Wanne-Eickel-Historie


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Erinnerungen von Johann Justin

Bergbau

Der erste Chauffeur von Daniel Bonacker


Johann Justin kam 1901 aus Lawken, Kreis Lötzen, nach Röhlinghausen. Vom 25. November 1901 bis zum 1. Mai 1902 arbeitete er unter Tage auf der Zeche Königsgrube. Als sein Vorgänger vom Kutschbock wieder in die Grube stieg, suchte der „Alte“ (Daniel Bonacker) einen neuen Mann, einen, der bei der Artillerie gedient hatte und Pferde zäumen, striegeln und zügeln konnte. „Johann“, wie er allgemein gerufen wurde, war der Richtige. Er begann mit 100 Mark im Monat bei freier Wohnung (Rheinische Straße 12, damals Ronnstraße) und freien Brand.

Noch neun Jahre fuhr Johann Justin seinen „Herrn“ im gemächlichen Zuckeltrab zur Arbeitsstelle, zu Konferenzen, zu gesellschaftlichen Veranstaltungen. 1913 war Direktor Daniel Bonacker das Schneckentempo leid. „Johann“, sagte er, „du wirst Chauffeur!“ Gesagt, getan. Im Handumdrehen hatte dieser Schalten und Gasgeben heraus. Johann Justin sah sich in der Autoreparaturwerkstätten Lueg in Bochum um. Anfang Mai 1913 hatte der 42jährige Fahrschüler seinen Führerschein Nr. 2753 von der Regierung Arnsberg in der Tasche.


Johann Justin


Der Text hierzu lautete: „Herr Johann Justin ist auf Grund der vor dem amtlich anerkannten Sachverständigen, Herrn Ingenieur Schwarz in Duisburg, am 29. April 1913 abgelegten Prüfung ermächtigt, einen Kraftwagen mit (Motor-) Verbrennungsmaschine (Klasse) 3b zu führen. Datum: 2. Mai 1913.“ Am 7. Mai setzte auch die Polizei Gelsenkirchen ihre Unterschrift unter das Dokument.

Wie bei seinem Vorgänger, so nörgelte Direktor Daniel Bonacker auch bei Johann Justin an allen Ecken und Kanten herum. Bei Pannen, Kinderkrankheiten der damaligen Automobile, schob er anderen gegenüber stets „Johann“ den schwarzen Peter in die Schuhe. „Wenn Sie was zu kritisieren haben Herr Direktor, sagen Sie es bitte nicht vor den Leuten, sondern mir persönlich“, beschwerte sich dann Johann Justin. „Geben Sie mit bitte eine andere Arbeit!“ „Ich habe keine“, entgegnete kurz der „Alte“ und winkte ab. Später entschuldigte sich Bonacker sogar. „Nehmen Sie es mir nicht übel, es war nicht so gemeint“, sagte er. Weihnachten gab es dann zehn Mark monatliche Erhöhung des Gehaltes.

War das ein Tag in Röhlinghausen, als sich Johann Justin in blitzblanker, grüner Uniform aus bestem Loden zum ersten Mal ans Steuer des „Adlers“, dernier cri der Mercedes-Werke, setzte, fauchend und knatternd durch die Straßen fuhr und viel Lärm die Bewohner weckte. – Er war die Attraktion!

Abends leuchteten neben dem hohen Sitz wie bei einer Kutsche zwei Karbidlampen. Später kamen Lampen vorne hinzu. Hinter dem Fond barg ein großer Kasten das Benzin. Ein Verdeck, an den Seiten von Stangen gehalten, schützte die Passagiere, zwei zusammenziehbare Scheiben hinter dem Führersitz hielten de Staub der Straße ab. Und Staub gab es in Mengen.

Mehr als zehn Jahre lang tat das Vehikel seine Dienste. Zwar hatte es seine Mucken, spuckte, wenn der Fahrer mit der Kurbel den Motor anwarf, doch im Großen und Ganzen war es recht brav. Nur die Fahrt bis Detmold zur Ehefrau des Direktors, einmal wöchentlich, war keine Freude.

Erstaunlich, wie das Auto alle Stürme überstand. Nur einmal rostete es im Stall, als Johann Justin von 1914 bis 1916 und von 1917 bis Anfang 1918 den feldgrauen Rock trug. Vorgänger Henneken sprang in die Bresche – und die alte Kutsche wurde wieder auf Hochglanz poliert.

Einmal fauchte der „Adler“ an die Ostfront. Am Steuer saß Fahrer Gustoff aus Bochum.

Gegen Ende des Weltkrieges im November 1918 saß dann nicht mehr der konservative Direktor Daniel Bonacker im schwellenden Fond, sondern Angehörige des Soldatenrates. Mit aufgepflanztem Bajonett holten sie Johann Justin ab – und der musste wie sonst parieren.

1923 betrachteten die Franzosen den „Adler“ und seinen Fahrer als Leihobjekt. Es war in Gelsenkirchen nach einer Tour mit dem Chef. Der musste aussteigen und mit der Bahn heimwärts fahren. Johann Justin musste für den „Changel“ wie man in Wanne-Eickel die französischen Besatzer nannte, seine Benzinkutsche honorarfrei steuern. Eine halbe Stund vor Mitternacht konnte er gehen, doch anderntags musste er noch mal auf das Gaspedal treten. Am dritten Tag hatte er sein Soll hinter sich. Den Wagen behielten die Franzosen. Vierzehn tage später kam Bescheid aus Recklinghausen: Auto abholen. Das Fahrzeug fuhr ein französischer Offizier, bis er nicht mehr wollte und das Auto nicht mehr konnte. Johann Justin hantierte dann auf der Straße mit Zange, Schraubenschlüssel und sonstigem Werkzeug, um es wieder fahrbar zu machen. Bei Lueg in Bochum wurde dann das Fahrzeug repariert, ehe es dann plötzlich total ausbrannte.

Nach einer umfangreichen Reparatur diente es später noch einige Jahre. Als Daniel Bonacker 1925 pensioniert wurde und nach Detmold verzog, kam der „Adler“ zurück nach Bochum zu den Autowerkstätten Lueg.

Direktor Daniel Bonackers erster Chauffeur, Johann Justin starb 1952 im Alter von 82 Jahren in Wanne-Eickel, Laurentiusstraße 37.


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Quelle: Wanne-Eickeler Tagesblatt vom 12. April 1953
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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