Wanne-Eickel-Historie


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Eine Institution auf Crange, die Boxbuden

Kirmes

Die Boxbude eine feste Institution auf dem Rummelplatz


Seit langem eine Institution auf Crange, die Boxbuden. Sie gehören zu den ältesten Kirmesvergnügen überhaupt. Mehr als andere Attraktionen auf dem Rummel haftet ihr noch immer der herbe Geruch der Halbwelt an, der die Jugendlichen (Halbstarke hießen sie früher) anzieht. Früher, dass war in den 50er und 60er Jahren, da hatten die Stars der Box- und Catchbuden noch Lokalkolorit. Peter Meinken, früher Leiter der Polizeiwache Wanne, erinnert sich noch gut an die Wanner Boxgrößen wie Erich Prieß, Franz Hüppmeier oder Sandor Nagy.

Er berichtet über Sandor Nagy wie folgt:
Sandor Nagy: "Der hatte so eine Löwenmähne, und wenn er auf der Bühne vor der Boxbude auf und ab stolziert ist, hat er sich ständig mit einem riesigen Kamm die Haare geglättet und so die Leute provoziert."

"Echtes Blut sei damals in Strömen geflossen. Allerdings kein Menschenblut. Vor ihren Kämpfen holten sich die Catcher beim Metzger mit Blut gefüllte Schweineblasen, die sie beim Kampf effektvoll platzen ließen. Auch der Einsatz von Schminke zum Vortäuschen von Verletzungen waren Nagy und Co. nicht unbekannt".

Der aus Budapest stammende Ringer und Chatcher
Sandor Nagy, aufgenommen im Juni 1950.
Er war der letzte Wirt in der Bahnhofsgaststätte Hordel-Eickel.

Am Freitag, 7. August 1959 erschien termingerecht Wanne-Eickels
Catcherstar Nr. 1 Sandor Nagy, mit Samsonmähne und Knebelbart
zur 524 Cranger Kirmes.


Werbeanzeige in der Westfälischen Rundschau, August 1952.

Ein Zeitzeuge aus Gelsenkirchen berichtet über Sandor Nagy wie folgt:
Ich war ja noch Halbwüchsiger, als Sandor auf der Kirmes auftrat. Er trug fast schulterlanges Haar und einen Kinnbart, was doch damals als unvorstellbar galt. Ich weiß auch noch, dass das Schaugeschäft, auf dem er auftrat, nicht mit den üblichen Geschäften zu vergleichen war, weil die Bühnenbreite fast doppelt so groß war, wie normale Schaubuden. Ich hatte damals nach 1962 als Kfz-Mechaniker in Gelsenkirchen-Bismarck gearbeitet. Es war die Zeit, als Sandor mit einem damals neuen Opel-Rekord regelmäßig zu uns kam. Ich habe ihn während dieser Zeit kennen gelernt, er trug immer neben schwere Goldringe einen auffällig großen schwarzen Hut, eine Art Sombrero aus schwarzem Filz.

Boxschaubude Seiler - Normann, aufgenommen im Jahre 1953.

Werbeanzeige in der Westfälischen Rundschau, August 1955.

Foto: Jürgen Erdmann

Die Boxbude "Boxing-Match" war eine der Attraktionen der Kirmes. Hier stellt Boxbuden-Chef Seiler seine Mannschaft vor. Demjenigen, der einen seiner Männer K.O. schlagen kann, verspricht er 200 Mark Preisgeld. Die Aufnahme entstand im Juli 1958.

Foto: Jürgen Erdmann

Nicht nur Boxen, sondern auch Catchen war damals auf der Kirmes beliebt. Im Juni 1958 trat der ungarischer Catcher Sandor Nagy (Foto, Mitte) in Düsseldorf an.




















Der Catcher König Franz Hüppmeier, aufgenommen im November 1985. In 21 Jahre als Berufs-Catcher bestritt er rund 17 000 Kämpfe.


"Catch-as-catch-can", die brutal-grotesken Ringkämpfe der männlichen Kolosse auf den Brettern der Schaubuden waren die Publikumsmagnete vibrierender Nachkriegshektik vor den Augen illusterer Gäste. Und je barbarischer die Catcher sich gebärdeten, umso höher schäumte die Begeisterung und kletterte die Gage." So beginnt Kurt Schrage sein Bericht über Franz Hüppmeier.

Das Catcher As aus Wanne-Eickel war einer der schillernsten Persönlichkeiten des Cranger Kirmes-Milieus. Franz Hüppmeier oder "Iwan Romanow der Schreckliche", der "Russische Catschmeister", aus der Magdeburger Straße in Eickel, gehörte zu Wanne-Eickel wie das Emscherpferd. Ohne Hüppmeier wären 21 Jahre Cranger Kirmes-Geschichte - von 1953 bis 1974 - langweilig und ohne Pep verlaufen.

Im Jahre 1953 ging der damalige Bergmann Franz Hüppmeier das erste Mal in die Catcherbude der Cranger Kirmes und legte prompt "Sandor Nagy Budapest" auf`s Kreuz - einen Catcher der Superklasse. Hüppmeier wurde auf der Stelle als Catcher engagiert.


European Box-Catch-Hall, aufgenommen
auf der Cranger Kirmes im Jahre 1958.

Vor der Boxbude Sport-Palast: Gandhi Lemoine und
Hans-Herbert Schultz, aufgenommen im Jahre 1997.

Wir schreiben das Jahr 1958 auf dem Festplatz der Cranger Kirmes.

Man zögert, bleibt stehen, hört den Ansager der Boxbude gespannt zu:
"Achtung - Achtung - Sportsfreunde! Wir beginnen mit der ersten großen Veranstaltung. Hier steht die gesamte Kampfstaffel (sechs Sportsfreunde) und verteidigt die Prämie von 300,- DM! - Wir starten und beginnen jetzt. - Kinder bis sechs Jahren dürfen in Begleitung der Eltern hinein, dann erst wieder ab 18 Jahren. - Sportsfreunde, kommen Sie herein. - Achtung - die Truppe einmal Aufstellung nehmen (3 Sportsfreund fallen wegen Verletzung aus). - Melden Sie sich bitte, wenn Sie gegen die Truppe antreten wollen. Auf eigene Gefahr - auf eugenes Risiko - Sie haben nichts zu verlieren - Sie können nur gewinnen oder sich Verletzungen zuziehen - zwei Mann sind schon im Krankenhaus. - Sportsfreunde - hier das Tagesgespräch aller Festplätze. Wir beginnen jetzt wieder eine sensationelle, große Sportveranstaltung. Wer sich das entgehen läßt, hat etwas verloren. - Es lohnt sich, diese Schau zu besuchen. Kommen Sie herein, nehmen Sie Platz. Wir beginnen sofort mit den Kämpfen. - Dabei sein - keiner darf sich diese Veranstaltung entgehen lassen. - Das interessanteste, sensationelle Erlebnis hier auf dem Festplatz in Crange."

Man läßt sich in das dampfende Zelt, bei einem Eintrittspreis von 2,- DM, hineintreiben und von dieser unwirkliche Welt im Bannkreis des Boxrings gefangennehmen. Denn das richtige Leben, es entscheidet sich hier oben im Ring: Mann gegen Mann, Sieg oder Niederlage, alles andere ist Wischi-Waschi-Kram.

Zwischen 1959 und 1968 war die Boxbude für einige Zeit vom Kirmesbetrieb ausgeschlossen. Trotzdem wurde in dieser Zeit weitergeboxt, wenn auch nicht auf dem Kirmesgelände. Seit 1969 ist die Boxbude wieder offizieller Bestandteil der Cranger Cranger und wird in der sechsten Generation vom der Familie, Enkel Johann Heinen Lemoine betrieben.

Ab 1969 verliert sich die Spur von Sandor Nagy. Nach Aussage von Zeitzeugen, soll er sich nach dem aktiven Catchsport in Gelsenkirchen zu Ruhe gesetzt und die Gaststätte "Sporteck", Kurt-Schumacher-Straße Ecke Hochkampstraße betrieben haben.

Das Gerücht macht nicht nur 1986 als diese Aufnahmen entstand auf Crange die Runde, dass einer der Gegner bei Lemoine gekauft sei. Aber wer wollte das so genau wissen? Auf dem Bild abgelichteten Catcher Josef Rösche (Spitzname Buby) aus Gelsenkirchen. Er trat als Catcher unter verschiedenem Pseudonym (u.a. Sandor Nagy) und Nationalität auf Volksfesten in ganz Deutschland auf und war lange Jahre bei Lemoine angestellt.

Seit fast 60 Jahre kam die bei Düren ansässige Johanna Lemoine, geborene Brambach zur Cranger Kirmes nach Wanne-Eickel. Im Gepäck: die konkurrenzloseste Boxbude Deutschlands. Sie gehört zu den ältesten Kirmesvergnügen überhaupt.

Wie ein Relikt aus vergangenen Jahrmarktszeiten stand die Boxbude Sport-Palast von Johanna Lemoine bis 2007 neben der computergesteuerten Achterbahn. Wenn es Abend wurde auf dem Festplatz, dann lockte das Schaugeschäft nicht weniger Zuschauer an als der benachbarte Thriller. Meist waren es acht Preisboxer und ein Catcher die auf ihre Kontrahenten warteten. Preisboxer, die in Vereinen nichts werden konnten. Links und rechts vom Eingang zum Sport-Palast der Hinweis: Prämienauszahlung nur bei K.O.-Sieg. Wenn es mit dem finalen "knock out" klappte, durften sich der mutige Sportsfreund auf eine saftige Prämie freuen, ein zu "Brot" zum Kirmesgeld.

Im Jahre 2008 mußten die Faustkämpfer um Lemoine aussetzen, aber 2009 war die Box-Show auf Crange wieder vertreten.

Mit Kraft , Glück und Können kann man seit 2009 wieder die Kirmeskasse aufbessern. Wer gegen einen unserer Herausforderer, aus Paris oder London antreten will, ruft Johann Heinen Lemoine ins Mikrofon, der darf sich hier melden. Das Regelwerk sieht eine Kampfzeit von zweimal eine Minute vor, manchmal geht es auch über mehrere Runden.

Seit 2010 ist der neu gestaltete "Fight Club" des Saarländers Charly Schultz auf Crange vertreten. Die Show beginnt mit einer Parade der Boxer. Der Chef persönlich lockt die Gegner seiner zehnköpfigen Truppe - meist Ex-Profiboxer - an. Bis zu 400 Besucher können im Zelt das Geschehen bei einem Eintrittspreis von sechs Euro verfolgen.

Nostalgische Schaugeschäfte wie Boxbuden, Steilwandfahrer (Show der Sensationen von Chales Blume) oder die "Dame ohne Unterleib" gibt es auf den Rummelplätzen kaum noch. Ganze zwei Boxbuden stehen in Deutschland noch auf den Kirmesplätzen. Alle weiteren haben längst aufgegeben, das Geschäft ist einfach zu schwierig geworden, die High-Tech-Konkurrenz zu übermächtig. Die verbliebenen Boxbuden leben weiter von der Illusion, dass sich jeder im Leben durchschlagen kann, wenn er es denn will. Eine Show mit echten Männern zwischen High-Tech-Karussells - wie lange noch?


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Quellennachweis: Wanne-Eickeler Anzeiger vom 09. August 1952. Westfälischen Rundschau vom 06. August 1955. Westfälischen Rundschau vom 08. August 1959. Turkowski, Waltraud: Die Cranger Kirmes, Ursprung, Entwicklung und heutige Bedeutung, 1969, S. 67 f., Interview mit Horst Prause November 1981. WAZ vom 06. August 1994. Krus-Bonanzza: "Auf Cranger Kirmes", 1992, S. 344 ff., WAZ vom 09. August 1997. WAZ vom 06. August 1999. Interview mit Ingo Janowitz März 2007. WAZ vom 10.August 2010. Crange mittendrin, 2009, S. 12 f.,
Fotoveröffentlichung: Mit Genehmigung durch Jürgen Erdmann Düsseldof.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig.


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