Wanne-Eickel-Historie


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Die Belagerung der Burg Eickel

Geschichte

Die Belagerung der Burg Eickel


Der Heimatforscher Gustav Hegler überlieferte im Jahre 1918 folgende Sagen=hafte Geschichte über seinen „Ausflug in die Vergangenheit“;

Die Gegend um Eickel und Bickern ist menschenleer. Die Stille der Wälder wird kaum unterbrochen durch den raschen Lauf eines Rehes oder der Tritt des Bogentragenden Jägers. Opferstätten haben wir gesehen, aber kein Kreuz grüßte hinter wehenden Baumwipfeln.

Man schrieb das Jahr nach der Geburt unseres Herrn 772. Es war ein heißer Sommer, und wir lagen an der Quelle des Baches, der einen halben Kilometer südlich vom Dorf Eickel, als frisches klares Wasser dem mütterlichen Schoße der Erde entsprang.
In munteren Lauf floss er nach der Stelle des Dorfes Eickel, wo er in einem breiten und tiefen Graben den dort wohnenden Grundherrn, die mit Palisaden umzäumte Wohnstätte füllte.

Von diesem Herrn hatten wir schon viel gehört, denn die ganze Gegend ringsum war ihm dienstpflichtig, und wir hegten den Wunsch, ihn kennen zu lernen. Schneller, als wir zu hoffen gewagt, sollte dieser Wunsch in Erfüllung gehen. Durch das Knistern von Zweigen und Laub aufmerksam gemacht, blickten wir auf und sahen eine mächtige Gestalt mit wehenden Bart, den Bogen um die linke Schulter, auf uns zukommen. Wir sprangen sofort auf.

Er sah uns durchdringend, aber nicht unfreundlich an und sagte dann: „Wer seid Ihr? Wo kommt Ihr her?“ Ich winkte meinen Begleiter, er möge Rede und Antwort stehen.
„Wir sind eine kleine Gruppe und haben den sehnlichen Wunsch, den mächtigen Herrn des Emschergaus, Tabo zu sehen und kennen zu lernen“. „Tabo von Eickel? Das bin ich!“

„Das bist Du?“ riefen alle in Erstaunen. „Heil und Segen über Dir. Lange lebe Dein Haus und Deine Feinde müssen Dir dienen!“
Tabo`s Gesicht verfinsterte sich.

„Meine Feinde – Wodan`s Feinde! Habt Ihr gehört, dass Karolus der Franke uns einen neuen Gott bringen will? Kundschafter haben mir die Nachricht gebracht, er marschiere auf die Sigisburg zu. Wer weiß, ob er nicht nach hier kommt. Lass ihn kommen! Mein Arm ist stark, und für Wodan und Donar fechte ich bis in den Tod“.
„Du bist ein tapfrer Mann und wir achten Deinen Glauben“.

„Wer seid Ihr? Betet Ihr zu Wodan oder zu dem Frankengott? Gleichviel, ich will`s nicht wissen. Doch kommt, Ihr seid meine Gäste. Thusnelda, mein Weib, soll Euch einen Krug Met und Brot und Käse bringen lassen“.
Damit hing er den Bogen über die Schulter und ging voran. Nach wenigen Minuten standen wir am Wassergraben, hinter welchem drei Meter hohe Eichenstämme dicht neben einander in die Erde gerammt waren. Diese Befestigungsanlage zog sich um die ganze Behausung Tabo`s. Er pfiff auf dem rechten Zeigefinger, indem er denselben gekrümmt vorn zwischen die Lippen steckte. Alsbald kam ein Knecht Herahngelaufen, löste ein Seil, und die Zugbrücke senkte sich langsam über den Graben, über welchen wir nun in den Hof hinein schritten.
Thusnelda und die Kinder, zwei Hochgewachsene blonde Jünglinge und eine anmutige Tochter, begrüßten uns gastfreundschaftlich. Tabo setzte sich nebst Thusnelda und den beiden Söhnen mit uns an den Rohgezimmerten Tisch, während die Tochter mit Hilfe einer Magd die Bedienung übernahm. Uns war alles neu, was wir hier sahen und hörten. Plötzlich entstand draußen Unruhe und Lärm. Ein Knecht hatte über die heruntergelassene Zugbrücke zwei Reiter hereingelassen, die auf ihren schnaubenden und schweißtriefenden Rossen laut nach Tabo riefen.

„Gruß und Nachricht von Widukind“, riefen sie dem alsbald Herbeieilenden entgegen, „der Frankenkönig ziehe durch das Ennepetal heran; die Sigisburg ist in Gefahr. Komm mit deinen Mannen und streite mit uns“.

Eine wilde Energie fuhr in Tabo. Zunächst fertigte er die Boten ab mit dem Bescheid: „Ich komme!“ dann traf er seine Anordnungen: „Schnell die Pferde aus den Ställen!“ Boten ritten alsbald nach allen Richtungen, die wehrhaften Männer aufzufordern, sofort zu erscheinen.
Die in unmittelbarer Nähe wohnenden waren alsbald zur Seite, und allmählich zogen einzeln und in Trupps auch die übrigen auf den Hof.
Unterdessen hatte Tabo auch über uns verfügt: „Ihr seid meine Gäste. Und Ihr schützt, so lange ich abwesend bin, mein Weib und meine Tochter. Treue gegen Treue. Hier meine Hand als Eid und Schwur!“

Fort ging es mit lautem Kriegsgesang, Tabo mit seinen Söhnen voran, Reiter und Fußtruppen aus dem Tore hinaus an der Lichtung vorbei, wo die Hütte der Leute lagen in der Richtung nach der Ruhr.

Ein Mitstreiter aus unserer Gruppe konnte einen Seufzer nicht unterdrücken: „Bei Tabo, dem Heiden, gilt der Handschlag als Eid.
Fast eine Woche verlebten wir auf der Eickelschen Burg, voll Erwartung der Dinge, die sich mittlerweile auf Hohensyburg zutrugen.
Thusnelda und ihre Tochter waren zuversichtlich und gefasst.


Am Abend des sechsten Tages erschienen plötzlich die Krieger wieder. Tabo und die Söhne hatten einen Fremden zwischen sich, der gar finster dreinschaute.
Die herbeieilende Thusnelda flog ihrem Eheherrn um den Hals, doch ihr fragender Blick suchte in seinen Mienen nach Antwort.
„Die Sigisburg ist gefallen. Wir sind zersprengt. Hier, meine Liebe, ist mein Freund Widukind. Er bleibt hier vorläufig verborgen. Der Franke sucht ihn“, sprach Tabo gepresst und stockend, indem ein Seufzer sich seiner breiten Brust entrang.

„Und nun den Kopf hoch! Karolus wird kommen, uns zu vernichten; aber beim Wodan, noch bin ich ungebeugt und unbezwungen“.
Seine Zuversicht flößte auch den andern wieder neue Kraft ein, und nun ging es mit frischem Mut an die Vorbereitungen zur Verteidigung. Zunächst wurden die Leute gut bewirtet. Die nach ihren Heimstätten Zurückgekehrten kamen alsbald wieder in solcher Zahl, dass die Brustwehr doppelt besetzt werden konnte. Stein und Klötze wurden herbeigeschleppt, Pfeile in großen Haufen an den niedrigen Stellen der Palisaden verteilt. Die Brücke wurde aufgezogen. Das Schwert an der Seite, die Armbrust neben sich, das Auge voll Mut und Feuer – so erwarteten sie den Feind.

Wir aber standen da und wussten nicht recht, ob wir lachen oder weinen sollten. Wir befanden uns in einer kritischen Lage: Siegten die Angreifer, wer bürgte für unser Leben? Siegten die Belagerten, so konnte ihr Zorn auch auf uns überspringen, da sie in uns, wie auch Tabo selbst, nicht ihre, sondern des Karolus Gesinnungsgenossen sahen.

Aber Tabo machte der peinlichen Lage ein Ende: „Meine Gastfreundschaft schützt Euch! Aber ihr seid Fremde, und niemand kennt Euch. Bis der Kampf entschieden ist, seid Ihr meine Gefangenen; es geschieht Euch nichts, es ist zu Eurem Besten!“
Er winkt einen seiner Leute heran: „Bring diese in die Wollkammer und verrammele die Tür!“

Da saßen wir nun auf den Säcken herum zum Müßigsein verurteilt.
Plötzlich ging es draußen los. Wir hörten Getöse und lautes Kampfgeschrei, noch übertönt von Tabo`s starker Stimme.
Die Feinde waren herangekommen.

Dumpfe, donnerähnliche Stöße machten den Boden erzittern, verursacht durch die Sturmböcke, mit welchem die Angreifer gegen die Palisaden rannten, und die sie auf roh gezimmerten Bühnen über den Wassergraben führten.
Stundenlang schon dauerte der Kampfeslärm. Plötzlich wer es einen Augenblick still, aber dann ein mächtiger Jubel durch die Luft, und gleich darauf riss Tabo die Tür auf: „Wir haben gesiegt! Wir haben gesiegt!“

Wir atmeten erleichtert auf. Gott sei Dank; wir waren wieder frei.


Anmerkung

Kern dieser Sagen=haften Erzählung ist, dass sich Tabo von Eickel lange gegen Karl den Großen behauptet hat, dessen Übermacht er aber schließlich erlag. Wer war dieser Tabo von Eickel? Eine Sagengestalt unserer Vorfahren? – Realität oder Phantasieprodukt? Zu vermuten ist aber, dass nach der geschichtlichen festgelegten Erstürmung der Sachenfeste Hohensyburg ein Truppenteil des Heeres Karl des Großen die Eickelsche Burg einzunehmen versuchte. Dieses ist nicht geschichtlich nachgewiesen, aber doch vorstellbar.

Der Landesarchivar Dr. Eduard Schulte stellte folgende Nachforschungen über die Existenz der Eickelet Burg an, er berichtet wie folgt:

Es hat hier eine Burg gegeben, die die älteste unserer Heimat sein dürfte, aller Wahrscheinlichkeit nach sogar älter als die der Strünkeder in Herne. Aber sie war eine steinerne Feste wie alle frühgeschichtlichen Burgen. Ihr Aussehen dürfte einem steinernen Wall ähnlich gewesen sein. Es wäre verfehlt, von einem Herrensitz oder einer Ritterburg, wie sie das Mittelalter kannt, zu sprechen. Im alten Eclo, wie Eickel hieß, zogen sich bei einer Gefahr durch Nachbarstämme alle Bewohner in diese Burg zur Verteidigung zurück. Wenn die Burg in der Karolinger Zeit zerstört wurde, so kann darausgeschlossen werden, dass inmitten der Steinumfassung ein sogenannter Thingplatz mit einem heidnischen Opferplatz lag.
Mit den Karolingern kamen die Missionare, die an Stelle des Heidenglaubens, das Evangelium setzten. Sie schufen eine neue Weihstätte. Es kann daher mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden – die Geschichte vieler Gemeinden, Schlösser und Kirchen der Frühzeit spricht dafür -, dass die Steine der Burg für die erste Eickeler Kirche verwandt wurde. Dies war ein guter Schachzug, der den Ur-Eickelern entgegenkam. Sie hatten ihre heidnischen Steine und die neue Kirche unmittelbar neben dem Thingplatz, wenn dieser überhaupt nicht sogar bis auf dem Eickeler Markt reichte.
„Auf dem Berge“ an der Königstraße, dort wo man die frühere Burg vermutete, hat später eine Besitzung gestanden, die im Volksmund als Burg weiterlebt.

Der Sagenforscher Karl Paetow beschreibt in seinem 1960 erschienenen Buch die Sage wie folgt:

Unter den Wittekindsburgen des alten Sachsenlandes ragt die süderländische Syburg oder auch Sigiburg im Ruhrtal durch Lage und Größe hervor. Palisadenmauern umgürteten ein gewaltiges Dreieck, auf dem sich neben den Unterkünften der Sachen ein Tempel erhob. Von jener „heidnischen Kirche“ berichtet uns Calvör:

„Es ist dies eine Hermion Suel oder Irminsäule gewesen, von den Heyden erbaut, samt einem festen Schloss und Stadt, dessen Mauerwerk, Festung und Graben noch auf der Spitze des Berges heutigentages zu sehen, und von Wittekind, heidnischer König bessenen und bewohnt.“

In einer anderen Chronik lesen wir:
„Dieses Schloss hatte Karl der Große im Jahre 772 erobert und den darauf befindlichen Götzen Chrode (soll heißen, der Große) zerstört.“
Jenes Bildwerk wird nun von Calvör folgendermaßen geschildert:

„War selbiges Bild einem alten Kornschneider oder Mähder gleich gekleidet, mit einem Schurz umgürtet, hat in der rechten Hand ein Fass mit Rosen, in der linken, so ausgestreckt in die Höhe, ein Wagenrad. Stund mit großen, rauen Haaren am bloßen Kopf, mit bloßen Füßen auf einer Säule und einem rauen, schareckigen Fisch, genannt perca, einem Barsch, und war die Brust offen.“
Innerhalb der Umwallung sprudelte auch eine Quelle, die war vorzeiten dem Donnergotte Donar geweiht.

Nun hatten die Franken auf einer Reichsversammlung zu Düren beschlossen, abermals gegen die halsstarrigen Sachsen zu ziehen, um sie in die Botmäßigkeit zu zwingen. Alsbald zogen sie mit gepanzerter und gespornter Kriegsmacht vor die Grenzfeste Sigiburg. Aber die ersten Sturmwellen wurden von den Sachsen abgeschlagen. Die lagen wohlgeborgen hinter ihrem Wallmauern und waren durch Menschen und Viehzeugen aus der Umgebung verstärkt worden. Ihre Speicher fassten die Fülle der Vorräte kaum, und auch sonst war ihnen allerlei Hilfskram zur Hand. Da aber der Donarborn in der Umhegung für so viele Menschen und Tiere nicht Wasser genug ausschütten konnte, so hatten sie vorsorglich ein geheimes Wasserrad bauen lassen. Diese Wasserkunst war wohl als Tretmühle angelegt und hatte zwei Räder, eines auf dem Burgwall und ein zweites am Strom. Über beide lief eine Leine mit leeren Ledereimern zu Tal, die füllten sich beim Tanz um das Unterrad tauchend und wurden durch die Tretkraft von Menschen oder Eseln, welche im oberen Hohlrad liefen, hochgebaggert. Somit konnten die Belagerten allezeit Wasser des Lebens schöpfen.

Jenseits auf dem Kaiserberg standen die Zelte Karls, und von hier aus hatte er die Feinde stündlich vor Augen. Wochen und Monate verstrichen mit Sturmangriffen und blutigem Anschlag, Ausfall und höhnischem Zuruf. Schon tobte der König in seinem Gezelt, denn es wollte kein Fortgang in diese Sache kommen.


Aber auf dem linken Ufer der Ruhr hatte ein Wehrfester sein Anwesen. Der war ein Gefolgsmann Wittekinds. Dem Oberhof des Sachsenfürsten verpflichtet, hatte er sich auf die Burg geflüchtet und bangte nun um Gut und Blut. Solches zu bewahren, schlich er zu nachtschlafender Zeit aus den Mauern, meldete sich bei den fränkischen Wachen und ließ sich vor König Karl führen. „Bringst du den Schlüssel?“ herrscht der Franke ihn an. „Den Schlüssel nicht, aber das Wasser!“ sprach der Verräter. „Lügst du, ersäuft du!“ entschied der Herrscher. Und nun erklärte der Sachse, wie und wo die geheimen Pfade zum Wasserrad liefen. Da zogen die Franken aus und zerstörten das Werk an der Ruhr noch in dieser Nacht. Somit versiegte die Lebensströme auf der Burg, das Vieh hatte nichts zu saufen, die Mütter nichts zu kochen und die Kinder nichts in ihren Becherlein. Denn der Donarborn gab bei weitem nicht genug Wasser für sie alle. Nun verbündeten sich Durst und Brand mit dem Feinde, und die Eingeschlossenen mussten sich schließlich ohne Schwertstreich ergeben.
Aus Dankbarkeit gegen jenen Verräter vermachte ihm König Karl den ganzen Berg und setzte das Rad ihm ins Wappenschild. Also hausten hierzulande seine Nachkommen in reichsfreiem Ritterstand.

Da die Sachsen durch das Schlüsselwunder ihre Eresburg noch einmal vorübergehend zugefallen war, so erhofften sie ein Gleiches von der verlorenen Syburg. Aber für diesmal wies ihnen kein Traumgesicht den Weg, und auch die Finte von damals mochte hier nicht verfangen. Denn die Franken waren durch keine List aus ihren Toren zu locken. Wollten die Sachsen also die Sigisburg wiedergewinnen, so mussten sie wohl oder übel ihr Glück auf andere Kriegskunst setzen. Sie führten Schleuderwerkzeuge heran und warfen Steine in die Burg. Doch richteten sie damit nicht viel aus. Im Gegenteil, diese brachten ihnen mehr Schaden als den Franken, indem ihnen die Geschosse mit doppelter Wucht zurückgeworfen wurden. Da banden die Sachsen Reiserhaufen zusammen, um mit deren Hilfe die Wälle im Sturm zu nehmen. Wie sie aber eben die Gräben mit diesem Holzwerk aufgefüllt hatten und die Sturmleitern über die schwankenden Reisigbrücken trugen, den Leib mit gleichartigen Holzbündeln deckend, so erschien plötzlich über der Christenkirche auf dem Berge zwei gewaltige Schilder rot im Feuerglanz leuchtend, bergend und drohend zugleich. Die fuhren wie flammende Heerscharen widereinander. Heiden und Christenleute sahen auf diese himmlischen Zeichen und deuteten sie jeweils nach ihrem Glauben. Den Franken stärkten sie den Rücken, dagegen de Sachsen der Mut entsank, und ihr Angriff stockte. Dann wendeten sie sich zur Flucht, verwirrten sich in ihren Reihen, wo sie sich gegenseitig in wilder Verblendung Wunden schlugen, und der Bruder den Bruder, der Freund den Freund nicht kannte. Da wagten die Belagerten den Ausfall, stürmten den Sachsen nach und verfolgten die Flüchtigen bis in die Schilfwälder der Lippe. Also blieb den Sachsen die stolze Syburg verloren, und ihre Götter zogen grollend zurück.


Widukind Statue aus Stein, entstanden 1933-45 eingelassen in der Wand eines Hauses in Gelsenkirchen, Wittekind Straße 16.


Historische Anmerkung

Die Geschichte berichtet wie folgt:
Währende des Feldzuges im Jahre 775 erobern die Franken im Ansturm die oberhalb des Ruhrtales gelegene Syburg. Sichere Angaben über eine Beteiligung des Sachsenherzogs Widukind fehlen, allerdings ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er bei den Kämpfen um die Hohensyburg führend war. Der Oberhof am rechten Ufer der Ruhr, zu dem vier angrenzende Bauernschaften gehörten, lagen in unmittelbarer Nähe der Hohensyburg; sie galt deshalb auch als seine Stammburg.

Widukind


Zum ersten Mal taucht sein Name in fränkische Schriftquellen des Jahres 776 auf, wo er als Anführer des sächsischen Aufstandes Erwähnung findet. In den folgenden neun Jahren gelang es ihm dem fränkischen Eroberer mehrere empfindliche Niederlagen zu bereiten. Erst 785 konnte Karl der Große den Widerstand des Sachsenführers endgültig brechen; nach seiner Taufe in Attigny an der Aisne verschwand Widukind erneut im Dunkel der Geschichte. Sein genaues Todesdatum steht nicht fest, es wird zumeist auf den 6. Januar 807 verlegt. Der „historische“ Widukind verwandelt sich rasch in eine mythische Gestalt die in den folgenden elf Jahrhunderten die Phantasie der Menschen anregte, deren Ruhm dabei aber immer wieder auch der propagandistischen Unterstützung politischer oder religiös motiviert Gruppen diente. Auch die mittelalterliche Kirche zog ihre Vorteile aus den sagenhaften Leben Widukinds. Somit ist die Erinnerung an Widukind in Erzählungen und Sagen bis über das Mittelalter hinaus lebendig geblieben.




Das Quellwunder bei Bergkirchen. An diese Sage erinnert das Wittekinddenkmal in einer kleinen Parkanlage Ecke Wilhelmsplatz und Schulwall in Herford. Auf einer Bronzetafel zu lesen:

Wittekind Herzog der Sachsen um 800 n. Chr. Sein Denkmal wurde zuerst geschaffen durch Professor Wefing-Berlin aus Eickum im Kreis Herford. Eingeweiht am 28. Juni 1899, den Kriege geopfert am 25. Juni 1942. Nachgeschaffen durch den Bildhauer W. Kruse aus Herford. Gegossen von E. Strässacker KG, - Süssen - Württenberg. Ermöglicht durch Freiwillige Spenden der Bürger. Eingeweiht am 30. August 1959.



Anmerkung


Über Widukind sind zahlreiche Sagen bis in die heutige Zeit überliefert worden. Ihr Ursprung lässt sich nicht mehr feststellen – genauso wenig wie ihr historischer Wahrheitsgehalt.
Eine kleine Auswahl in stark verkürzter Fasung dieser zahlreichen Sagen zum Mythos Widukind:

Die Wahl seiner letzten Ruhestätte

Der Sage nach konnte sich Widukind nach seiner Taufe nicht recht entscheiden, wo er begraben sein wollte: in Bünde in Rehme oder in Enger. So verkündete er in drei Ortschaften, wo zuerst eine Kirche fertiggestellt sei, werde er seine letzte Ruhe finden. Die Engeraner bauten listigerweise eine Kirche ohne Turm, sparten so viel Zeit und machten das Rennen. Deshalb soll Widukind in Enger begraben worden sein. Erst später beschlossen die Bewohner von Enger, den fehlenden Kirchturm etwas abseits zubauen.


Die Grabstätte des Sachsenherzogs Wittekind hinter dem Schnitzaltar der Ev. Lutherische Stiftskirche in Enger.

Das Sandsteinrelief wird etwa auf das Jahr 1100 datiert und gilt damit als eines der frühesten großplastischen Werke im deutschsprachigen Raum. Das Relief zeigt die fast lebendsgroße Gestalt eines jugendlichen Mannes im Herrscherornat. Auf dem Kopf trägt er eine Spangenkrone. Die verhüllte linke Hand hält ein Lilienzepter und die Rechte ist zu einer Segensgeste erhoben, die vielfach falsch gedeutet wurde. Unter anderem wurde Widukind eine verkrüppelte Hand zugeschrieben. Möglicherweise ist die Plastik zunächst ein stehendes Denkmal gewesen. Von mindestens zwei früheren Bemalungen der Skulptur sind noch geringfügige Farbreste erhalten. Ob der unbekannte Künstler des Hochmittelaltars tatsächlich Widukind darstellen wollte, muss offen bleiben. Der Künstler kann den Sachsenherzog persönlich jedenfalls nie zu Gesicht bekommen haben, denn als die Plastik geschaffen wurde, war Widukind bereits rund 300 Jahre tot. Ebenso bleibt ungeklärt, wer die Plastik in Auftrag gab, wo sie entstand, wie und aus welchem Grund sie nach Enger kam.

Widukind und das Wappenpferd

Der Sage nach hat Widukind beim Friedensschluss mit Karl dem Großen seinen Rappen (schwarzes Sachsenross) gegen einen Schimmel getauscht, den er von Karl zum Zeichen seiner Wandlung erhielt. Das weiße Pferd im Wappen Nordrhein-Westfalens soll auf diese Legende zurückgehen.

Widukind und die Sattelmeier

Der Sage nach hatten sich gleichzeitig mit Widukind andere sächsische Edelinge zum Christentum bekehrt. Widukind, der in Enger ansässig war, soll einige von ihnen um sich geschart und im Umkreis von Enger mit Grundbesitz ausgestattet haben. Gleichzeitig erhielten seine Getreuen bestimmte Rechte und Pflichten. In Kriegszeiten war es die Aufgabe diese „Sattelmeier“ stets ein gesatteltes Pferd bereit zu halten. In Friedenszeiten hatten sie das Vorrecht, den Landesvater hoch zu Roß begleiten zu dürfen. Dieses Ehrenrecht hat sich über Jahrhunderte gehalten und noch die preussischen Könige wurden zu Pferde von den Sattelmeiern eskortiert.

Das Timpkenfest

Der Sage nach hat Widukind noch vor seinem Tod verfügt, dass alljährlich an seinem Todestag den Kindern eine Freude gemacht werden sollte. Deshalb wird noch bis auf den heutigen Tag, immer am 6. Januar – Widukinds vermeintlichem Todestag – in Enger das Timpkenfest gefeiert, bei dem die Kinder nach einem Gottesdienst süße Brötchen, die Timpken geschenkt bekommen.

Karl der Große

An der Nordostgrenze des fränkischen Reiches siedelte im Frühmittelalter der Stamm der Sachsen. Südlich der Weser bildeten die Ostwestfalen, die Engern und die Westfalen einen lockeren Verband. Einen gemeinsamen Herrscher gab es nicht. Man fand nur im Kriegsfall unter einem Heerführer zusammen. Die Sachen waren keine Christen. Ihren germanischen Göttern blieben sie treu, obwohl Missionare seit dem Ende des siebten Jahrhundert die Stämme zu bekehren suchten. Die Kontakte zum mächtigen Nachbarn blieben aber bis zur zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts eher locker. 768 wurde Karl, den man später den „Großen“ nannte, König der Franken. Sein Leitspruch lautete: „divido et impero“ – teile und herrsche.






















Die Statue zeigt Karl den Großen (742-814). Die 1620 gegossene Orginalfigur steht im Krönungssaal des Aachener Rathauses.


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Quelle : Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Vom Volk erzählt... Sagen aus Herne und Umgebung, Eine Sammlung von Sagen, Legenden, geschichtlichen Ereignissen und schelmischen Erzählungen, Nach Überlieferungen aus schriftlichen und mündlichen Quellen zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 1999. S.23 ff.

Auszug aus dem Wettbewerbsbeitrag " Thema. Bild und Gestalt des Ruhrgebietes" ausgeschrieben vom Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher, im Rahmen des Geschichtsfestes "Historama Ruhr 2000 vom 24. Juni 2000 auf der Zeche Zollverein in Essen-Katernberg.
Fotonachweis: Archiv Heinrich Lührig


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