953.

Aus großen Steingutbehälter füllt Thomas Callen im
Herbst 1997 die fertigen Sprituosen ab.


Heute bezieht er sein Obst meistens vom Naturschutzbund (Nabu). Die Herstellung von Obstbränden ist aufwendig. "Das ist bei mir eher ein Hobby", sagt Thomas Callen. Während aus 100 Kilo Korn 37 Liter Alkohol gewonnen werden, sind es bei der gleichen Menge Obst nur fünf bis sechs Liter. Es ist übrigens nicht Sache des Brenners, wieviel Alkohol er produziert, die Menge gibt der Staat vor.

"Gerade vor Jahresende treffen viele Sammelbestellungen ein", erzählt Thomas Callen. Vor Jahren wurde noch bis ins Sauerland und an die Mosel die Kartons mit "Callens Bester" und "Emschergeist" verschickt. Heute werden Bestellungen aus der ganzen Welt entgegengenommen. Ein besonderes Erlebnis ist jedoch der Direktverkauf in dem Lädchen am Heitkampsfeld in Wanne-Süd.

Seit dem 01.Januar 2015 wird die ehemalige Brennerei Eicker & Callen als Destillerie Eicker & Callen von Peter Meinken geführt. Als Inhaber der Alten Drogerie Meinken ist Peter Meinken bestens mit Thomas Callen und seiner Schwester Jutta Callen-Kolodziej bekannt. Beide Firmen arbeiten bereits seit über 75 Jahren vertrauenswürdig zusammen und setzen nun als Destillerie Eicker & Callen ihren Weg gemeinsam fort.


Der Mond von Wanne-Eickel und der Wanner Mann gehören zur Heimat wie die Cranger Kirmes, sagen nicht nur Lokalpatrioten.

Der Chef persönlich führte im Mai 2000 durch die Ost- und Kornbrennerei und gab einen "Schnupperkurs" in
Sachen Schnapsbrennen.

Vorstellung des Jubiläumskorns aus Anlaß des 75 jährigen Jubiläums der GfH.. Thomas Callen zeichnete für den Roggenkorn als Brennmeister und Heinrich Lührig (links im Bild) für die Gestaltung des Flaschenetiketts verantwortlich.

Viel Spaß hatten die Gäste der Brennereiführung im Mai 2000 bei der Verkostung der rund 20 Schnapssorten. Zu den einzelnen Schnäpse erzählte der Brennmeister jeweils eine Anekdote.

Thomas Callen über Eicker & Callen und das Handwerk der Kornbrennerei


Die Herstellung von Alkohol aus Getreide hat in der Familie eine lange Tradition, denn schon um 1700 wird in der Chronik von einem "Branntwynbrenner berichtet. Seit 1889 wird die hohe Kunst des Brennens in Wanne-Eickel ausgeübt.

Bei der Herstellung unseres Korn-Alkohols knüpfen wir an eine mehr als hundertjährige Familientradition an. Wie schon zu Großvaters Zeiten nehmen wir Weizen oder Roggen, Malz und Hefe und vermischen sie im Wasser. Aus dieser "Maische" entsteht nach drei bis vier Tagen durch Vergärung der Alkohol.

Da Alkohol leichter siedet als Wasser, wird er durch Aufkochen auf dem Brenngerät von den Restbestandteilen - der Schlempe - getrennt. Der im Destilliergerät gewonnene Rohbrand hat eine Stärke von ca. 85 %vol.

Um diesen Korn-Alkohol zu Trinkbranntwein verarbeiten zu können, wird er ein zweites Mal destilliert. Diesen Vorgang nennt man "Rektifizieren". Dabei entstehen aus dem Rohbrand grob gesagt drei Teile: Der Vor-, Mittel- und Nachlauf. Im Vor- und Nachlauf werden Aldehyde und Fuselöle abgeschieden. Nur der Mittellauf, das Herzstück, wird zur Herstellung unserer Spirituosen genommen.

Mit Wasser auf Trinkstärke gebracht, sorgsam gelagert und in Flaschen gefüllt, können Sie unsere Produkte genießen.


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Quellennachweis:
Kultur- und Wirtswchaftschronik für die Stadt Wanne-Eickel, Mai 1971.
WAZ vom 19. Juli 1985, August 2014.
Interview vom Mai 1998 mit Thomas Callen durch Heinrich Lührig.

Fotonachweis: Bildarchiv der Obst- und Kornbrennerei Eicker und Callen.
Sammlung: Heinrich Lührig.
Weitere Infos unter: www.eicker-callen.de


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