Wanne-Eickel-Historie


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Faszination Cranger Kirmes

Kirmes

Vom Pferdemarkt zum Volksfest


Es ist anzunehmen, dass die Geschichte der Cranger Kirmes eng mit der des Hauses Crange und dem Pferdemarkt verbunden ist. Ein bestimmtes Dokument mit Datum das den Anfang eines der größten Volksfeste Deutschlands festlegt, gibt es wohl nicht. Irgendwann in grauer Vorzeit hat sich etwas entwickelt, was mit dem Heiligen Laurentius, mit der Vergabe von Marktrechten und den Fang von Wildpferden zu tun hatte. Die Ursprünge reichen bis in das Jahr 1441 zurück, als Derick von Eickel, Droste des Amtes Bochum mit Haus Crange belehnt wurde. Gleichzeitig erhielt Crange, dass an strategisch wichtiger Stelle an einer Emscherbiegung lag, die Freiheit. Hier trieben alljährlich auf Laurentius – dem 10. August – die Treiber die Wildpferde zusammen, um sie auf dem heimischen Pferdemarkt zu verkaufen.

Die so genannten „Emscherbrücher Dickköppe“ waren damals wegen ihrer Zähigkeit und Ausdauer sehr gefragt und erzielten beachtliche Preise. Während das letzte Wildpferd aus dem Emscherbruch bereits vor gut 150 Jahren aus dem Emscherbruch verkauft wurde, nahm die Bedeutung des Volksfestes, das mittlerweile aus dem Pferdemarkt hervorgegangen war, stetig zu.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Cranger Jahrmarkt jedoch nicht nur Pferdemarkt sondern auch Viehmarkt. So erlebte der Schweinemarkt Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts einen Aufschwung. Änne Rehe, eine alte Crangerin erzählte über den Schweinemarkt folgendes:

„Neben dem Pferdemarkt, gab es auch den Schweinemarkt. Die Bergleute in der Kolonie hatten ja alle ein Schwein im Stall. Dann wurde das ganze Jahr gespart, bis man ein neues kaufen konnte, und das wurde dann auf der Cranger Kirmes gekauft. Einen Groschen mussten die Schweinezüchter pro Kessel Wasser meinen Eltern zahlen. Damit wurden die Schweine vor dem Verkauf geschrubbt und ich durfte dabei helfen.“

In der Anfangszeit (um 1930) war die Cranger Kirmes nicht nur ein bekannter Pferdemarkt,
auch Schweine und anderes Vieh wurde hier gehandelt.

Seit den 1880er Jahren war auch das Schaustellergewerbe auf der Cranger Kirmes in zunehmendem Maße präsent. Rudolf Zienius, ein Cranger Urgestein erzählt zu den Kindheitserinnerungen der Cranger Kirmes folgendes:

Es war im Jahre 1930, ich war 12 Jahre alt. Im August zur Cranger Kirmes hatten wir immer Schulferien gehabt. Die Schausteller kamen dann mit ihren Pferdewagen an, mit denen das ganze Material für den Kirmesaufbau herbei geschafft wurde. Wir waren damals drei Jungs und haben mitgeholfen ein Kirmeskarussell mit aufzubauen. Wir haben geschleppt und zusammengestellt bis das Karussell stand. Danach sagte der Schausteller zu uns, ihr könnt morgen früh zum Kirmesanfang wiederkommen und mithelfen. Wir kamen nun an, und er schickte uns mit der Leiter auf das Karusselldach. Da haben wir gewartet bis die ersten Kinder da waren um mit dem Karussell zu fahren. Das Karussell wurde von einem Pferd gezogen. Wir drei Jungen mussten mit anschieben, wenn der Schausteller zweimal mit der Glocke geläutet hat, damit das Pferd nicht so eine starke Last zuziehen hatte. Wenn es dann im Trab war, lief das Pferd mit dem Karussell. Sobald die Fahrzeit um war läutete er wieder. Auf dem Dach waren drei Bretter gewesen, wir sprangen darauf und haben so das Karussell gebremst. Ich wollte mittags zum Essen nach Hause gehen, aber der Schausteller ließ keinen von uns drei Jungen vom Dach runter. So mussten wir bis zum späten Nachmittag weiter arbeiten. Am späten Nachmittag, wir waren müde und hungrig, wurde die Leiter angelegt und wir krochen vom Dach herunter. Unten angekommen griff der Schausteller in seinen Geldbeutel und sagte: ich habe euch zwar eine Mark für die Tätigkeit versprochen, aber das Geschäft war so schlecht, ich kann euch nur 50 Pfennig geben. Als ich dann nach Hause kam, kriegte ich ordentlich Schellte von meiner Mutter. Bei Schaustellern mitgeholfen habe ich nie wieder.“


So sah der Betrachter die Cranger Kirmes im Jahre 1935.

Ansicht der Schiffschaukel von Anna Seibel im Jahre 1935.

Mit der Industrialisierung und dem florierenden Bergbau wuchs auch die Kirmes am Rhein-Herne-Kanal und ist heute mit jährlich über
4. Millionen Besuchern eines der best besuchten Volksfeste Deutschlands. Von der Herrlichkeit der Emscherbrücher-Dickköppe ist heute nichts mehr übrig geblieben. Trotzdem hat sich die Cranger Kirmes ihren Charakter als echtes Volksfest erhalten. Irgendwie zündet der Ruf „Piel op nao Crange“, und selbst die biedersten Familienväter können der Versuchung nicht widerstehen, einen Kirmesbummel zu machen. Das ist Tradition und Tradition wird hochgehalten.


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Quellennachweis: Interview mit Änne Reh am 31. Januar 1990. Interview mit Rudolf Zienius am 14. November 1996.
Stadtteilzeitung Bickern - Unser Fritz: 2/2009, S. 11f.. Königsgruber Bote: Ausgabe September 2009, S. 9 ff.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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