Wanne-Eickel-Historie


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Kinderspiele aus der Kolonie

Gebäude

Schweinchen auf der Leiter und andere Kinderspiele aus der Kolonie


„Pinnchen kloppen“, „Pitschendopp schlagen“, „Knickeln“, „Seilchenspringen“ oder „Schweinchen auf der Leiter“ waren u. a. in den 30er und 40er Jahren aktuelle Kinderspiele in der Kolonie. Gespielt hat diese Generation auf der Straße und Wegen, in den Höfen und Gärten der Bergmannssiedlungen. Die damaligen Kinderspiele zeichneten sich durch viel kreative Fantasie aus. Viele Spielgeräte wurden selbst angefertigt, wobei nur einfache und billige Materialien verwendet wurden. Oft halfen Eltern oder auch ältere Geschwister beim Bauen aus und so entstand ein solches „Spielgerät“, wie die Räucher- oder Schleuderbüchse.

Gespielt wurden diese Spiele zumeist auf den Straßen der Bergmannssiedlungen. Die damals noch autofreien Kolonien waren ideale Abenteuerspielplätze für die Kinder. Was heute streng verboten und gefährlich ist, war damals Alltag. Man bastelte Flitschen, auch Zwillen oder Illen genannt und ging auf Spatzenjagd.

Eine aktuelle Studie, welche die Lebensbedingungen von Kindern in westdeutschen Großstädten untersuchte, stellte gerade bei den Revierstädten in dieser Hinsicht ein Defizit fest: Im Ruhrgebiet fehlt es vor allem an Freiraum, den Kinder brauchen, um sich entfalten zu können. „Beim Spielen lernt der Mensch fürs Leben, da entwickelt er ein Stück Persönlichkeit“, lautet ein Motto. Das gilt nicht nur für Kinder: „Auch für Erwachsene ist Spielen wichtig, viele von uns „Großen“ haben das verlernt oder verdrängt.



Kinderfestumzug in der Kolonie im Jahre 1953.
Anschließend gab es in geschmückten Hinterhöfen Brause und Kuchen.
Danach erfolgten heitere Kinderspiele. Bei Anbruch der Dunkelheit kam es zum krönenden Abschluss, dem Laternenumzug.


Die Räucher- oder Schleuderbüchse


Die Räucher- oder Schleuderbüchse wurde vorwiegend von Jungen gebaut. Zur Verwendung kam eine große, leere Konservendose, die mit einem dicken Nagel am Boden und am Mantel mehrfach durchbohrt und durchlöchert wurde, so dass sie wie ein Sieb aussah. Um diesen Vorgang besser auszuführen, setzte man sie auf einen passenden runden Gartenpfosten. Am oberen Rand der Büchse wurde dann ein Draht oder ein starkes Band befestigt. In der Büchse entzündete man ein kleines Feuer, das immer wieder mit abgetrocknetem Gras aufgefüllt wurde. Durch das Herumschleudern der Büchse entfachte man immer wieder das Feuer, denn die Löcher dienten der Luftzufuhr. So quoll stetig der Rauch aus dieser Räucherbüchse, dass uns Jungen sehr erfreute.


Schweinchen auf der Leiter


Beim „Schweinchen auf der Leiter“, einem Fadenspiel, hat vermutlich die Hausschlachtung in der Kolonie bei der Namensgebung Pate gestanden, weil das geschlachtete Schwein auf einer Leiter gehängt wurde. Zwei Spieler verändern durch wechselseitiges Abnehmen der Schnur von den Fingern der Mitspieler die Fadenform zu immer neuen komplizierteren Figuren. Die Schnur ist ein endloser Faden von ungefähr 1,50 Meter Länge. Nach sieben Figuren entsteht als Ziel- und Endfigur „das Schweinchen auf der Leiter“.


Ring oder Reifen schlagen


Das Ring- oder Reifenschlagen ist ein altbekanntes Laufspiel für Kinder. Viele Leser kennen gewiss aus dem Buch „Der Struwwelpeter“ die Geschichte von den schwarzen Buben, in der es heißt:

"Und auch der Wilhelm war nicht steif und brachte seinen runden Reif".

Ich stelle dieses Spiel deshalb vor, weil unser Ring oder Reif eine abgelegte Fahrradfelge war und kein teurer Reif. Aus einem alten Fahrrad wurden die Speichen entfernt. Ein starker Stock oder eine kurze Latte von 50 cm Länge diente dazu, das Spielgerät in Bewegung zu setzen und zu lenken. Als Kinder liefen wir damit allein, zu zweit oder mit mehreren Spielkameraden durch die Straßen und Gassen der Bergmannssiedlung und gingen dabei auf Entdeckungsreise. Eine Fahrradfelge ist stabil, sie lässt sich gut lenken, antreiben und noch schön bunt bemalen oder bekleben.


Seilchenspringen


Das Seilchenspringen kann einzeln und mit mehreren Kindern betrieben werden. Es gehört auch heute noch zum festen Bestandteil bei den Konditionsübungen unserer Sport- und Turnvereine.

Wir nahmen ein Stück von Mutters alter Wäscheleine als Springseil. Bei den gekauften Seilen waren am Ende des Seils häufig Holzgriffe angebracht.

Einzelspringen: Seillänge ca. 2,50 Meter
mit einem Bein hoch springen
mit zwei Beinen hoch springen


Großes Seilspringen: Seillänge ca. 8 Meter
Zwei Kinder drehen das Seil in einem hohen Bogen. Ein Kind, zwei oder mehrere Kinder springen von der Seite in das sich drehende Seil hinein und hüpfen dann auf der Stelle über das Seil immer hinweg. Waren nicht genug Spielkameraden beieinander, so diente ein Baum als Seilhalter. So benötigte man nur zwei Kinder.


Pitschendopp schlagen


Pitschendopp, Peitschendopp oder auch Kreisel ist ein etwa 7 cm hoher, gedrehter Holzkegel mit einer Nadelspitze an seinem Fußende. Er misst an seiner größten Stelle 4 cm im Durchmesser und hat in der Mitte 4 Rillen. Um diese Rillen schlingt man ein Paketband, das oben an einem Stock befestigt ist. Das ist die Peitsche. Wenn man das Peitschenband sehr rasch vom Peitschendopp abzieht und den Kegel dabei senkrecht hält, bekommt der Kreisel eine um seine Achse rotierende Bewegung. Diese drehende Bewegung kann man durch das Schlagen mit dem Peitschenseil auf das Fußende des Peitschendopps beibehalten. Die Peitsche lässt sich selbst herstellen. Sie knallt besonders laut, wenn am Ende des Seils ein paar Knoten geknüpft werden. Am ruhigsten und am besten läuft der Peitschendopp auf Asphaltbelag, auf einem gut plattierten Bürgersteig oder auf einem ebenen, festen Plattenboden. Die Kreisel sind bunt bemalt und kosten heute in Spielzeugläden oder bei Kunsthandwerkern etwa 5 bis 7 Euro.





Das Peitschenseil wird in den Rillen des Peitschenpopps stramm hineingewickelt. Durch den Zug wird der Peitschendopp zum Kreiseln gebracht und durch das Schlagen des Peitschenseils weiter angetrieben.


Stelzenbau und Stelzenlaufen


Stelzen sind Holzstangen, an denen in etwa 30 cm Höhe Fußstollen zum Stelzenlaufen angebracht sind. Der Stelzenläufer muss sehr geschickt sein und sein Gewicht gut ausbalancieren können. Damals liefen wir damit noch auf den fast leeren Straßen in der Kolonie herum. Stelzenmänner mit sehr langen Hosen sind auch heute noch in den Fußgängerzonen mancher Städte zu sehen.
Wenn man sein Gleichgewicht sehr gut balancieren kann, können die Fußstollen an den Holzstangen bis zu 1 Meter hoch angebracht werden. Der Stelzenläufer besteigt seine Stelzen am besten, wenn er sich zunächst mit dem Rücken gegen eine Hauswand lehnt.


Flöten Schnitzen


Man sucht im Holunderbusch nach einem schönen, geraden Ast. Mit dem Taschenmesser wurde der Ast abgeschnitten. Das Mark aus den Holunderästen lässt sich mit einem Draht leicht entfernen, weil es sehr weich ist. Jetzt fängt man an zu schnitzen. Das Mundstück muss besonders sorgfältig gearbeitet werden. Am besten ist ein festes Holzstück aus Birnbaum- oder Ahornholz. Die Zunge ist etwas größer als die Grifflöcher. Der Holunderast muss etwas austrocknen, sonst kann er beim Schnitzen leicht platzen. Das schnabelförmige Mundstück ist mit einem Holzblock aus Ahorn oder Birnbaum so weit verschlossen, dass zwischen der Holunderrohrwand und dem Block nur an einer Stelle ein schmaler Spalt offen bleibt. Durch diesen Windkanal bläst man die Luft. Der Luftstrom trifft auf die Zunge. Dort entstehen Luftwirbel, die die Luft im Rohr in Schwingungen versetzen. Dadurch entstehen Töne.


Quellennachweis: Lührig, Heinrich / Schmitz, Gerhard: Röhlinghausen Wanne-Eickel III, Geschichte und Geschichten aus einem Stadtteil der südlichen Emscherregion, 2. erweiterte Auflage, Herne 1997, S. 79 ff.



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