Wanne-Eickel-Historie


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Kommunales Kino in Eickel

Gebäude

Das Filmtheater des kleinen Mannes


Fünfzehn Jahre nachdem in Europa die von den französischen Brüdern Auguste Marie und Jean Louis Nicolas Lumière entwickelten und 1898 als Guckkasten von dem amerikanischen Erfinder Edison patentierten Frühform von Kinematographen-Apparaten auf den Markt waren, wurde im Jahre 1904 das erste kommerzielle Filmtheater in Wanne, im ehemaligen "Westfälischen Hof" eröffnete. Acht Jahre später wurde Eickel Teil der deutschen Kinogeschichte, als am 30. November 1912 im Gartmannschen Saal das erste kommunale Kino des Deutschen Reiches eröffnet wurde.

Auf dem vierten Westfälischen Landgemeindetag, der am 14./15. Juni 1912 in Hagen/Westfalen zusammentrat, propagierte der evangelische Theologe und Hagener Gymnasialprofessor Adolf Sellmann den Gedanken, die Gemeinden in den Dienst der Kinoreform zu stellen.

Die Empfehlung des Westfälischen Landgemeindetages griff als erste die Gemeinde Eickel im Landkreis Gelsenkirchen auf, wo schon seit einiger Zeit Amtmann Karl Berkermann Pläne für ein gemeinnütziges Filmtheater ausgearbeitet hatte und, um praktische Erfahrungen zu gewinnen, der "Vereinigung der Kinematographenbesitzer von Rheinland und Westfalen" beigetreten war.

Bereits einen Monat vorher, in einer Sitzung vom 14. Mai 1912, hatte die Gemeindevertretung Eickel die "Anlage und den Betrieb eines Kinematographen-Theaters auf Kosten der Gemeinde" beschlossen. In der Sitzungsniederschrift heißt es unter anderem:

"Wünschenswert erscheint diese Anlage einmal, weil zur Zeit ein ordentlicher derartiger Betrieb in Eickel nicht vorhanden ist, der von den Gebrüdern Schlüter aus Wanne in einem leerstehenden Geschäftslokal an der Kaiserstraße betriebene, kann aus verschiedenen Gründen kaum in Betracht kommen. Sodann aus ästhetischen, kulturellen und patriotischen Gründen, um den Schund, der in sollen Privattheatern in der Regel geboten wird, entgegenzutreten und an dessen Stelle Filme von wissenschaftlichem, unterhaltendem und volksbildendem Wert zu setzen, sodann im Verein mit auf ähnlichen Grundlagen aufgebauten Anstalten allmählich Einfluss auf den Filmmarkt, der jetzt vom Ausland fast ausschließlich abhängig ist, zu gewinnen und so die Millionen, die noch aus dem Land fließen, hier zu behalten. Endlich, um das Kino in den Dienst der Jugendpflege und Hochschule durch geeignete Vorführung zu stellen."

In der damaligen Zeit, als das Kino allgemein noch als "Theater des kleinen Mannes" bezeichnet wurde, sahen jeden Film durchschnittlich fünf bis sechs Millionen Menschen.

Zur Eröffnung des Gemeindelichtspielhauses in Eickel am 30. November 1912 spielte die Merkertsche Kapelle aus Bochum.

Die eigentliche Eröffnung des Kinos erfolgte dann am 1. Dezember 1912, einem Sonntag, mit dem 1911 produzierten Streifen: "Mütter verzaget nicht", ein Drama aus dem Großstadtleben. Der Film mit Henny Frieda Porten (avancierte neben Asta Nielsen zum ersten deutschsprachigen Filmstar) und dem Kind Hildegard Müller in den Hauptrollen wurde mit Unterstützung der "Hauptstelle für Mütter- und Säuglingsfürsorge in Groß-Berlin" hergestellt.


Anzeige in der Tagespresse 1912.

Anzeige in der Tagespresse 1914.

Weitere Filmerlebnisse waren:
"Der Balkankrieg" (Dezember 1912), "Königin Luise" (Februar 1913), "Der Graf von Monte Christo" (März 1913), "Der König der Lüfte" (Januar 1914), "Der Kampf ums Leben" (Februar 1914), "Eine Winterfahrt nach dem sonnigen Süden" (März 1914), "Reisen und große Jagden im Innern Afrikas" (April 1914); ab 1915 wurde häufig Kriegsgeschehen auf die Leinwand gebracht.

Die Eintrittspreise waren wie folgt gestaffelt:
Loge für Erwachsene 0,80 Mark, Kinder 0,40 Mark.
1. Rang für Erwachsene 0,60 Mark, Kinder 0,30 Mark.
1. Platz für Erwachsene 0,50 Mark, Kinder 0,25 Mark.
2. Platz für Erwachsene 0,40 Mark, Kinder 0,20 Mark.
3. Platz für Erwachsene 0,25 Mark, Kinder 0,15 Mark.
Schülervorstellungen 0,10 Mark.

Die Zusammenstellung des Filmprogramms lag - ebenso wie die organisatorische Vorbereitung dieser Veranstaltungen - in den Händen der "Kinokommission" der Gemeindevertretung Eickel.

Um einen Gemeindelichtspielhaus einrichten zu können, hatte die Gemeinde Eickel Mitte 1912 den Saal vom Wirt Heinrich Garthmannn, am Eickeler Markt 12 a. zu einem Preis von 30 000 Mark gekauft. Die Umbaukosten beliefen sich auf 45 000 Mark, und für den Einbau einer Bühne für Theatervorstellungen wurden nochmals 25 000 Mark investiert.


Der Garthmannsche Saal mit Bühne um 1920.

Die gleiche Ansicht in Gegenrichtung.

Die erste Spielsaison lief vom 1. Dezember 1912 bis Mitte April 1913. Täglich wurden von 16 bis 23 Uhr Filme gezeigt, und zwar in jeweils drei Vorstellungen. Dienstags und Freitags war Programmwechsel. In diesen vier Monaten lockte das Programm rund 30 000 Besucher an. Ab Mitte April 1913 wurde nur noch dreimal wöchentlich, samstags, sonntags und montags gespielt. Bis Ende September 1913 strömten 20 000 Besucher ins Filmtheater. Einnahmen von rund 18 000 Mark standen Ausgaben von 50 000 Mark gegenüber. Ein Teil dieser Ausgaben, die Betriebskosten, bestand unter anderem aus dem Gehalt für die Kassiererin, den Operateur (Filmvorführer), den Klavierspieler, den Portier und den Aufseher, für Klavier- und Harmoniummiete an Rudolf Ibach (Sohn) in Wuppertal-Barmen sowie für die Beschaffung der Filme.

Schon bald nach der Eröffnung des Lichtspielhauses wurde die Ausübung des Kinobetriebes an das Tonhallen-Theater "Goldstaub" in Bochum verpachtet. Von Jahr zu Jahr trat der Kommunale Kinobetrieb in den Hintergrund. An seiner Stelle traten Theater- und Operettenveranstaltungen, Vereinsversammlungen, Feste, Kaffeekränzchen, und Konzerte für kriegsverwundete Eickeler Bürger. In den frühen 1920er Jahren wurde das erste Kommunale Kino Deutschlands wieder kommerzialisiert. Das genaue Datum ist leider nicht bekannt.


Bildmitte der Eingang zum kommunalen Kino. Linker Bildrand die Gaststätte von Heinrich Garthmann, um 1934.

Im Jahre 1952 folgte dann das Lichtspielhaus "Atrium", das bis 1968 erfolgreich spielte. Auf die goldenen 1960er Jahre folgte der Niedergang der Lichtspielhäuser. Im Jahre 1972 wurde der Kinosaal des Filmtheaters "Atrium" abgerissen und es entstand der Durchgang zum Eickel Center.

Das Lichtspielhaus "Atrium" am Eickeler Markt, um 1965.



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Im Jahre 1972 wurde der Kinosaal des Filmtheaters "Atrium" abgerissen und es entstand der Durchgang zum Eickel Center, aufgenommen im Sommer 2004.

Quellennachweis:
Hildebrandt, Manfred: Volksbildung per Kino, Herne 1986.
Textauszug mit Genehmigung durch Manfred Hildebrandt, Dezember 2004.
Dr. Siegert, Ferdinand, Paul: Bürgerliches Selbstverständnis, Kinoreform und früher Schulfilm, eine kulturwissenschaftliche Analyse, 1995.
Lührig, Heinrich: Schauplatz Eickeler Markt, Wanne-Eickel 2006.
Interview mit Marianne Weber-Keinhorst im April 2005.
Interview mit Werner Messner im Mai 2005.
Interview mit Alfons Hermes im Mai 2005.

Bildnachweis:
Sammlung Heinrich Lührig.



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