Wanne-Eickel-Historie


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Hof Beckebaum

Höfe und Kotten

Hof Beckebaum


Der Hof Be(c)kebaum
* lag in der alten Flurbezeichnung Bickern, Flur II, genannt Wanne, etwa 200 Meter in Verlängerung der Oststraße (der Straßenname Oststraße wurde im Jahre 1974 in Am Freibad umbenannt), in östlicher Richtung auf dem jetzigen Bahngelände - Luftlinie unter der Eisenbahnunterführung zur Ackerstraße, die hinter der Unterführung in Richtung Eickel Kürassierstraße, ab 1947 dann Am Böckenbusch hieß.

Der Hof von Wilhelm Beckebaum hatte eine Größe von 8 Morgen
*. Gustav Hegler beschreibt die Bodenbeschaffenheit wie folgt:

"Der schon in der Gegend des Bahnhofs beginnende Sandboden konnte nicht die Erträge abwerfen…" "Weite Striche lagen öde, nur von Gestrüpp, Ginster und Wachholdersträucher bedeckt, aber kultivierter Boden war wenig vorhanden. Stellenweise dehnten sich größere Waldungen aus. So war das Gelände zwischen Oststraße, dem Bahnkörper und der Dorstenerstraße, das nahe vor Crange in eine Spitze ausläuft, noch bis (1870) mit einem dichten Tannenwald bestwachsen…"

Im Jahre 1782 werden 14 Bauern namentlich im Zusammenhang mit einem nicht entrichteten Weidegeld auf der Cranger Heide genannt, so auch der Name Beckebaum.


Ausschnitt einer Karte der Burgemeisterey Herne, Kreis Bochum aus den Jahre 1823 des Genometer Carl Krause. Der Hofname wird als "Bekebaum" geschrieben, und ist rot unterlegt.

Ausschnitt einer Übersichtskarte der Städte Gelsenkirchen und Herne aus den Jahre 1842. Der Hofname wird als "Reckebaum" geschrieben, und ist rot unterlegt.

Die beiden letzten Besitzer hießen Schumacher, sie hatten jedoch, dem damals üblichen Brauch folgend, den Hofesnamen angenommen. Der einzige Sohn des letzten Bauern ertrank im Hofteich, ein Umstand, der den religiösen Vater veranlasste, noch mehr als bisher Trost in der Religion zu suchen.

Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung Wanne-Eickel berichtete im März 1950 über den Hof, mit dem Titel "Bauer Beckebaum ließ die Heilige Stadt malen" wie folgt:



"Auf einer Eisenbahnfahrt lernte Beckebaum einen Maler kennen, und bat diesen, in einem leeren Zimmer seines Hauses Darstellungen aus dem Heiligen Land als Wandmalerei anbringen zu lassen. Der Maler siedelte auf den Hof über, erhielt ein Eckzimmer mit zwei Fenstern und malte mit viel Fleiß die Heilige Stadt Jerusalem mit einem Tempel, der Burg Davids, der Klagemauer, den Stadttoren, Gethsemane und dem Ölberg.

Die Ausführung erfolgte in Wasserfarben. Seltsam war, dass der Maler häufig nach Düsseldorf und gar nach Köln fahren musste, da nur dort die Farbe für ihn zu haben war. Von Anfang an hatte er es durchgesetzt, dass die Verpflegung seinem städtischen Geschmack angepasst wurde. So lebte er einen ganzen Sommer herrlich und in Freuden.

Endlich war das Werk vollendet, der Maler erhielt den vereinbarten Betrag und setzte seinen Wanderstab weiter. Der Name des Malers ist nicht bekannt geblieben, er hieß nur allgemein "Beckebaums Hofmaler".

Das war im Jahre 1880. Fünf Jahre später, im Jahre 1885 erwarb die Reichsbahn das ungefähr acht Morgen große Grundstück mit Gebäuden für 62 000 Mark. Nun wollte aber Beckebaum sein "Jerusalem" besonders bezahlt haben, aber der Preis für dieses . . . Kunstwerk, den Beckebaum mit 3000 Mark bezifferte, erschien der Bahn zu hoch.


So sah der Karikaturist den unbekannten Hofmaler bei der Arbeit seines Werkes, die Heilige Stadt Jerusalem. Unten rechts im Bild
der Bauer Wilhelm Beckebaum.


Monatelange Verhandlungen führten nicht zum Ziel. Da machte die Reichsbahn den Vorschlag, Professor Andreas Achenbach (1815-1910) von der Kunstakademie Düsseldorf als Sachverständigen zu hören. Dessen Urteil war vernichtend. Er bezeichnete die Arbeit als "Schweinerei", die mit 200 Mark mehr als gut bezahlt sei. Diesem Gutachten musste sich Beckebaum beugen - und Jerusalem fiel zum zweiten Male.

Wo die "Heilige Stadt" stand, rollten später die Kohlen- und Güterwagen vom östlichen Rangierberg des Bahnhofs. Als eines Tages ein Bremser diesen Teil des Bahnhofs näher bezeichnen wollte, sagte er "da hinten in Jerusalem". Zuerst belacht, dann aufgegriffen, wurde der Begriff später so allgemein, dass er in amtliche Papiere übernommen wurde. "Jerusalem" gilt heute.


Hochansicht der Bahnhofanlage - Hauptbahnhof Wanne-Eickel, aufgenommen um 1969. In Höhe des Lokschuppen II. mit Wasserturm (links oben im Bild) und etwa 200 Meter rechts davon, mit einem roten Kreuz gekennzeichnet, befand sich der besagte Teil des Bahnhofs der im Volksmund "Jerusalem" hieß.

Wilhelm Beckebaum, übrigens ein Urbild des alten, etwas eigensinnig-rechthaberischen westfälischen Bauern, rächte sich aber eines Tages doch noch mit echter Bauernschlauheit für die geringe Bewertung seines "Kunstwerks". Beim Verkauf hatte er ein etwa einen Morgen großes Grundstück behalten, darauf baute er ein großes Mietshaus in der Voraussicht, dass die Bahn ihm eines Tages bei weiterer Vergrößerung des Bahnhofs das Haus abkaufen müsste. Er hatte richtig kalkuliert, die Bahn musste das Haus teuer erwerben, und so kam er zu einer wenn auch verspäteten Ausgleichssumme für sein "Jerusalem". Bauer Wilhelm Beckebaum hat später in der Dortmunder Gegend einen Hof gekauft. Seine Nachfahren sind heute noch in Wanne-Eickel ansässig.

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*Anmerkung:
Bekebaum - Beke bezeichnet man im mittelniederdeutsch als einen Bach. Den Familiennamen findet man auch als Bekebaum und als Reckebaum geschrieben. Morgen ist ein Flächenmaß von 2500 bis 3500 Quadratmetern. Das Maß wurde durch jene Fläche bestimmt, die mit einem Pferde- oder Ochsengespann an einem Morgen pflügbar war. Der Morgen wurde meist als Rechteck mit Seiten einer geraden Anzahl lokaler Ruten festgelegt, da beim Pflügen das Wenden möglichst vermieden werden sollte. Das Flächenmaß schwankte von Region zu Region.

Quellennachweis:
Hegeler, Gustav: Aus der Väter Tagen, Bilder zur Heimatkunde von Eickel-Wanne, Wanne 1911.
Rodenbeck, Dietrich: Mit den Fördertürmen wuchs die Stadt, Wanne-Eickel 1949.
Tageszeitung aus dem Jahre 1950.
Interview mit Hilbert Mletzke aus Wanne, Juli 2017.
Interview mit Dr. Friedbert Beckebaum aus Röhlinghausen, Juli 2017.


Bildnachweis:
Sammlung Heinrich Lührig. Kartenauszüge, mit freundlicher Genehmigung durch das Kataster- und Vermessungsamt der Stadt Herne.


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