Wanne-Eickel-Historie


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Die Magd mit dem Zweiten Gesicht

Geschichte

Die Magd mit dem Zweiten Gesicht


In loser Streuung lagen die Gehöfte und Kotten der Bauernschaft Holsterhausen verteilt. Auf einem dieser Gehöfte Vollriechtete eine Magd ihren Dienst, der nachgesagt wurde, sie hätte die Gabe des Zweiten Gesichts. Die Sage erzählt hierzu folgende Begebenheit:

Nach dem Kirchgang sah die Magd einen der älteren Nachbarjungen, der auf dem Nachhauseweg war. "Komm einmal her zu mir!" rief die Magd dem Nachbarjungen zu, "ich muss dir etwas Schlimmes erzählen." "Was gibt es denn Neues?" fragte der Junge. "Erschrick nicht!" begann die Magd. "Aus eurem Haus trägt man bald einen Leichnam. Ich habe in der vorigen Nacht gesehen, wie der Schreiner auf eurer Deele einen Sarg anfertigt." "Du hast wohl geträumt", lachte der Junge und ging seines Weges weiter. "Nein, nein", rief sie ihm nach, "ich habe nicht geträumt!"

Ein paar Tage später erkrankte der Vater des Jungen und starb. Der Schreiner kam wie es früher üblich war, ins Haus des Verstorbenen, um den Sarg anzufertigen. Er wunderte sich, dass ihm hierzu eine Stube ausgeräumt wurde, wo doch die Deele groß und geräumig für seine Arbeit war. Der Sohn des Verstorbenen richtete dem Meister aus, er solle den Sarg an keiner anderen Stelle anfertigen als wie in dieser Stube, damit die Vorahnung der Magd nicht in Erfüllung gehen sollte. Die Stube war aber für die Arbeit zu klein, so dass der Meister nicht arbeiten konnte. "Was der Junge wohl hat, dass ich den Sarg ausgerechnet hier anfertigen soll, wo doch auf der Deele viel mehr Platz ist." So packte er all seine Sachen von der Stube zur Deele und fertigte den Sarg dort an. Als der Sohn, der nach Eickel gegangen war, auf den Hof zurückkam, da traute er seinen Augen nicht: Alles, was die Magd vorhergesehen hatte, war eingetroffen.


Anmerkung:

"Kennst Du die Blassen im Heideland
Mit blonden, flächsenen Haaren?
Mit Augen so klar, wie an Weihers Rand
Die Blitze der Welle fahren?
O, srich ein Gebet, inbrünstig, echt,
Für Seher der Nacht, das gequälte Geschlecht."


Mit diesen Versen führt uns Westfalens große Dichterin und Seherin, Annette von Droste-Hülshoff, die Menschen ihrer Heimat vor, die die Gabe des "zweiten Gesichts" besitzen, die also Ereignisse, die sich namentlich auf Tod, Brand und Unglücksfällen beziehen, "vorsehen" können. Die dem stillen Landleben und der Heide entsprossene Dichterin hat selbst zu den "Spökenkiekern" gehört, zu jenen rätselhaften, tiefgründigen, meist in sich gekehrten Menschen, die ihrer Nachbarschaft Grauen einflößen. Die westfälische Literatur ist reich an solchen Gestalten; außer der Droste haben sich Levin Schücking, Hermann Löns, Dr, Hermann Wette, Dr. Ferdinant Krüger u.a. dichterisch mit dem Problem des "zweiten Gesichts" befasst. Wilhelm Weber schildert die damit Behafteten in "Dreizehnlinden" mit den Versen:

"Blasse, blonde, stille Menschen,
Träumerisch, ahnungsreich…"

Hellseher, Schichter oder Zweites Gesicht sind in vielen Gegenden Westfalens als Sageninhalt anzutreffen. Die Gabe wird häufig innerhalb der Familie übertragen; selten hört man, dass jemand sie gerne bekommen hätte. Über die Begabung, die meistens eine Last für den Betroffenen ist, wird selten gesprochen. Hauptinhalt der "Zweiten Wirklichkeit" ist der Tod einer Person als zentrales menschliches Ereignis.

Bäuerliche Idylle und industrieller Fortschritt, so sah es um 1930 in Holsterhausen aus. Auf der linken Seite befand sich der Bauernhof Eichmann, später Gerwin. Der Gasometer im Hintergrund gehörte zum ehemaligen Stickstoffwerk Hibernia. Um ihre Produktionsanlage zu vergrößern, kaufte die Bergwerksgesellschaft Hibernia den Hof Gerwin auf und riss ihn ab.


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Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Vom Volk erzählt... Sagen aus Herne und Umgebung, Eine Sammlung von Sagen, Legenden, geschichtlichen Ereignissen und schelmischen Erzählungen, Nach Überlieferungen aus schriftlichen und mündlichen Quellen zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 1999. S. 91 ff.
Auszug aus dem Wettbewerbsbeitrag " Thema. Bild und Gestalt des Ruhrgebietes" ausgeschrieben vom Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher, im Rahmen des Geschichtsfestes "Historama Ruhr 2000 vom 24. Juni 2000 auf der Zeche Zollverein in Essen-Katernberg.
Fotonachweis: Archiv Heinrich Lührig


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