Wanne-Eickel-Historie


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Der Wunderspiegel

Geschichte

Wie Wanne-Eickel zum Bergbau kam


Im Hertener Busch lebten ein Riese und ein Zwerg. Einmal war der Zwerg unvorsichtig und warf den Wasserkrug des Riesen um. Der Riese packte den Zwerg und warf ihn mit kräftigem Schwunge weit über die Emscher. Am Südrand eines großen und tiefen Wasserloches fiel der Zwerg nieder. Es war ein Glück für ihn, daß er in hohes Gras und weiches Moos fiel.

Als der Riese sah, daß der Zwerg noch lebte, war sein Zorn glücklicherweise schon etwas verraucht. Er brüllte dem Zwerg zu: "Weil du noch lebst, so will ich dir das Leben schenken. Aber komme mir nie wieder. Weder von der linken noch von der rechten Seite des Wasserloches her ! Ich werde einen Hund zur Wache an das Wasserloch stellen, der soll dich an keiner Stelle herüberlassen. Wenn du aber geradewegs über das Wasser nach der Emscher hin kommen kannst, dann darfst du auch wieder in mein Gebiet kommen."

Das sagte der Riese aber nur, weil er meinte, der kleine Kerl könne doch nicht über das Wasserloch kommen. Der Zwerg saß nun oft an der Mittagsseite des Loches und sann darüber nach, wie er wohl über das Wasser an das Ufer im Norden kommen möchte. Bei seinem Nachdenken schaute er oft in den Spiegel. Er war nicht größer als eine Linse. Durch den Spiegel sah der Zwerg in der Tiefe des Wassers Wundersames.

Da kam der Bauer in Holzschuhen vorbei, dem das Wiesen- und Weideland mit dem großen Wasserloch gehörte. Der Bauer ging auf den Zwerg zu und der Zwerg klagte sein Leid. Der Bauer gab ihm den Rat: "Du kannst wohl in einem meiner Holzschuhe quer über das Wasser nach dem Nordrand rudern; dann bist du frei." Der Zwerg machte sich eine kleine Ruderstange und kam glücklich und wohlbehalten ans Nordufer. Nun war er frei.

Als der Zwerg so am Wasserrand stand und darüber nachdachte, was er jetzt anfangen sollte, kam ein vornehmer Herr auf ihn zu und sah den Spiegel: "Was hast du denn da?" - "Einen Spiegel", antwortete der Zwerg; "sieh durch ihn hinein ins Wasser, und du wirst Wunderdinge sehen!" Der Herr sah durch den Wunderspiegel ins Wasser, und es wollte garkein Ende nehmen, so tief konnte er sehen. Drehte er den Spiegen ein wenig nach den Seiten, so konnte er unten in der Erde weit und breit umhersehen.
Und was sah er ? Schwarze und glänzende Steine und immer wieder schwarze, glänzende Steine. Zugleich bemerkte er aber auch wunderbar leuchtende Farben. Dann ging der Herr zurück, kaufte dem Bauer sein Land für gutes Geld ab und ließ ein tiefes Loch in die Erde bohren und noch eins und nach und nach noch viele. In die gebohrten und geweiteten Löcher schickte er Arbeiter, die unten in der Tiefe kreuz und quer gruben.

Sie holten die schwarzen Steine für den Herren herauf. Und die schwarzen Steine, die aus den tiefen Löchern herausgeholt wurden, brannten und gaben Glut. Der Zwerg und der Riese leben längst nich mehr, aber der Wunderspiegel wies unter der Erde den Weg und zeigte den Menschen, was man noch aus dem schwarzen Stein herausholen konnte. Und die Leute nannten den schwarzen Stein Steinkohle. Und so nennen sie ihn heute noch.


Relikte einer vergangenen Bergbauepoche, von links nach rechts gesehen: das Berggeleucht, der lederne Schutzhelm, die Kaffeepulle und das Blaukarierte Handtuch nach der Dusche.











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Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Vom Volk erzählt... Sagen aus Herne und Umgebung, Eine Sammlung von Sagen, Legenden, geschichtlichen Ereignissen und schelmischen Erzählungen, Nach Überlieferungen aus schriftlichen und mündlichen Quellen zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 1999. S.176 ff.

Auszug aus dem Wettbewerbsbeitrag " Thema. Bild und Gestalt des Ruhrgebietes" ausgeschrieben vom Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher, im Rahmen des Geschichtsfestes "Historama Ruhr 2000 vom 24. Juni 2000 auf der Zeche Zollverein in Essen-Katernberg.
Fotonachweis: Archiv Heinrich Lührig



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