Wanne-Eickel-Historie


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Der erste Großangriff auf Eickel

Geschichte

Der Kirchturm St. Marien brennt


Der 26. Juni 1943 war ein strahlender schöner Sommertag. Das gute Wetter hielt auch an, als der Abend hereinbrach. Tagsüber gab es kurzen Alarm, aber er ging ohne besondere Ereignisse vorüber. Am späten Abend heulten erneut die Sirenen. Um diese zeit war die Bevölkerung längst gewarnt. Sie suchte sofort die Luftschutzräume auf. Nach Mitternacht begann der Bombenregen. Die zahl der Sprengbomben war insgesamt gering. In Eickel hörte man fast überhaupt keine Detonation. Man wunderte sich bereits in den Kellern, dass es diesmal kaum Erschütterungen gab. Clemens Nagel, Herzogstraße 12, saß in dieser nacht im Bierkeller der Gaststätte Brüggemann, die im selben Haus lag. Die Ruhe erschien ihm verdächtig. Vorsichtig hob er den Deckel des Kellerschachts und blickte über den Bürgersteig hinweg auf die Herzogstraße. Da konnte er sich ein erstes Bild machen. Die Straße war mit Stabbrandbomben besät. Nagel schlug Alarm. Zusammen mit seinem Nachtbar lief er hinaus aus dem Keller und begann zu löschen, wo es brannte. Die Männer kannten die Abwurfmittel und griffen beherzt zu, aber es brannte an allen Ecken und Enden. Soweit er die Herzogstraße überblicken konnte, sah man Bomben und Brände, bis hinauf zu Dorstener Straße, im Treibstoffwerk und bis zum Eickeler Markt. Es brannte bei Vormbaum, bei Kaufmann, bei Schleier, bei M.C. Wolff, bei Hallermann, bei Feldhege, im Josephskrankenhaus, wie man zu dieser Zeit das heutige Marienhospital noch nannte. (Es wurde erst nach dem Krieg umbenannt, um eine Verwechslung mit dem Josephskrankenhaus an der Schulstraße zu vermeiden.)

Im Krankenhaus war besonders die Sorge um die Patienten groß. Die Schwerkranken waren von Schwestern und Krankenhelfern zwar im Keller untergebracht worden, aber die leichter Erkrankten standen, hockten oder lagen in den langen Korridoren. Auch Pfarrer Klein und Vikar Rother waren um sie bemüht, als es plötzlich wie ein Lauffeuer von Mund zu mund ging: Die Kirche brennt! Pfarrer Klein und der Vikar stürzten hinaus, Küster Mörs und die Krankenpfleger Ludwig Jeschaider und Willi Höwener hinterher. Im Krankenhaus selbst war man des Feuers schnell Herr geworden, der Brand in der Kirch aber wurde erst bemerkt, als er bereits reichlich Nahrung gefunden hatte. Der Brandherd lag im östlichen Kirchenschiff etwa unterhalb des Dachstuhls. Das Feuer breitete sich zunächst Richtung Sakristei aus. Kurz darauf aber sah man auch schon von der Herzogstraße aus den Rauch und das Feuer in den Fenstern. Leichter Nordwestwind trieb die Flammen immer mehr auf den Turm zu. Pfarrer Klein erhielt Verstärkung. Clemens Nagel, Backenecker, Willi Westerhaus, Heinrich Bienhold und andere Eickeler liefen herbei, um zu retten, was zu retten war, aber das Löschen erschien wenig aussichtsreich. Man begann also mit der Bergung von Inventar. Pfarrer Klein war unermüdlich. Er schleppte zusammen mit Vikar Rother Teile des Altars und die Heiligenfiguren hinaus. Die anderen Männer teilten sich in zwei Gruppen auf und folgten dem Beispiel. Die wertvollsten teile wurden ins Krankenhaus gebracht, die Kirchenbänke in Eile auf den Hof der alten Schenkschen Wirtschaft getragen. An der Brandstelle selbst kämpften einige Männer weiter gegen die Flammen an. Um diese Zeit bestand noch die Hoffnung, wenigstens das Schlimmste zu verhüten. Außerordentlich willkommen war die Entwarnung. Ein Trupp Feuerwehrleute kam die Herzogstraße entlang. Clemens Nagel hielt die Männer an. "Könnt ihr nicht einen Schlauch an den Hydranten anschließen und einen Wasserstrahl in die Kirche schicken? Es ist nur ein kleiner Brand."

Die Antwort entmutigte ihn: "Wir haben keinen Einsatzbefehl", sagten sie und fuhren weiter. Einige der Züge zweigten ins Treibstoffwerk ab, die anderen rollten Richtung Dorstener Straße. Das Auftauchen dieser Feuerwehrzüge - es waren insgesamt 32 - war für Eickel in jeder Hinsicht verwunderlich, aber nicht für alle. Wer den Mut hatte, den englischen Sender abzuhören, wusste Bescheid. Er hatte den Angriff auf Wanne-Eickel, Bochum, Herne und Gelsenkirchen angekündigt. Vermutlich wurden diese nachrichten auch in der Warnzentrale mitgehört und ernst genommen. Jedenfalls standen die 32 Löschzüge, weit her zusammengeholt, schon während des Angriffs bei Buchmann an der Stadtgrenze Wanne-Eickel / Bochum bereit. Sie hielten sich dann konsequent an ihren Einsatzbefehl und fuhren über Eickeler Straße und Herzogstraße zu ihren zielen, ohne sich davon abbringen zu lassen. Sie waren nur für das Treibstoffwerk abkommandiert. Dort brannte aber nur ein Haufen alter Holzroste. Die Männer, die um die Erhaltung der Kirche bemüht waren, mussten indes mühsam das wasser mit Eimern vom Hof des Hauses Herzogstraße 12 heranschleppen, um eine ungleich schwerere Aufgabe zu bewältigen. Sie bildeten dabei eine Kette. Als die Feuerwehr dann diese kette wegen des brennenden Holzes im Treibstoffwerk auch noch dahin umleiten wollte, wurde Clemens Nagel böse. Er lehnte die Wasserlieferung zum Treibstoffwerk strikt ab, weil die Kirche gegenüber dem Holz Vorrang habe. Das hätte für ihn später beinahe zum Verhängnis werden können. Man wollte Nagel dieserhalb zur Verantwortung ziehen. Es blieb bei einer Warnung. Trotz aller Mühen - in der Kirche machte sich die Wassernot immer stärker bemerkbar. Das Feuer hatte über die Empore und Orgel längst den Turm ergriffen, und die Helfer mussten sich mehr und mehr zurückziehen. Hunderte standen inzwischen draußen auf den Straßen und erlebten, wie die ersten Flammen durch das Kirchturmdach durchschlugen. Als die Schieferdeckung abfiel, bekam der Brand Luft. Unmittelbar darauf leuchtete der 42 Meter hohe Turm als brennende Fackel weit über Wanne-Eickel hinweg in die sternklare Nacht. Im Schatten der Kirche, an der Herzogstraße und an der Marienstraße, kämpften die Bewohner gleichzeitig gegen andere Brände an. Für die Gebäude in der nächsten Nachbarschaft wurde jedoch die Gefahr, die von der Kirche aus ging, zunehmend größer, vor allem für das Krankenhaus und die Häuser an der Marienstraße. Die große Hitze und der starke Funkenflug vom Kirchturm aus lösten immer größere Anstrengungen aus. Wo noch Wasser tröpfelte, wurde es dazu benutzt, um die Dächer anzufeuchten. Alfons Hallermann stieg auf den Schuppen in seinem Hof und fegte mit einem Besen die Funken vom Pappdach.

Es war gegen 5 Uhr morgens, als sich der Einsturz des Turmdachs ankündigte. Alle Anwohner an der Herzogstraße mussten ihre Wohnungen räumen. Die Kirche hatte immerhin eine Gesamthöhe von 75 Metern, so dass den gegenüberliegenden Häusern vom Einsturz des Turmes her Gefahr droht. Gefährdet waren auch das Krankenhaus und die ersten Häuser der Marienstraße. Stumm standen die Menschen ringsum und erwarteten den letzten Akt dieses erregenden nächtlichen Schauspiels. In dieser Stille hinein erklang plötzlich aus der Höhe des Turm ein Glockenschlag. Es waren inzwischen rund tausend Menschen geworden, die um ihre Kirche gruppiert standen. Ungläubig blickten sie hinauf, wo die hölzernen Schallöffnungen im Glockenturm schon ausgebrannt waren und aus den hohlen Maueröffnungen wilde Lohe herausglühte. War ein Stück Metall auf die Glocke gefallen? Nein, es folgte ein zweiter Schlag und noch ein dritter.

"Der Turm lebt", sagte einer der Umstehenden ergriffen mehr zu sich selbst als zu anderen. Alle hatten die Schläge mitgezählt. Es waren die Glockentöne der Turmuhr, die den nahenden Morgen ankündigte. 5.45 Uhr war es geworden. Die Uhr hatte sich die drei langsamen, schweren Schläge in der glühenden Kirche abgerungen, um Abschied zu nehmen. Auf den Schlag der sechsten Stund warteten die Menschen vergeblich. Kurz vorher brach die Turmspitze mit dem Kreuz zusammen. Das Dach beschrieb eine leichte Drehung und fiel in den Glockenturm. Dort waren die Balken des Glockenstuhls bereits verglüht, so dass auch die Glocken ihren Halt verloren und in das innere der Kirche schlugen. Die restlichen Turmbalken glimmten weiter. Eine weitere Stunde verging, dann fielen auch sie herab, teils nach außen, teils in die Kirche hinein. Gegen 2 Uhr ist der brand bemerkt worden, um 7 Uhr verlöschten die letzten Flammen.

Zur Riesigen Fackel wurde der Turm der Marien-Kirche in der Nacht vom 26. zum 27. Juni 1943. Den Moment des Einsturzes fing der Eickeler Anton Backenecker vom Dach seines Hauses aus.

Anmerkung:

Der Großangriff auf Wanne-Eickel am 26. Juni 1943 war Teil einer neuen Taktik, des sogenannten "Bomben-Baedeker", eine mit Sarkasmus an die deutschen Baedeker-Reiseführer angelehnte Auflistung aller deutschen Städte und deren Industrie, die als Ziele englischer Bomberpiloten von Interesse waren.


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Quelle: Auszüge aus der WAZ vom 7. April 1962.
Fotonachweis: Anton Backenecker.


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