Wanne-Eickel-Historie


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Der beste Motor

Bergbau

Die verdammte neumodische Lokomotive


Die größte Pferdefarm der Welt besaß Ernst Bischoff in Gelsenkirchen. 6.000 Pferde sind keine Kleinigkeit, und selbst der mächtige Tartaren-Khan in der Steppe Asiens konnte an Pferdereichtum mit Bischoff nicht in Wettbewerb treten. Fast alle Bergwerke des rheinisch-westfälischen Industriereviers liehen sich von ihm gegen eine geringe tägliche Pacht ihre Grubenpferde, und auf manchen Schacht liefen unterirdisch täglich über 150 Pferde der Firma Bischoff. Auch die Zeche Königsgrube hatte mit Bischoff einen Pachtvertrag abgeschlossen, und seit ebenso langer Zeit war die Pflege der schweren belgischen Gäule auf diesem Schacht dem alten Stallmeister Bauer anvertraut, wegen seines weißen, lang herabfallenden Bartes allgemein der "Graf im Bart" genannt. Er war liebevoll zu seinen Gäulen und verprügelte die Pferdetreiber, dass es eine Lust war. Da kam die zeit, da der Bergbau, die tierische Kraft durch die motorische zu ersetzen, und mit missgünstigen Blicken betrachtete Bauer die erste Benzollokomotive, die damals noch sehr unvollkommen gebaut war und eine Reihe von Mängel aufwies. Auch das Personal war noch gar nicht vertraut mit der Bedienung eines Explosionsmotors, und ebenso waren die Grubenstrecken mit ihren Weiten, dem Ausbau und dem Schienenprofil noch nicht auf maschinellen Betrieb zugeschnitten. Es fehlte jegliche Erfahrung. -

Im Hauptquerschlag auf der 8. Sohle stockte seit einer Stunde die Förderung. Etwa tausend Meter vom Schacht war die Benzollokomotive Nr. 3 entgleist. Mehrere Beamte liefen in geschäftiger Eile mit noch einer größeren Anzahl Leuten durch den Querschlag, um die Förderstörung zu beseitigen. Nirgends auf der ganzen Sohle war eine Handwinde vorhanden, um die Lokomotive, die mit einer Längsseite tief im Wassergraben lag, in die Höhe zu winden. - Die Ratlosigkeit fand ihren Ausdruck in lautem Fluchen. - - Aus dem entferntesten Steigerrevier kam der Graf im Bart durch den Querschlag heran und sah zu seiner unverhohlenen Genugtuung, dass kein Grubenpferd die Störung verursacht hatte, sondern die verdammte neumodische Lokomotive, die mit ihrem Gestank die ganze Grube verpestete.

Mit Kennerblick sah er die unzureichenden Mittel, die man anwandte, um das schwere Ungetüm wieder auf die Beine zu bringen, und überschlug, dass bis zur Schicht heute früh infolge der Förderstörung kein Wagen mehr zum Schacht rollen würde. Er hob seinen langen Bart hoch, stützte sich mit beiden Armen auf die Lokomotive und wandte sich schadenfroh an den Betriebsführer Hußmann: "Betriebsführer, sall eck nich en Piärd halen?" Hußmann merkte vor lauter Ärger den leichte Spott nicht. "Glöwt git mi, en Motörken met en Stiärt un Haver drin, äs dä beste !"

Die Gastwirtschaft und Pferdehandlung Hermann Verstege in der Wanner Straße 3, heute Gelsenkircher Straße, im Jahre 1910.
Der Pferdehändler Verstege war zu Beginn des letzten Jahrhunderts der einzige Pferdehändler in Röhlinghausen. Er vermietete Pferde an Zechen, die diese bis 1925 - 1930 im Untertagebetrieb in der Kohlenförderung einsetzten. Sein großer Konkurrent war der Pferdehändler Bischof aus Gelsenkirchen. Er galt in der Branche als Unternehmer, das die meisten Zechen im Ruhrgebiet mit Pferden versorgte.

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Quelle : Spellmann Waldemar: Aus meiner Gezähkiste, Schnurren und Scherze aus dem Bergbau an der Ruhr, der Emscher und der kecken Läckebäcke, Düsseldorf 1925
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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