Wanne-Eickel-Historie


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Der Volksgarten in Eickel

Gebäude

Der Volksgarten in Eickel


Es gibt Parkanlagen die am Reißbrett entworfen wurden, gleichförmig, langweilig wie Neubausiedlungen. Es gibt aber auch Parkanlagen mit Flair und Tradition, die sich in Jahrzehnten entwickelt haben - wie der Volksgarten in Eickel.

Die Geschichte der heute zwölf Hektar großen Grünfläche beginnt am 18. Januar 1892. An diesem Tag empfahl auf dem Kreistag des Landkreises Gelsenkirchen der Landrat Dr. Wilhelm Hammerschmidt (1859 - 1924) die Errichtung von Volksgärten und sagte den Gemeinden die volle Unterstützung des Kreises bei deren Errichtung zu. Diese Empfehlung fand in der Gemeinde Eickel freudige Unterstützung.

Der Landwirt Middeldorf bot für dieses Vorhaben ein im Lohof gelegenes Gelände der Gemeinde zum Kauf an. Ebenso wurde mit Anliegern an der Burgstraße verhandelt, weil das Middeldorf`sche Gelände einen Zugang von der Burgstraße aus erhalten musste. Hierzu erwarb die Gemeinde den Kotten Haltern. Die Größe des Middeldorf`schen Gelände betrug 4,45 Hektar, die von Haltern erworbene Fläche war 66, Ar und eine noch nachträglich erworbene Fläche 1,5 Ar groß. Insgesamt stand eine Fläche von 5 Hektar 13,36 Ar zur Verfügung.


Blick in den Volksgarten von der Ecke Lohofstraße (links) und Burgstraße (unten) aus gesehen um 1900.

Die Erd- und Pflanzungsarbeiten wurden Anfang November 1899 in Angriff genommen. Die Kosten für die Ausführung der Anlage betrug 52. 000 Goldmark. Dazu kamen noch die Kosten für ein neu erbautes Gärtnerhaus nebst Veranda (heute Parkhaus Eickel) mit 9. 000 Goldmark, die Ausstattung des Gartens 3. 000 Goldmark. Die Gesamtkosten einschließlich Grunderwerb von 66.000 Goldmark, beliefen sich somit auf rund 130. 000 Goldmark. Zu den Kosten des Grunderwerbs steuerte der Kreis Gelsenkirchen eine Beihilfe von 50.000 Goldmark bei.

Wie sah die Volksgartenanlage aus? Die Lokalzeitung schreibt im Mai 1925 hierzu:
"Das zur Volksgartenanlage zur Verfügung gestellte Gelände, welches zum Teil Wiese, zum anderen Teil Ackerland war, zeigte Höhenunterschiede von etwa 6 Metern und fiel einseitig von Süden nach Norden ab. Der höchste Punkt befand sich in der südwestlichen Ecke des am weitesten nach Süden vorspringenden Teiles, wo ein großer Teil des Jahres hindurch Grundwasser stand. Nach Westen war gegen den höchsten Punkt ein Höhenunterschied von etwa 1,5 Metern, nach der nordöstlichen Ecke etwa 4 Meter. Da dieses Gelände durch eine einseitige Neigung von Süden nach Norden für die Anlage eines einzigen Teiches nicht sehr günstig war, weil durch Herstellung einer derartigen Wasseranlage unverhältnismäßig große Erdarbeiten zu bewältigen wären, waren zwei Teiche in verschiedenen Höhenlagen vorgesehen.

Besonders maßgebend für die örtliche Anordnung der Teiche war die Bodenbeschaffenheit, da der in der südlichen und nordöstlichen Ecke vorhandene schwere Lehm- und tonhaltige Boden eine Dichtung der Teiche überflüssig machte.

Die nördliche Ecke, obgleich die tiefste Stelle des ganzen Geländes und zeitweise von Wasser überflutet, war infolge des Sandgehaltes im Boden für die Anlage weniger geeignet, zumal dort auch Bodensenkungen durch den Bergbau vermutet werden mussten".


Ansicht der Teichanlage vom Ehrenfriedhof aus gesehen
mit Blick auf das heutige Parkhaus um 1908.

Ansicht des Volksgartens mit Blick auf
das Gärtnerhaus (rechts) um 1905.

Desweiteren hieß es in dem Artikel:
"Es spielt auch neben der natürlichen Bodenformation eine andere Erwägung eine Rolle, welche für die gewählte Anordnung der Teiche sprach. Es war anfangs beabsichtigt, eine Terrassenanlage auf der ehemaligen Haltern`schen Besitzung an der Ecke der Burg- und Lohhofstraße zu errichten, da dort der Hauptzugangsweg zur Anlage sich befand. Durch eine solche Terrasse würde die Aussicht über den Volksgarten voll ausgenützt worden sein und gleichzeitig von der Burgstraße aus die Hauptsicht der Anlage, sowie in der Achse der Ronnstraße (heute Hugenpoth) die Schaufontäne im Teich gezeigt.

Für eine gewünschte, spätere Aufstellung eines Denkmals wäre noch Platz. Zu welchem Zweck sich am besten der höchste Punkt der Anlage an der Südgrenze des Geländes eignete. Heute liegt dort der Ehrenfriedhof.

Die Wege des Volksgarten sind in dem westlichen Teil so geführt, dass eine große freie Rasenfläche geschaffen werden konnte, welche durch das vorhandene Eichenwäldchen nebst Gärtnerwohnung mit Veranda einen wirkungsvollen Abschluss erhielt".

Die Eichenbäume haben nicht lange Stand gehalten, sie gingen im Laufe der Jahre ein und wurden durch Platanen ersetzt. Aus den jungen Bäumen sind mittlerweise mächtige Schatten- und Sauerstoff-Spender geworden.

Die Baumbepflanzung des Volksgarten bestand aus folgenden Hölzern: Ulmen, Linden, Eichen, Platanen, Rotbuchen und Eschen. Grund für den heute noch sehr vielfältigen Baumbestand: Zahlreiche Eickeler Bürger brachten von ihren Reisen Jungbäume mit, die im Volksgarten gepflanzt wurden.

Die gärtnerische Gestaltung- und Bauleitung des Volksgartens lag in den Händen des Gartenarchitekten Fritz Gude aus Düsseldorf. Für die schweren Erdbewegungen wurden Insassen des Bochumer Gefängnisses eingesetzt. Die Arbeiten waren Ende Juli 1900 abgeschlossen. Die Einweihungsfeier erfolgte im Spätsommer durch ein mehrtägiges Volksfest.

Der Lokalanzeiger berichtet weiter:
"Von dem Bau eines eigenen Restaurationsgebäudes wurde vorerst noch Abstand genommen. Um jedoch den Volksgartenbesuchern Gelegenheit zu geben, Erfrischungen zu sich zu nehmen, wurde an dem neuerbauten Gärtnerwohnhaus eine Glasveranda angebaut und im Haus selbst ein Wirtschaftszimmer in bescheidenem Umfang eingerichtet. In dem Wäldchen vor dem Haus luden Tische und Stühle zur Rast ein. Der Gemeindegärtner Ernst Schulten erhielt die Schankerlaubnis und hat diese auch jahrelang ausgeübt".


Innenansicht des Parkhauses um 1930.

Blick auf das Parkhaus, Inhaber August Seelbach, aufgenommen um 1940.

Ausblick aus den Innenräumen der Restauration auf die Parkanlage, aufgenommen um 1933.

Blick von der Terrasse auf die Parkanlage, aufgenommen um 1935.

Der Besuch des Volksgartens war von Anfang an sehr lebhaft, was bis auf den heutigen Tag so geblieben ist.

Der heutige Umfang des Volksgartens wurde durch mehrfach Erweitert erzielt. So wurde im Jahre 1902 die noch stehengebliebenen Gebäude des Haltern`schen Kottens abgerissen, die Krupp`sche Wiese an der Lohofstraße hinzugenommen und die Lohhofstraße an den Ostrand des Gartens verlegt. Dies war nur möglich geworden, durch den Ankauf eines Hauses des Landwirts Heinrich Vietinghoff an die Gemeinde Eickel.

Im Jahre 1904 kaufte die Gemeinde Eickel nach einer Gartenausstellung in Düsseldorf ein Treib- und Gewächshaus für die Gärtnerei ein, denn bisher mussten Blumen und Pflanzen in Schulkellern und Glasveranden der Amtshäuser überwintert.

Im 1906 wurde gemeinsam mit dem Gelände für den Betriebshof der kommunalen Straßenbahn ein südlich an den Volksgarten angrenzendes Gelände von 7 Morgen Größe von dem Landwirt Middeldorf erworben. Diese Fläche wurde noch viele Jahre lang landwirtschaftlich genutzt und erst 1918 in den Volksgarten einbezogen. Ein weiterer Grunderwerb erfolgte nach dem Ersten Weltkrieg von dem Landwirt Wilhelm Vietinghoff. So kam der größte Teil des Hofes an der Lohofstraße und der Hordeler Straße in den Besitz der Gemeinde Eickel.

In einer Werbung aus dem Jahre 1906 heißt es:
"Der Volksgarten in Eickel, liegt an der Burgstraße in sehr angenehmer Lage, rings von Gehöften, Bäumen und Feldern harmonisch umgeben, er besitzt reizende Anlagen, einen hübschen Schwanenteich mit Springbrunnen, Grotte, Pavillon, Tennis Platz, anmutige Spazierwege, sogar ein Wäldchen en miniature und ein hübsches Restaurationslokal."


Blick in den Volksgarten mit Teichanlage um 1903.

Der Volksgarten mit Teichanlage und Gärtnerhaus um 1905.

Die im Jahre 1900 angelegten und miteinander verbundenen Teiche, durch einen Verbindungsbachlauf, bestanden bis 1910. Das Wasser ist nach und nach versickert. Bodensenkungen durch den Bergbau wurde als Ursache des sich senkenden Wasserspiegels festgestellt. Im Jahre 1914 verklagte die Gemeinde Eickel verschiedene Krupp`sche Bergbaubetriebe. Jahre lange Prozesse mit den beteiligten Zechen (Hannover und Hannibal), führten zu keinem Ergebnis. Schließlich wies der Münsteraner Geologe Dr. Wegener als Sachverständiger, Verdunstungen und den ungewöhnlich niedrigen Grundwasserstand als Ursache nach. 1924 schließlich endete es mit einem Vergleich. Die Bergbaubetriebe übernahmen den Bau eines Wasserbassins von 15 Meter Durchmesser mit einem Springbrunnen. Auf dem zweiten Teich wurde eine beleuchtete Rodelbahn angelegt.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde im Volksgarten ein Ehrenfriedhof für die gefallene Söhne (1914-1918) der Gemeinde angelegt. Ach die im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) Gefallenen und die durch Bomben getöteten Bürger Eickels fanden hier ihre letzte Ruhestätte.

Der Zweite Weltkrieg Verwüste den Volksgarten erheblich. Garteninspektor Schneider erinnert sich:
"Der Krieg hat den Frieden und die Gepflegtheit des Volksgartens zerstört, und auch das Wirtschaftsgebäude ist bis auf einige Reste vernichtet worden. Dort, wo einst Baum und Strauch, gepflegte Rasenanlagen und leuchtende Blumenbeete eine Augenweide für die Besucher waren, wachsen heute Kartoffeln und Gemüsepflanzen." (Lokalzeitung aus dem Jahre 1965: Kleingärtner schütten im Volksgarten Eickel vierzig Bombentrichter zu.)

Garteninspektor Josef Göbbeler berichtet wie folgt:
"Wir waren noch 1952 damit beschäftigt, die Bombentrichter zuzuschütten. Von den anderen Arbeiten ganz zu schweigen. Die Rodelbahn, ein vorher angelegter Skatpavillon und so manches mehr überstanden den Krieg nicht. Aber die Wiederherstellung des Volksgartens lief auf vollen Touren".


Blick auf den Spielplatz von der Burgstraße
aus gesehen im Jahre 1963.

Sommergäste auf der Terrasse gegenüber
dem Parkhaus im Jahre 1964.

Sommergäste auf der Terrasse des Parkhauses im Jahre 1968.

Der Instantsetzung nach dem Krieg folgte eine Vergrößerung der Grünanlage durch den Ankauf des Hofes Bönninghaus im Jahre 1959 und Hof Vogelsang 1961 auf acht Hektar. Im Jahre 1960 wurde der Spielplatz zur Burgstraße gebaut. 1963 kam ein Rosengarten zur Edmund-Weber-Straße mit 39 verschiedenen Rosensorten hinzu, der 1992 und 2012 umgestaltet wurde. Anfang der 1970er Jahre entstand an der Lohofstraße der bei den Bürgern so beliebte Kleintierzoo. Zu bestaunen gibt es Hausschweine, Ziegen, Schafe, Hühner, Meerschweinchen, Kaninchen, Tauben und Tarpanpferde, eine eurasische Wildpferderase aus dem Ural.

Ein Zeitzeuge erinnert sich:
"Ich persönlich habe meine halbe Kindheit im Volksgarten verbracht. Schiffchen konnte man auf den terrassenförmige angelegten Teichen schwimmen lassen, sich im Sommer auf den - mit Kinderaugen betrachtet - riesigen Rutsche zur Burgstraße hin tummeln und im Winter mit dem Rodelschlitten die sanften Hänge heruntergleiten lassen (hier steht heute das Seniorenheim der AWo)".

Ein Spaziergang weckt Erinnerung:
"Gerade mal 13 Jahre alt, schüchtern händchenhaltend und mit Herzklopfen, sehe ich mich noch heute unter der großen Weide sitzen. Nicht weit von der Weide, mitten auf der großen Wiese vor dem Parkhaus, stand viele Jahre ein Springbrunnen. Er ist heute leider verschwunden".
Mit seinen verwinkelten Wegen und uraltem Baumbestand hat der Volksgarten, der seit Generationen im Landschaftsstil erhalten wird, heute noch etwas Zeitloses. Wo Anfang 1900 Oma und Opa ein zärtliches Te`te a` Te`te hatten, tummeln sich heute junge Familien mit ihrem Nachwuchs zwischen Parkhaus und Mini-Zoo.


Im Oktober 2010 konnte durch ein Bürgerbegehren der Verkauf des Tierparks in Eickel abgewandt werden.

Spielplatz und Mini-Zoo vom Eingang Lohofstraße aus gesehen im Juni 2013.

Der Ehrenfriedhof für die gefallenen und die durch Bomben getöteten Bürger Eickels, sie fanden hier ihre letzte Ruhestätte.

Der Spielplatz Ecke Reichsstraße, Burgstraße im Juni 2013.

Der Volksgarten mit seinen verwinkelten Wegen und uraltem Baumbestand.

Der ehemalige Rosengarten an der Edmund-Weber-Straße und Reichsstraße.

Das Parkhaus im Volksgarten gehört zu den traditionsreichsten Gastronomien der Stadt und wurde durch die Familie Bäumer betrieben. Das dieses Gebäude 2011 abgerissen werden sollte konnte kein Bürger verstehen. Die Aufnahme entstand im Oktober 2011.

Das Restaurant von Thomas Gockeln. Er erwarb das Parkhaus im Jahre 2011 von der Familie Bäumer, die die Gastronomie im Park 34 Jahre lang betrieben hatte und bewahrte das Gebäude so vor dem Abriss. Das Restaurant wurde im März 2013 eröffnet.


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Quellennachweis:
Westdeutscher Herold vom 20. Mai 1925.
Hegler, Gustav: Eickel-Wanne einst und jetzt, Siegen 1903, S. 53 f.
Keinhorst, Hermann: Eickel vom Jahre 774 bis zur Neuzeit, Eickel 1964, S. 76 ff.
Lührig, Heinrich: Wanne-Eickel, Ausflug in die Vergangenheit, Wanne-Eickel 1984, S.32 f.
Volksgarten Eickel im Spiegel der Tagespresse, 1965, 1985, 1986, 1992, 1995.

Fotonachweis: Heinrich Lührig
Weitere Infos unter: http://www.gockelns.de/


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