Wanne-Eickel-Historie


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Die Melanchthonschule macht den Anfang

Geschichte

Unterricht für 700 Schüler in vier Schichten


Die zunehmenden menschlichen Kontakte standen auch im Sommer immer noch im Kontrast zur Härte der Verordnungen. Die Bevölkerung konnte zwar bereits Post verschicken, aber es durften nur Postkarten sein, die genau den Zensurbestimmungen entsprachen. Die Bewegungsfreiheit war etwas gelockert, doch für Reisen über 100 km hinaus musste man um eine Sondergenehmigung nachsuchen. Männer die ihren alten Beruf nachgingen, mussten wenn sie entbehrlich waren, sich umschulen lassen, vorwiegend zu Maurern, Zimmerleuten und Pflasterer.

Selbst ein „allzu langer Urlaub“ nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft störte die Kommandantur. Sie vertrat die Ansicht, dass höchstens zehn Tage für die Erledigungen der persönlichen Angelegenheit genügen.Ende August, als die Pflaumenernte in Sicht war, warnte die Militärregierung vor Hamsterfahrten in den Kreis Beckum. „Die gesamte Ernte wird zwangsbewirtschaftet.“ Die härteste Verordnung wurde am 11. September erlassen. „Auf Grund der Registrierungspflicht nach Kontrollratsbefehl Nr. 3 verlangte die Militärregierung, dass gesunde Männer im Alter zwischen 18 und 35 Jahren grundsätzlich und alle frühre schon einmal im Bergbau tätig gewesenen Männer wieder in den Bergbau vermittelt werden müssen.“

Solche Anordnungen waren selbst in Zeiten, in denen Ausnahmegesetze galten, für viele schockierend, weil sie Prinzipien der Freiheit widersprachen. Aber den Arbeitsämtern blieb keine andere Wahl als den Zechen immer neue Kräfte zuzuführen. Ab September gab es sogar von oben gesteuerte Aufstockungsbefehle, aus denen die zahl hervorging, die jedes Arbeitsamt den namentlich benannten Zechen zuführen musste. Am 17. September gab es zur Abwechslung wieder einmal ein erfreuliches Ereignis. Als erste Volksschule konnte die Melanchthonschule wieder eröffnen, wenn auch zunächst nur mit vier Klassen. Die Schule war in den letzten beiden Kriegsjahren Gefangenenlager. Die Fenster waren mit Stacheldraht vergittert, auf dem Schulhof war eine Küche. Bomben hatten den südlichen Teil des Schulgebäudes weggerissen, ebenso die Baracke, in der einmal die Hilfsschule untergebracht war. Zur Schuleröffnung sah man noch überall die schweren Wunden und die beiden Erdbunker im Hof, aber fünf Klassen waren einigermaßen heil geblieben. In vier wurde nun unterrichtet, der fünfte wurde bereits seit dem 1. September als Dienstzimmer von Schulrat May benutzt. Zum ersten Lehrerkollegium gehörten nach eingehender Überprüfung der politischen Vergangenheit Christine Riffert, Emil Schrage, Johann Bentmann und die Geschwister Schulte an. Großes Reinemachen ging voraus. Tafeln und Bänke wurden geschleppt, dann war es soweit. Schulrat May hielt eine Rede. Er konnte nahezu hundert Gäste begrüßen, Captain Cox als Vertreter der Militärregierung, und die Spitzen der Stadtverwaltung. Viele Erwachsene und Kinder standen vor der Schule, um das Ereignis mitzufeiern.

Marianne Sawadowski von den i-Männchen war ausersehen, um Captain Cox einen Blumenstrauß zu überreichen. Die Sängervereinigung Röhlinghausen feierte den Tag als Nachkriegspremiere. Bei der Feier trat sie erstmals wieder öffentlich auf. Besonders zahlreich waren auch Lehrer aus anderen Schulen vertreten, die selbst immer noch auf die Unterrichtsaufnahme warteten.

Für die Melanchthonschule wurde der 17. September 1945 zu einem bedeutsamen Tag. Sie wurde als erste Schule wiedereröffnet. Die Kinder standen Spalier, als die Spitzen der Militärregierung und der Stadt eintrafen. Links neben Polizeioffizier A. Cox, Bürgermeister Kapala, rechts daneben Hilfsdezernent Anton Hockerts (mit Hut), Dolmetscher Karl Rado, Dolmetscher Gerd Rendsmann, Oberbürgermeister Jakobi, Hilfsdezernent Franz Henkst und Stadtbaurat Karl Neuhaus.


Die Kinder, um die alles ging. Teils pfiffig, teils amüsiert, in jedem Fall neugierig – so blickten sie in die Kamera.

Was Prominent war, nahm an der Eröffnungsfeier teil. Sitzend in der ersten Reihe Captain Cox und Schulrat May, vorne stehend Rado, links Kapala, Rendsmann, Stadtoberinspektor Hase, Franz Henkst, Anton Hockerts, dann weiter sitzend Neuhaus, rechts dahinter Edmund Weber, halb verdeckt Franz Hruska, links hinter May Definitor Klein, ganz rechts Rektor Oberstadt. Im Hintergrund stehen am linken Fensterrand im weißen Kragen Mühlenbesitzer Mackenbrock, rechts daneben Dr. Schäfer. Die letzten drei ganz rechts sind Bauingenieur Cordt, Heinrich Beckmann und Rektor Holtgräve.














Bildmitte sieht man den stellvertretenden Stadtkommandanten, Cox. Captain Cox selber kinderreich, nahm die kleine Marianne Sawartowski. auf den Arm, schon wegen der ausnahmsweise zugelassenen Kamera, und alles lächelte mit, links neben Cox Baurat Neuhaus und Anton Hockerts, rechts daneben Karl Rado, Oberbürgermeister Jacobi, Medizinalrat Greiff (nur Kopf sichtbar) und Gerd Rendsmann.



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Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Schicksalsjahre unserer Stadt.
Nach einer Serie der WAZ zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 2005. S. 122 ff.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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