Wanne-Eickel-Historie


Direkt zum Seiteninhalt

Das Vieh wird abends zur Zeche gebracht

Geschichte

Tödliche Schüsse auf Obersteiger Hempel


Der Militärregierung missfielen die Überfälle auf Bauernhöfe. Sie hatte wegen der kritischen Ernährungslage damit begonnen, die Landarbeiter aus den Gefangenenlagern vorzeitig zu entlassen und wollte nun keine Gefährdung der Landwirtschaft von anderer Seite. Soweit es möglich war, wurden deshalb Posten abgestellt.
Doch ehe es soweit kam, waren die Bestände auf den Höfen bereits erheblich dezimiert.

Die Röhlinghauser Höfe von May, Röhlinghaus und Pins bekamen vor allem von Ausländern Besuch, die auf Behmers Hof an der Wattenscheider Straße in Quartier lagen. Schweine wurden an Ort und Stelle abgeschlachtet und dann auf dem Rücken eines Pferdes in die Unterkunft geschleppt. Dort teilten Ukrainer und Polen ihre Beute auf. Kühe wurden lebend vom Bauernhof weggetrieben und erst im Schlupfwinkel abgeschlachtet. Als Bauer May, dessen Hof an der Günnigfelder Straße liegt, nur noch einen Rest an Kühen und Pferden besaß, ließ er sie jeden Abend von seinem Knecht vor Beginn der Sperrzeit in den Stall der Zeche Königsgrube bringen. Die letzten Pferde von Bauer Röhlinghaus schlossen sich diesem abendlichen Konvoi an.

Auf der Zeche waren die Tiere sicher; denn in der Markenstube war immer noch die zwölf Mann starke amerikanische Wache, so dass sich niemand auf das Gelände wagte. Am frühen Morgen wurden Pferde und Kühe wieder in die eigenen Ställe gebracht. Der Stadtkommandant ordnete als erste Schutzmaßnahme an, dass die Hilfspolizei für die drei Höfe May, Pins und Röhlinghaus tagsüber Posten abstellen soll. Für den weit abgelegenen Hof von Bauer May wurde zusätzlich ein amerikanischer Posten für die Nachtzeit abkommandiert.

Der Soldat besetzte ein Eckzimmer des Wohnhauses, von dessen Fenster er den Hof gut überschauen konnte. Um selber vor Überraschungen sicher zu sein, wurde quer über den Hof ein Draht gespannt und unter Strom gesetzt. Sobald jemand mit dem Draht in Berührung kam, ging überall im Hof elektrisches Licht an, so dass alles hell erleuchte war. Privatleute konnten mit solchen Schutzmaßnahmen leider nicht rechnen. W. Keienburg aus dem Hause Burgstraße 70 legte jeden Abend die Mistgabel griffbereit ans Bett, nachdem einige Männer versucht hatten, des Nachts von der Hofseite her in sein notdürftig vernageltes Bombengeschädigtes Haus zu gelangen. Mit der Mistgabel hatte er sie vertrieben, so dass er auch künftig darauf vertraute.
Zu seinem Nachbar allerdings sagte er: „Ich bin überzeugt, dass nicht alle Kerle, die bei mir klauen wollen Ausländer waren.“
Womit er vermutlich gar nicht so unrecht hatte; denn die Zeit war danach, auch in anderen Menschen niedrige Instinkte zu wecken. Hunger und Neid, Rachsucht und politischer Hass hatten Folgen, die aus der Sicht normaler Zeiten unbegreiflich erschienen und wohl auch unbegreiflich sind. Bagatellen genügten oft, um sich zu Denunzierung oder gar tödlicher Vergeltung hinreißen zu lassen.

Es hat immer Menschen gegeben, die aus irgendwelchen Gründen unbeliebt sind. In der Woche nach dem Zusammenbruch war dies lebensgefährlich. So ereilte auch Obersteiger H. Hempel von der Zeche Königsgrube das Schicksal.Er hatte sich vor dem Einzug der amerikanischen Truppen Richtung Sauerland abgesetzt und bei Bekannten in Spockhövel Unterschlupf gefunden. Als er hörte, dass sich die Lage einigermaßen beruhigt hatte, kehrte er zurück.
In den Mittagsstunden des 23. April – es war ein Montag – traf er in Röhlinghausen ein. Er hielt sich bei Freunden vorerst versteckt. Dennoch wurde er noch am selben Tage ausfindig gemacht und erschossen, und zwar von Russen.

Wie sie so schnell von seiner Rückkehr erfahren haben? Die Frage hatten sich nachher viele gestellt – und beantwortet. Die Schüsse auf Obersteiger Hempel waren jedoch nur der Auftakt für eine unruhige Nacht in Röhlinghausen.


Der Hof des Bauern May in Röhlinghausen an der Günnigfelder Straße, um 1950. Sämtliche Gebäude wurden für die erweiterte Müllkippe der Stadt Wanne-Eickel um 1965 abgerissen. Im Jahre 1984 entstand auf dem Gelände dann das Tierheim Herne-Wanne, Hofstraße 51.

zurück

Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Schicksalsjahre unserer Stadt. Nach einer Serie der WAZ zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 2005. S. 43 ff.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü