Wanne-Eickel-Historie


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Die drei Schwestern

Geschichte

Die drei Schwestern als Boten des Todes


Im Eickeler Lohof, mitten in dem dichten Eichenwald zwischen dem Bach gen Norden und dem Bach gen Süden, lag ein tiefer Teich. An dessen Nordufer stand eine besonders mächtige, alte Eiche, die ihre Nahrung durch ihre Wurzeln aus dem Teich zog. Unter den weit ausladenden Ästen der Eiche hausten drei Schwestern. Jede war bekleidet mit einem Langherabwallenden Kleid, und zwar hatte die älteste ein himmelblaues, die zweite ein feuerrotes, die dritte ein rosenfarbenes. Zum Zeitvertreib spielten die Schwestern mit weißen Stäbchen, die sie auf den grünen Moosteppich warfen, aufmerksam betrachteten, aufnahmen und wieder hinwarfen. Und so spielten sie mit diesen Stäbchen, wie kleine Mädchen mit ihren Püppchen spielen und mit diesen sprechen. Außerdem pflegte und fütterte die älteste Schwester einen Wolfshund, die zweite einen Ziegenbock, die dritte eine Katze.

Eines Tages wurden die drei Schwestern aus ihrer Ruhe arg aufgeschreckt. Sie hörten vom Norden und Süden her ein pochendes Geräusch. Mit jedem Tag ward das Geräusch lauter und schien näher zu kommen. Es waren heftige Axtschläge. Wie horchten da die Schwestern auf und wie erschraken sie! Eines Morgens sahen sie sogar einen Mann und wie er mit der Axt gegen eine Eiche schlug! Und am Bach im Norden baute man eine Burg und auch eine im Süden am andern Bach. Die Schwestern verbargen sich bald hier, bald dort im großen Wald, der aber schon sehr gelichtet war. Der Mann mit seiner Axt - o Schreck! - schlug auch gegen die große Eiche am Teich und hieb sie um und dazu noch andere Bäume um das Gewässer. Da wollten die drei Schwestern nicht mehr am kahlen Teich wohnen. Sie beschlossen, siebenmal siebzig Ellen gen Sonnenuntergang zu ziehen und da zwölf Klafter tief in die Erde hinabzusteigen. Das taten sie denn auch. Als dann eine Burg gerade über ihnen erbaut wurde, ließen sie sich dadurch nicht weiter stören, denn sie waren da unten ja in Sicherheit, kein Mensch konnte sie da belauschen und beunruhigen.

Da die Menschen vom Norden und vom Süden her die Schwestern gestört und geängstigt und zur Aufgabe ihres schönen Wohnplatzes gezwungen hatten, so wollten nun auch sie die Menschen in den Burgen im Norden und Süden wenigstens benachrichtigen, wenn die Burgmenschen im Norden und im Süden ihren Bau auf immer verlassen müssten.

Die drei Schwestern dingten Erdmännlein, wohl hundert an der Zahl, die einen unterirdischen Gang graben sollten, zuerst nach der Burg im Norden und dann nach der Burg im Süden. Die Männlein begaben sich fleißig an die Arbeit, und schon nach drei Tagen war der unterirdische Gang nach der Nordburg fix und fertig. Darüber erstaunten die Schwestern, denn sie hatten gemeint, die Arbeit würde wohl zehnmal solange dauern. Sie wollten darum den Männlein auch nur einen Teil des ausgemachten Lohnes geben. Darüber wurden die Erdmännlein böse, sie arbeiteten nicht mehr für die Schwestern, und so ward der Gang nach der Südburg nicht gegraben.

Die drei Schwestern gingen nur noch aus in den Nächten des Neumondes und des Vollmondes. Der unterirdische Gang nach der Nordburg wurde nur in der Neumondnacht durchwandelt. Hatte die rosenrote Schwester mit ihrer miauenden Katze den Erdgang und die Burgräume durchwandelt, so musste die Gräfin oder eine Tochter des Grafen noch vor dem nächsten Neumond sterben. Zeigte sich die feuerrote Schwester mit ihrem meckernden Ziegenbock in der Burg, so bedeutete das den Tod eines Sohnes des Grafen. Erschien aber die himmelblaue Schwester mit ihrem heulenden Wolfshund, so musste vor dem nächsten Neumond der Burgherr selber sterben.

Da kein unterirdischer Gang von der Mittelburg nach der Südburg führte, so wandelten die Schwestern mit ihren Tieren querfeldein über Stock und Stein, über Felder und Rain. Und dort in der Südburg riefen sie, ebenso wie in der Nordburg, die Burgleute fürs Grab ab; nur geschah dies in der Vollmondnacht. Niemand konnte alle drei Schwestern sehen, sondern höchstens nur eine, wohl aber konnten alle Leute in der Burg das Heulen des Wolfshundes, das Meckern des Ziegenbockes und das Miauen der Katze hören. Die älteste Schwester konnte nur von jemandem gesehen werden, der an einem Mittwoch geboren war. Die zweite Schwester war nur für den sichtbar, der seinen Geburtstag am Donnerstag hatte. Die dritte Schwester konnten nur an einem Freitag Geborene sehen.

Der Weg aber, den bei Vollmondschein die Schwestern von der Mittelburg nach der Südburg nahmen, hieß beim Volk der Jungfernweg. Als die älteste Schwester den letzten Burgherrn von der Nordburg abgerufen hatte und später den letzten Burgherrn von der Südburg, ward keine der Schwestern jemals wieder gesehen, wohl aber will man noch lange nachher Heulen eines Wolfshundes, Meckern eines Ziegenbockes und Miauen einer Katze gehört haben.

Die Nordburg ist die Dorneburg, die Südburg ist Haus Dahlhausen, und die Mittelburg ist Haus Bönninghausen. Den Jungfernweg kann man dir heute noch von Haus Bönninghausen aus zeigen, und auch der Jungferngang soll noch vorhanden sein.









Die in der Sage beschriebene Wegstrecke Jungfernweg im Stadtteil Eickel liegt zwischen Reichsstraße und An der Burg
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Historische Anmerkung


Von Haus Bönninghausen aus nach Süden hin, Richtung Haus Dahlhausen, führte ein Weg, Jungfernweg genannt. Diese Wegstrecke ist heute zum größten Teil bebaut. Ende 1947 beschloss die Stadt Wanne-Eickel, einem Teilabschnitt dieser in der Sage beschriebenen Wegstrecke die Straßenbezeichnung Jungfernweg zu geben. Dieser liegt zwischen Reichsstraße und An der Burg.

Haus Bönninghausen war eine Wasserburg, vielleicht schon aus dem 14. Jahrhundert. Als im Jahre 1855 die Zeche Königsgrube abgeteuft wurde, verlor die Burggräfte ihr Wasser. Eine Zugbrücke führte in den Innenhof. Zur Burg gehörte ein 6 mal 6 Meter breiter, steinerner Wehrturm mit Schießscharten. Die Außenwände hatten eine Stärke von 1,40 Meter.

1411 wurde in „villa Boninchusen“ ein Zinspflichtiger „Hermanns van Bonynchusen“ erwähnt. Seine Nachkommen behielten den Gutsbesitz bis 1630, der anschließend an die Familie Kumpsthoff kam. Kumpsthoff war ein sehr vermögender Mann. Er stammte aus Dinslaken und gehörte zum klevischen Kleinadel. Vom Herzog-Grafen von Kleve-Mark erhielt er die Stelle eines märkischen Richters in Bochum. Im Bereich des alten Amtes Bochum besaß Kumpsthoff neun Bauerngüter als deren Grundherr.

Das Gut Bönninghausen mit 30 Morgen Land hatte seit 1837 Peter Jakob Muckenheim gepachtet, der beides im Jahre 1839 käuflich erwarb. Seit dieser Zeit sprach man nur noch von der Burg Muckenheim.

Die Familie betrieb hier bis zum Verkauf der Ländereien an die Stadt Wanne-Eickel 1928 eine Gärtnerei und Samenhandlung. Der letzte Eigentümer war Heinrich Muckenheim. Er starb 1950, seine Ehefrau Hedwig 1993.

Luftminen zerstörten im Winter 1944/45 die letzte Burg Eickels. Im Jahre 1960 wurden das schwer beschädigte Haupthaus und der Wehrturm abgetragen.


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Quelle : Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Vom Volk erzählt... Sagen aus Herne und Umgebung, Eine Sammlung von Sagen, Legenden, geschichtlichen Ereignissen und schelmischen Erzählungen, Nach Überlieferungen aus schriftlichen und mündlichen Quellen zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 1999. S.96 ff.

Auszug aus dem Wettbewerbsbeitrag " Thema. Bild und Gestalt des Ruhrgebietes" ausgeschrieben vom Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher, im Rahmen des Geschichtsfestes "Historama Ruhr 2000 vom 24. Juni 2000 auf der Zeche Zollverein in Essen-Katernberg.
Fotonachweis: Archiv Heinrich Lührig



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