Wanne-Eickel-Historie


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Gartenstollem Im Hasenhorst

Geschichte

Lebendig begraben


"Zwölf Männer, Frauen und Kinder im Gartenstollen ´Im Hasenhorst´ lebendig begraben. Allein in der Königsgruber Kolonie ´Im Hasenhorst´ gab es vier Gartenstollen im Abstand von 40 bis 50 Metern Sie boten bis zu 40 Menschen Platz. Bergleute, die vom Stollenbau eine Ahnung hatten, standen hier in großer Zahl zur Verfügung. Die Stollen waren freilich nur zum Schutz gegen Flaksplitter und Brandbomben angelegt. Gegen Sprengbomben und Luftminen boten sie keinen Schutz. Da sie nun einmal da waren, suchten die Anwohner in den ´Mausefallen´ ihr Glück, zumal es bis zum Hochbunker an der Westfalenstraße ein Stück zu laufen war.

In allen vier Gartenstollen hatte am Abend des 23. September 1944 Menschen Schutz gesucht. Hinter dem Haus Wegmann, Hasenhorst 24, gab es Platz für 12 Personen, hinter dem Hause Okoniewski für 15 Personen. Der größte Stollen, am Hause Hasenhorst 28, von Wilhelm Blockhorst und seinen Nachbarn gebaut, fasste 40 Personen. Der vierte Stollen lag im Garten an der Kreuzung Hasenhorst - Eisenstraße. Alle brachten allerdings nicht genügend Zutrauen zu den Luftschutzstollen auf. Jakob Kotlinski, Hasenhorst 28, hatte seine Frau Anna und die Kinder Waltraud, Elisabeht, Irene und Hermann aufs Land nach Ibbenbüren geschickt. Die Mädchen gingen dort zur Schule, Hermann nahm Arbeit beim Bauern auf. Aber während Jakob Kotlinski am 23. September 1944 zur Mittagsschicht ging, hatte für seine Frau und die evakuierten Kinder bereits ein verhängnisvoller Tag begonnen. In Niedersachsen war der 23. September erster Ferientag. Die Kinder mussten also nicht mehr zur Schule. Deshalb setzten sich die Töchter mit der Mutter auf die Bahn und fuhren nach Wanne-Eickel um für einige Tage zu Hause zu sein. Nur Sohn Hermann blieb zurück. Kaum waren sie in Röhlinghausen angekommen, gab es Alarm. Sie gingen direkt in den Bunker an der Westfalenstraße, noch ehe sie ihre Wohnung betreten hatten. Aber Frau Kotlinski hatte keine Geduld. Als es vorerst ruhig blieb, wagte sie es, mit den Kindern nach hause zu laufen. Sie kam auch bis zum Hasenhorst, dann aber setzte hinter dem Hüller Mühlenbach die Flak ein, und da war es zu spät, noch einmal zum Bunker zurückzukehren. Das Schicksal war gegen sie. Kotlinskis gingen in den Gartenstollen am Hause Nummer 28, in den Stollen, der an diesem Abend des 23. September 1944 auf unerklärliche Weise besonders gefragt war. Bergmann Ernst Digutsch und seine Frau Gertrud kamen mit den Kindern Werner, Roswitha und Friedhelm in den Stollen, Bergmann Wilhelm Blockhorst mit seiner Frau Hedwig sowie mit Tochter Hedwig Kruck und dem Schwiegersohn, der gerade Urlaub hatte. Den Stollen suchten aber auch Frau Anna Lahne und ihre Junge Hans auf, obwohl sie sonst in Okoniewskis Stollen gingen. Als der Stollen randvoll war, ballerte schon die Flak, und am Himmel kreisten einzelne Flugzeuge. Wilhelm Blockhorst und Schwiegersohn Kruck hielten sich am Stolleneingang auf. Ernst Lahne gesellte sich zu ihnen. Vor einigen Minuten hatten sie noch Skat gespielt.

Im Hof, Hasenhorst 18, lehnte Franz Gazarek am Gartenzaun. Er dachte immer noch, dass über ihm deutsche Jäger kreisten und sich nur durch Abwurf von Leuchtkörpern bemerkbar machen wollten. Dann ging irgendwo eine Tür auf und Nachbar Juli, der den Drahtfunk abhörte, meldete sich: ´Vorsicht, Einflug über Holland Richtung Enschede´! Das bedeutet erfahrungsgemäß Kurs Wanne-Eickel. Auch nach dieser Warnung wurde niemand bewusst, dass es sich bei den Flugzeugen über Röhlinghausen bereits um die Angriffsspitze handelte. Gazarek bemerkte es erst, als er das Brausen der Bomben hörte. Von den drei Menschen, die sich außerhalb des Stollens am Haus Nummer 28 aufgehalten hatten, blieb keiner am Leben. Gewissheit erhielt man aber erst am nächsten Morgen gegen 9.30 Uhr. So lange dauerte die Suche nach den Opfern. Albert Okoniewski überstand den Angriff ohne Schaden in seinem Stollen. Er kam zuerst hervor und suchte mit seiner Taschenlampe das Gelände ab. Er fand einen riesigen Bombentrichter Die Luftmine war unmittelbar am Eingang zum Stollen hinter dem Hause Hasenhorst 28 niedergegangen Franz Gazarek gesellte sich hinzu. Er dachte an seinen Schwager Fritz Schmitz, der ebenfalls in den getroffenen Stollen gegangen war. Stöhnen und Hilferufe drangen aus der Tiefe. Okoniewski schickte sofort zwei Jungen zum Bunker an der Westfalenstraße, um Hilfe zu holen. Kahmeier, Niederbäumer und Haake organisierten eine Mannschaft. Von der Zeche Königsgrube kamen die Steiger Holler und Matissik mit einem Hilfszug. Hacke und Schaufel traten in Aktion. Der erste, den man fand war Werner Kruck. Er lag im freien Gelände. Durch den Luftdruck war er gegen einen Pfahl geschleudert worden. Als man auf den ersten der Verschütteten stieß, band man ihn an ein Seil, um ihn herauszuziehen. Franz Gazarek zog mit und wandte sich dann spontan um. An der Jacke hatte er seinen Schwager Fritz Schmitz erkannt.

Die ganze Nacht ging die Bergungsaktion weiter. Die Opfer wurden nach und nach freigelegt und zunächst in die Vorgärten der gegenüberliegenden Häuser niedergelegt. Jakob Kotlinski erhielt indes auf der Zeche die Nachricht von dem Unglück. Er wehrte sich energisch dagegen: ´Das muss eine Verwechslung sein. Meine Angehörigen sind doch in Ibbenbüren.´ Es war keine Verwechslung. Seine Frau und die Töchter Waltraud und Elisabeth gehörten zu den Opfern. Irmgard Kotlinski aber, damals 13jährig, hatte zusammen mit Friedhelm Digutsch die Welle der Vernichtung überstanden.

Am Morgen des 24. September 1944 kam Bergassesor Fröhlich, Bergwerksdirektor der Zeche Königsgrube, zum Hasenhorst. Dreizehn Opfer waren bis dahin geborgen: Außer Werner Kruck, Fritz Schmitz und den drei Angehörigen der Familie Kotlinski waren es Frau Hedwig Kruck und ihre Mutter Hedwig Blockhorst, Frau Anna Lahne und ihr Sohn Hans, Ernst Digutsch, seine Frau Gertrud und die Kinder Werner und Roswitha. Die meisten der dreizehn Opfer waren erstickt. Zwei wurden um diese Zeit immer noch vermisst: Wilhelm Blockhorst und Ernst Lahne. Die Suche ging weiter. Endlich gegen 9.30 Uhr wurden auch sie gefunden. Blockhorst lag, tödlich verletzt, vor dem Damm des Hüller Bachs, Ernst Lahne war vom Luftdruck noch über den Hüller Mühlenbach hinweggeschleudert worden und auf einem Feld des Bauern May gelandet. Die Opfer vom Hasenhorst waren die ersten, die in einem Gartenstollen ums Leben kamen.

Spät Sommer 1944: Die Röhlinghausen Bevölkerung befindet sich auf dem
Weg zum Stollen der Zeche Königsgrube unter der Steinhalde.



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Quelle: Lührig, Heinrich / Schmitz, Gerhard: Röhlinghausen Wanne-Eickel III, Geschichte und Geschichten aus einem Stadtteil der südlichen Emscherregion, 2. erweiterte Auflage, Herne 1997, S. 177 ff.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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