Wanne-Eickel-Historie


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Kindheitstrauma

Kirmes

Kirmeshorror oder es ist doch nicht alles Zuckerwatte was weiß und flauschig ist


Als früher Kirmesfan, ich bin an der Hammerschmidtstraße - Ecke Karlstraße geboren, ca 1 km vom Geschehen entfernt, sah ich dem Kirmesbeginn mit gemischten Gefühlen entgegen. Die Kirmes dauerte zu dieser Zeit, während der 60er Jahre, lediglich 5 Tage, von Freitag bis Dienstag. Unser Kirmestag, es war traditionell der Samstagnachmittag, ging jeweils eine unruhige Nacht voraus. Von Albträumen geplagt oder vor Vorfreude zitternd, ich wusste mich als kleiner 8-jähriger Steppke nicht einzuordnen.

Dann gings los, an der Laurentiuskirche links auf die Hauptstraße weiter an der Buchhandlung Voss vorbei (neue Schulbücher mussten bald gekauft werden! Denk dran Mutti). (Oh was für schöne neue Fernseher im Radiogeschäft Popp! sieh mal Pappi), meine Verlegenheit, die sich auch in einem sehr mulmigen Gefühl in meinem Bauch ausdrückte, wurde immer größer. Was hatte ich im Vorfeld alles versucht um eine Anmarschwegänderung durchzudrücken, man hätte ja über die Dorstener Straße oder die Rathausstraße zum Fest gehen können. Aber nein Tradition ist eben Tradition.

Ab der Brücke über die Hauptstraße wurde das Gedränge größer. Links gab ein Kasperltheater Ratschläge für ein kindgerechtes Leben, hinter uns bimmelte die Straßenbahn der Linie 1 nach Recklinghausen. (Man muss sich vorstellen selbst im dicksten Gewühle fuhr diese Bahn mit lautem Gebimmel fahrplanmäßig. Der Fahrer muss Nerven wie Drahtseile gehabt haben. Das ist wohl ziemlich einmalig in Kirmesdeutschland gewesen).

Aber das alles berührte mich nur nebensächlich. "Er" wartete ja ganz sicher noch auf mich! Ob ich es diesmal wieder lebend schaffend würde? Ungefähr 50 Meter vor dem Kirmeseingang Dorstenerstraße - Hauptstraße versuchte ich mit rasendem Puls und klopfendem Herzen zu taktieren. Welche Straßenseite ist die Beste? Rechts oder links oder einfach tapfer durch die Mitte. Meine schweißnasse Hand klammerte sich an den Arm meiner Mutter. Vater blickte in der Art: "Nun stell dich doch nicht so an, kleiner Feigling". Nun sah ich links von mir ein Getümmel. "Er" hatte doch tatsächlich ein anderes Opfer in seinen behaarten Klauen...! Tonnenweise fielen mir Gewichte ab als ich auf dem Kirmesplatz stand. Aber mein Vater lächelte und sagte: "Wie kann man nur so eine Angst vor einem als Eisbär verkleideten Mann haben? Kannst Du Dir nicht vorstellen wie er in seinem Kostüm schwitzen muss nur um sich mit ein paar Kindern fotografieren zu lassen?" Es war mit ehrlich gesagt egal, wer wann, wo und mit wem schwitzte da ich ja den Besuch überlebt habe.

Jahrelang hat dieser "Eisbärmann" an der gleichen Stelle Kinder erschreckt oder erfreut, und ich ertappe mich noch heute dabei, dass ich die Hauptstraße als Anmarschweg zur Kirmes meide.

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Der Eisbärmann im Kreise seiner Verehrer,
aufgenommen im Jahre 1955.

Quellennachweis: Reiner Joachimsmeier, im September 2003.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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