Wanne-Eickel-Historie


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Die Prame und die drei Wildrosen

Geschichte

Die Prame und die drei Wildrosen


Vor Zeiten lebte auf der Dorneburg ein reicher Ritter, der hatte eine einzige Tochter. Sie war schön wie der Morgentau, frisch wie der Wind, arbeitsam wie die Biene und sangesfroh wie die Drossel. Als sie zur Jungfrau herangereift war, fand sich manch junger Ritter auf Schloß Dorneburg ein, der mit wohlgesetzten Worten um die Hand der reichen und schönen Erbtochter warb. Sie aber wies jede Werbung der aufgeputzten feinen Herrchen zurück.

Gern und oft war sie im Garten bei ihren Blumen, am Weiher bei ihren Fischen, im Stall beim Vieh. Dabei sprang sie gern über Gräben und kletterte über Zäune. Kein Strauch oder Gestrüpp war ihr zu dicht, wo sie sich nicht hindurchzwängte. Die Spindel war ihr eine liebe und vertraute Gesellin. Hatte sie freie Zeit, so ergriff sie ihre Laute und sang dazu sinnige und minnige Lieder.

Ihr Lieblingsplätzchen war der große, dichte Wildrosenstrauch weit hinter dem Schloß, wo die rote Heide an den herrlichen Hochwald stieß. Einmal nahm sie wieder ihre Laute und lief nach dem Rosenstrauch. Drei Wildrosen pflückte sie ab und schmückte mit zweien ihr wallendes, goldlockiges Haar, mit der dritten ihre Brust. Dann setzte sie sich auf den Rain, der die Heide vom Walde schied. Sie stimmte ihre Laute und sang in jugendlicher Frische ihre schönsten Lieder über die rotleuchtende Heide hin. Das Häslein lauschte vor seinem Bau, richtete sich auf und sah nach der lieblichen Sängerin hin. Die Drossel hielt ein mit ihrem eigenen Sang. Und ein Hirsch näherte sich aus dem Wald, legte sich nieder und lauschte andachtsvoll.

Die Jungfrau fühlte sich in dieser Stunde sehr zufrieden, ob aber -- vom Herzen glücklich? - Zur selben Stunde weilte im Walde der junge stattliche Ritter Rutger in Waidmannskleidung auf seinem flinken Roß. Versehen war der junge Ritter mit Fangleine und Prame. Er war darauf aus, ein Wildpferd zu fangen und dann zu zähmen. Noch aber hatte sich kein solches Tier weder hören noch sehen lassen.

Da vernahm auf einmal sein Ohr sonderbar leises Tönen von fern her. Was sollte das sein? Was hatte das hier draußen zu bedeuten? Er band sein Roß an einen kräftigen Hochstamm und ging vorsichtig und sachte dem sonderbaren Getön nach. Und so kam er in die Nähe des Wildrosenstrauches. Die Töne wurden vernehmlicher, und nun hörte der junge Ritter Rutger Töne des Gesanges und einer Laute. Er sah aber noch nichts. Jetzt stand er dicht hinter dem Rosenbusch und hörte eine Jungfrau singen, welche die Laute dazu spielte. Er lauschte gespannt dem Gesang. Und die Jungfrau sang:

Käm doch der Liebste mein
aus dem Wald gegangen,
würd' ich ihn am Rosenstrauch
minniglich umfangen!
denn ein Kuß von seinem Mund
macht' mein wundes Herz gesund.


Der junge Ritter bog vorsichtig einen Zweig des Rosenstrauches beiseite, um die Sängerin sehen zu können. Der Zweig aber raschelte im Blätterwerk des Strauches. Die Jungfrau schreckte auf, ließ ihre Laute fallen und blickte hin nach der Stelle, von wo das Rascheln gekommen war. Da sah sie zu ihrem größten Erstaunen einen stattlichen, schönen Jüngling in Waidmannstracht: den Ritter Rutger. Sie schnellte von ihrem Sitz empor, stand wie gebannt da und schaute dem jungen Mann ins Antlitz. Dieser setzte hinter dem Rosenstrauch hervor, fiel vor der rosengeschmückten Jungfrau aufs Knie, ergriff ihre Hand und drückte einen Kuß darauf. Das war das Werk eines Augenblickes. Die Jungfrau stand im ersten Augenblick wie versteinert da - und wehrte sich dann nicht, als der junge, schmucke Jägersmann und Ritter um ihre Hand fürs Leben warb - beim Rosenstrauch.

Am folgenden Tage ging der junge Ritter Rutger zum alten Ritter von der Dorneburg und holte sich auch bei diesem das Jawort. Und nach wenigen Monden ward die Hochzeit gefeiert. - Als sich dann bald hernach der Alte, der sich glücklich fühlte, weil seine einzige, geliebte Tochter glücklich war, zu seinen Vätern versammelt hatte, nahm Ritter Rutger die Dorneburg ein. Um sein Glück auch äußerlich durch ein Zeichen festzuhalten, legte er sich ein Wappen zu und setzte darein drei Wildrosen - zwei oben, wie damals zu Häupten, und eine unten, wie auf der Brust der Liebsten - und über diese Rosendreiheit seine Prame - denn mit dieser war er ja ausgezogen, um ein Wildroß für sich zu gewinnen und hatte dabei - seine Gemahl gefunden.

So war des Wappens Zier für beide: die Pram' im grünen Waldeskleide, drei Röselein auf roter Heide.





















Das Dorneburger oder eigentlich Aschebrock-Dorneburger Wappen ist ein zweiteiliger Schild: in der oberen Hälfte ist die Pferdeprame, in der unteren sind drei Rosen zu sehen. Urkundlich tritt dieses Siegel zum ersten Mal im Jahre 1303 auf mit der Umschrift „Rutger von der Dorneburg“. Die drei Rosen deuten auf ein Lehen der Grafen von Limburg, die Prame bezeichnet das Anrecht auf den Fang wilder Pferde im Emscherbruch.



Historische Anmerkung


Bereits im Jahre 1243 wurde der Name Dorneburg genannt, ein vielleicht schon damals von Gräften und Wällen umgebener Adelssitz. Als Dienstmann des Grafen von der Mark wurde Conradus de Dorenburg in dieser Zeit als Zeuge im Zusammenhang mit den Rittern von Strünkede urkundlich erwähnt. Rutger von Dorneburg nannte sich 1345 mit Beinamen Aschebrock; er hatte die Funktion des Amtmanns von Bochum. Um 1445 geriet die Dorneburg an die Familie von Loe. Der Burg- oder Hausgraben wurde erstmals 1579 urkundlich erwähnt.

1669 gelangte das Anwesen durch Heirat der letzten Erbtochter Elisabeth Klara von Loe mit Conrad von Strünkede in dessen Besitz. Dieser erhielt 1690 vom brandenburgischen Kurfürsten den "Lehnbrief über die Herrlichkeit Dorneburg" mit der "Civil-Kriminal-Jurisdiktion" sowohl über seinen Burgbezirk als auch über Bickern, Eickel, Holsterhausen, Röhlinghausen und die Riemker Mark. Durch geschicktes Taktieren verstand es Conrad, 1717 auch Gut Gosewinkel in den Dorneburger Besitz einzugliedern. Dieser geriet 1765 in Konkurs. Zur Konkursmasse gehörten u.a. das "...adelige Haus Dorneburg nebst Wällen, Graben, Gärten, Baumhof, Jagd, Fischerei, Taubenflucht und sonstigen Freiheiten...".

Der Danziger Hauptmann von Kuschinsky kaufte die Dorneburg. Anfang des 19. Jahrhunderts erbte die Familie von Untzer die Anlage. Nach einem Brand im Jahre 1844 wurden das Haupthaus und die Ökonomie mit Mühle als klassizistische Bauten unter Wiederverwendung des barocken Portals von Haus Gosewinkel neu errichtet. Im Jahre 1866 ging der Besitz an den Landwirt Heinrich Riemann, der ihn später an die Hibernia AG verkaufte.

Bis zu seiner Zerstörung durch Bomben 1942/43 war der ehemalige Adelssitz zeitweise Gaststätte, Gefangenenlager und Wohnhaus. Die Ruine wurde 1951/55 abgetragen.

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Quelle : Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Vom Volk erzählt... Sagen aus Herne und Umgebung, Eine Sammlung von Sagen, Legenden, geschichtlichen Ereignissen und schelmischen Erzählungen, Nach Überlieferungen aus schriftlichen und mündlichen Quellen zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 1999. S.96 ff.

Auszug aus dem Wettbewerbsbeitrag " Thema. Bild und Gestalt des Ruhrgebietes" ausgeschrieben vom Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher, im Rahmen des Geschichtsfestes "Historama Ruhr 2000 vom 24. Juni 2000 auf der Zeche Zollverein in Essen-Katernberg.
Fotonachweis: Archiv Heinrich Lührig



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