Wanne-Eickel-Historie


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Der OB hatte sich mit dem Fahrrad abgesetzt

Geschichte

Hausmeister empfängt Amerikaner im Rathaus


Gefechtslärm drang bis in die Kellerräume des Rathauses. Gelegenlicht bellte irgendwo ein Maschinengewehr auf, dann hörte man wieder das dumpfe Grollen von Kanonen. So ging es schon den ganzen Tag. Hausmeister Recker saß in seiner Wohnung und blickte zum wiederholten Male auf die Uhr.
„Zeit zum Schlafengehen“, sagte er sich gegen 20.30 Uhr. Doch er kam nicht mehr dazu. Er hörte Schritte auf der Treppe, kurz darauf standen sie vor ihm: die ersten Amerikaner, die das Rathaus betraten.

Mit schussbereiter Waffe
Die Männer mit schussbereiter Waffe gehörten zu einem Spähtrupp. Für Hausmeister Recker brachten sie kaum Interesse auf. Sie sahen sich in der Wohnung um, kämmten das ganze Rathaus systematisch durch, auch die Zellen. Dann verschwanden sie wieder.
Damit war für Recker die erste Begegnung mit amerikanischen Truppen vorüber, und er kam doch noch zum Schlaf, wenn auch sehr spät; denn das Bewusstsein, dass nun für ihn der Krieg zu Ende war, erregte ihn.

Nur 44 327 Einwohner
Nicht für alle verlief dieser 9. April 1945 so glatt. Die Bevölkerung, bis auf 44 327 Einwohner zusammengeschmolzen, wartete in der Mehrzahl das Einrücken der amerikanischen Truppen in Kellern und Bunkern ab, doch es gab unter der Bevölkerung auch Todesopfer und Verwundete.
Im Bunker an der Roonstraße (Heute Hülshoffstraße) bemühte sich Dr. Schone um die Verletzten. Er stand gerade am Eingang als die ersten Soldaten auftauchten.

„Interpreter?“ – das war die erste Frage. Sie suchten einen Dolmetscher.
„Hier der Rado“, sagte Dr. Schone und wies auf den Friseurmeister, der mit einem Verwundeten gerade beschäftigt war.
Mit Karl Rado klappte die Verständigung schnell, doch ehe er den Amerikanern zur Verfügung stehen konnte, musste der Verwundete ins St.- Anna-Hospital gebracht werden.

Rado selber übernahm diese Aufgabe, ein Amerikaner ging mit. Der Soldat hielt gebührenden Abstand und drückte Rado ständig den Gewehrlauf in den Rücken. Offenbar befürchtete er, in eine Falle gelockt zu werden.

Schwestern bedroht

Im St.- Anna-Hospital herrschte zu dieser Stunde große Aufregung. Von der einziehenden Truppe, die zumeist aus Negern bestand, war einer der Soldaten im Krankenhaus zurückgeblieben. Als Rado mit dem Verwundeten eintraf, wollte sich der Amerikaner gerade an die Schwestern heranmachen.
Der anwesende Arzt und ein anderer Amerikaner versuchten verzweifelt, den Schwestern beizustehen, aber der Soldat war nicht zu bändigen. Da griff Rado ein und half, den Mann festzuhalten, bis ihm der Arzt eine beruhigende Spritze gegeben hatte.

Die Schwestern, in höchster Sorge vor weiteren Übergriffen, baten Rado, zu ihrem Schutz im Krankenhaus zu bleiben. Diesem Wunsch konnte er leider nicht nachkommen; denn die Amerikaner hatten ihn als Dolmetscher bereits mit Beschlag belegt und ließen ihn auch nicht frei. Immerhin war die Gefahr im St.- Anna-Hospital vorerst abgewendet.

Dieses Flugblatt wurde am 17. März 1945 über Wanne-Eickel abgeworfen.

Den Amerikanern ging es in diesen ersten Stunden nach dem Einzug vor allem darum, Dolmetscher zu finden, die ihre Anweisungen weitergeben konnten. Im Luftschutzbunker hinter der Sparkasse der Stadt stießen sie auf Fräulein Kohle, doch sie lehnte zunächst ab. Immerhin fanden sie noch am ersten Tag außer Rado noch Fortmeier und einen Mann namens Ratajzak.
Die Amerikaner verhielten sich bei diesen ersten Kontakten genau nach der Direktive, die der amerikanische Generalstab im April 1945 unter dem Zeichen „JCS 1067“ an den Oberbefehlshaber in Deutschland General Eisenhower, erlassen hatte:

„Deutschland wird nicht besetzt zum Zweck seiner Befreiung,
sondern als besiegter Feindstaat. Bei der Durchführung der
Besetzung und Verwaltung muss die Militärregierung fest, gerecht
Und unnahbar sein. Die Verbündung mit deutschen Beamten
Und der Bevölkerung wird streng unterbunden.“


Diese Direktive wurde schon deshalb streng befolgt, weil für den größten Teil Deutschlands um diese zeit der Krieg noch nicht zu Ende war.
Bis zum 9. April reichten Stoßkeile der alliierten Streitkräfte zwar über Göttingen und Kassel hinaus, doch in Holland überschritten die Truppen gerade erst den Rhein; der Ruhrkessel, der am 1. April gebildet worden war, hatte ebenfalls noch beachtliche Größe; im Mittelabschnitt war man erst bei Koblenz. Im Osten standen sowjetische Truppen an der Oder und in Wien, doch um Königsberg wurde noch gekämpft.

Kühle Distanz wurde in der ersten Zeit jedoch nicht nur von den Besatzungsmächten gewahrt, sondern auch von der Bevölkerung. Vor allen junge Mädchen waren nicht ohne Grund in Sorge. Sie machten sich wie alte Frauen zurecht, um vor Gewalttätigkeiten sicher zu sein. Nicht alle entgingen den Übergriffen.

Im Rathaus erschienen die Amerikaner am 10. April um 10 Uhr wieder: ein Offizier namens Burr und zehn Soldaten. In ihrer Begleitung befand sich Fortmeier vom Eickeler Bruch als Dolmetscher. Recker wurde diesmal bereits mit namen angeredet.

„Burr sprach etwas Deutsch und fragte den Hausmeister: „Wo Oberbürgermeister Günnewig und wo Henning?“
Recker gab Auskunft soweit er sie überhaupt geben konnte. Heinrich Günnewig und Verwaltungsdirektor Walter Henning hatten sich am Nachmittag des Vortages mit Fahrrädern in Richtung Herdecke aufgemacht.

Der Krieg ist zu Ende, doch die Stadt blutet aus vielen Wunden. Dies zeigt die Hochansicht über den zerstörten Röhlinghauser Bahnhof, mit Blick zur Kranzplatte und weiter nach Wann-Süd, aufgenommen im Jahre 1947.

Nach diesen Antworten wurde Recker vorerst nicht mehr gebraucht.
Die Amerikaner richteten sich indes ein Zimmer im Parterre ein. Dann wurde der Hausmeister wiedergeholt. „Du in Partei gewesen?“ fragte der Offizier. „Ja“, sagte Recker, „seit 1937“. „Dann du nicht Bürgermeister werden“, bestimmte Burr. Er verhehlte nicht seine Missachtung. Nach einer Weile, während der man von draußen wieder Kampflärm hörte, diesmal aus Richtung Bochum, ging das Gespräch weiter, denn die Militärregierung brauchte Männer, denen sie Verantwortung übertragen konnte, Männer, der Verwaltung, die unbescholten waren und auch nicht der Partei angehört haben.

So kam Hausmeister Recker zu einer Mittlerrolle von stadtgeschichtlicher Bedeutung, denn noch am selben Tag, an dem dieses Gespräch geführt wurde, erhielt Wanne-Eickel seinen ersten Oberbürgermeister nach dem Kriege.

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Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Schicksalsjahre unserer Stadt. Nach einer Serie der WAZ zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 2005. S. 9 ff.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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