Wanne-Eickel-Historie


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Fred Endrikat

Kunst und Kultur > Menschen aus Wanne-Eickel

"Ein fröhlicher Sünder"


Fred Endrikat wurde am 7. Juni 1890 als ältester von sieben Kindern in Nakel an der Netze, in der Nähe von Bromberg im deutschen Osten geboren. Eigentlich musste Endrikat im Schatten der Fördergerüste von Shamrock das Licht der Welt erblicken. Jedoch musste seine Mutter eine notwendige Reise machen. Auf dieser Reise meldete urplötzlich und für alle überraschend, Fred sein Verlangen, die Weisheit auf diesen Planeten zu bereichern an. Seine Kindheit verbrachte er in seinem Elternhaus in Crange an der Heerstraße 311 und in der Gastwirtschaft Abendroth. Schon während der Volksschulzeit, in Crange und an der Dorneburg, als stiller, Musterschüler, malte er Postkarten und schrieb heitere und ernste Verse. Als zwölfjähriger gewann er bei einem Dichterwettbewerb des Dortmunder Generalanzeigers, der mit Geld- und Buchpreisen prämiert war. Nur ungern begann er nach der Volksschulzeit auf Wunsch des Vaters eine Handwerkslehre als Schlosser, die er nach zwei Jahren Ausbildung aber abbrach. Sein Debüt als Pferdejunge, Schlepper und Lehrhauer auf der Zeche Shamrock 3/4 war ebenfalls nicht von langer Dauer.

Seine Lieblingsbeschäftigung blieb das Schreiben, Seine Schwester Herta berichtet hierzu: Eines Morgens fand Mutter neben ihrem Frühstücksteller folgendes Gedicht von Fred:

"Mutter, Mutter, laß mich gehen, laß mich gehen in die Welt.
Dort will ich mein Glück erspähen, wo es sich verborgen hält.
Mutter, Mutter, laß mich ziehen - wer weiß, wo mein Glück noch steckt."


Mit Erfüllung dieses Wunsches begann seine Künstlerlaufbahn. Sein ersten kabarettistischen Auftritte hatte er auf der Kleinkunstbühne der Gastwirtschaft Wilhelm Nehring, in Wanne-Süd.

Eigenständiger Schriftsteller wurde Endrikat nach dem Ersten Weltkrieg, wo er Texte für Marita Gründgens und Kläre Waldow schrieb. In den späteren Jahren schrieb er Sketche für Vortragskünstler, bis er selbst Auftritte, erst in kleinen Cafés und Varietés, später im Simplizissimus in München und vielen anderen großen Städten hatte. In der bayerischen Metropole wurde der Bänkelpoet aus Wanne-Eickel, Fred Endrikat mit Joachim Ringelnatz, Karl Valentin, Peter von Osten und Marietta Star in einem Atemzug genannt. Zusammen mit Hans Herbert Blatzheim stellte er später das berühmte literarische Kabarett "Die Arche" auf die Beine. Zwischendurch trieb es ihn immer wieder in die Heimatstadt Wanne-Eickel zurück, wo er die Eindrücke des Wiedersehens gleich zu Papier brachte.


Postkartenmotiv von Endrikat. Titel: Grete& Fred Endrikat, 1917.

Plakat für: "Das Brettlgenie Endrikat lässt bitten". Aufgeführt im Kabarett Alt-Bayern in Berlin Bahnhof-Friedrichstraße 94.

Seine bekanntesten Heimatgedichte: Die Bergmannskuh, Es gib ein Stück Erde..., Heimkehr, Gruß an die Rote Erde, sind in heitere Versbücher in einer über 2 Millionen Auflage gedruckt worden.



Es gibt ein Stück Erde...

Es gibt ein Stück Erde, an dem man klebt
und das man im Herzen stets liebbehält.
Die Scholle, auf der man die Kindheit verlebt,
vergißt man niemals im Trubel der Welt.
Man kennt jedes Steinchen und weiß jeden Laut.
Es taucht vor uns auf, so lebendig und wach,
das Haus mit dem Gärtchen, so heimisch vertraut.
Die Tauben girren noch auf dem Dach.
Die rissige Mauer mit dem wilden Wein,
berankt bis zum Giebel grün und dicht.
Die Stare nisten am Dachfensterlein.
Der Vater kommt müde heim von der Schicht.
Der Birnbaum steht verkümmert, wie er damals war,
und Sonnenblumen blühen am Gartenrand.
Es ist so, als streichle unser zerzaustes Haar
der guten Mutter segnende Hand.
Und wenn man die Welt kennt und alles gesehn,
bleibt dieses Stück Erde an dem man klebt.
Mag sie finster und arm sein, für mich ist sie schön,
die Heimat des Bergmanns, wo ich die Kindheit verlebt.


Heimkehr

Ich kam zurück nach vielen, langen Jahren,
nachdem ich fast die halbe Welt durchquert.
Gott grüße dich, du trautes Heimatdörflein,
zu kurzer Rast bin ich hier eingekehrt.

Ich such die alten, wohlbekannten Wege.
Die Kindheit wird mir plötzlich wieder wach.
Ich höre klappern noch wie einst die Mühle
und seh den Dorneburger Mühlenbach.

Im Geiste seh ich mich im Kuhkamp tummeln
bei frohem Spiel, mir ist's, als sei es heut,
reib unwillkürlich meinen Hosenboden,
den mir Herr Schmidt so oft verbleut!

Doch Kolonien hat hervorgezaubert
aus Sumpf und Moor der Fortschritt der Kultur.
Verschwunden ist das alte Zwiebelgäßchen,
nur die Erinnerung deutet mir die Spur.

Verschwunden ist vom Markt die Bismarkeiche,
die Siegessäule - alles ist mir fremd!
Ein Jungfernbrunnen? - Was erspäht mein Auge?
In Eickel? - Ich bin sprachlos! - Ohne Hemd?!



So lenk ich sinnend weiter meine Schritte
und schlendre langsam nun volksgartenwärts.
Das Paradies von Eickel soll ich sehen! -
Froh unter meinem Wams schlägt mir das Herz.

Auch hier ist nichts mehr wie in früheren Tagen,
verstört schau ich das trockne Teichbett an.
Mir ist's wie Lohengrin: "Nie sollst du mich befragen."
Fort ist der Ritter Beckermann und auch der Schwan!

Es rühret mich der Anblick schier zu Tränen,
zum Wellblechhäuschen eil ich, weil es Zeit.
Von ferne winkt mir schon das Schild "Für Männer".
Auch dort schon waltet die Vergänglichkeit.

Man drückt verschämt sich scheu in einen Winkel,
kein'n Schutz vor Späherblicken man hier hat.
Durch alle Ritzen pfeifen hier die Winde.
Noch ungenierter wie'n Familienbad.

So zieh ich heim auf unbekannten Wegen,
und unter schwerem Seufzer ruf ich aus:
"Mein Eickel, du, ich wünsch dir Heil und Segen,
dem Volksgarten ein neues Wellblechhaus!"

Quelle: Fred Endrikat. Das große Endrikat Buch, München 1976, S.82-83

1976 veröffentlichte der Blanvalet Verlag München unter dem Titel "Das grosse Endrikat Buch" eine Zusammenfassung dieser Versbücher, die in vielfacher Auflage bis 1990 im Buchhandel erschien.

Am 12. August 1942, im Alter von 52 Jahren verstarb Fred Endrikat in Leoni am Starnberger See, die Welt war um einen schnurrigen Bänkelpoeten ärmer geworden.

Im Jahre 2004 veröffentlichte der Siegfried Genz Verlag Berg am Starnberger See unter dem Titel: "Gedichte aus der Kumpelsburg am Starnberger See", ein Buch mit zeitgenössischen Illustrationen und Fotos über Fred Endrikat.

Eine ihm gewidmete Straße (16. April 1964) im Wanner Norden hält die Erinnerung an seinen Namen wach. Als Dichter, Vortragskünstler und Kabarettist wurde er weit über die Grenzen seiner Heimatstadt Wanne-Eickel hinaus bekannt und berühmt.

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Quellennachweis:
Das grosse Endrikat Buch, S.277 ff.
Fred Endrikat - Versuch einer Deutung aus heimatlicher Sicht. Herne, 1981.
Ausstellung: Fred Endrikat vor 100 Jahren geboren, in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv und der Stadtbücherei, am 07. Juni 1990, Hauptbücherei Wanner Straße.
Auszüge aus WAZ vom 12. August 1992.

Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig.


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