Wanne-Eickel-Historie


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Das erste Wildpferd

Geschichte

Wie kamen die Wildpferde nach Wanne-Eickel ?


An einem schwülen Sommernachmittag konnte es der Emschermann in seiner Hütte nicht aushalten. Er ging hinaus an die Emscher und legte sich in den wohltuenden Schatten einer mächtigen Eiche ins blühende Heidekraut.
Sinnend lag er auf dem Rücken und schaute hinauf ins Himmelblau.

Bald bemerkte er gen Sonnenuntergang eine dunkle Wolke aufsteigen, dann dunkle, weißgeränderte Wolken. Immer näher zogen sie zu ihm heran. Es rollte und grollte in weiter Ferne. Und fuhr nicht in rasender Schnelligkeit ein Lichtschein am Himmel im Westen dahin ? Und näher heran zum Emscherbruch kam es. Der Emschermann schnellte Empor von seiner Lagerstätte und sah und hörte nach dem Seltsamen dort oben. Immer greller wurde das plötzlich aufspringende Leuchten, immer heftiger das Grollen. Die Bäume des Waldes stimmten schwer ächzent in das große Rauschen und Brausen mit ein.


Bald sah der Mann etwas herankommen. Es war der Sturmgott auf einem gewaltigen Roß. Mit seinen Hufen schlug es Feuerstrahlen aus den schwarzen Wolken. Feuer schnob es aus seinen Nüstern. Und des Rosses Hufen stampften auf, daß die Luft dröhnte und der Wald wie vor Verzweiflung ächzte. Und der dahineilende Leib des Rosses spaltete geräuschvoll die Luft. Ein ausgeschlagender Funke fiel hernieder auf die große Eiche, neben welcher der Emschermann stand, und traf ihren Wipfel. Er spaltete sie wie mit einem einzigen furchtbaren Axtschlag.

Ängstlich und freudig zugleich war der Emschermann gestimmt. Da stand er, die Nerven gespannt und die Muskeln getrafft, hob wie verrückt beide Hände hoch zum Sturmgott empor und bat: "Schenke mir doch auch ein Pferd wie das deinige, gewaltiger Sturmgott". Der Sturmgott aber erwiederte: "Was du erbittest, möchte nicht gut sein für dich. Denn bedenke: Ein solches Pferd vermöchtest du nicht zu bändigen und regieren. Sahest du nicht, wie ein einziger Funke, geschlagen von des Rosses Hufen, die Rieseneiche fällte, unter der Du vorhin lagst ? Hätte der Strahl dich getroffen, dann wärest du tot". "Aber", fügte der Sturmgott hinzu, "ein Pferd will ich für dich erschaffen, das für dich angemessen ist". Und alsbald setzte er das Wildpferd in den Emscherbruch. An diesem konnte der Emschermann seine Kraft und seinen Mut, seine Behendigkeit und die Geschicklichkeit erproben.

Der Emschermann stand wieder da, legte seine Hände auf seine Brust, hob sein Angesicht abermals zum Sturmgott empor und sprach mit bewegter Stimme: "Ich danke dir für das köstliche Geschenk". Der Sturmgott sprach: "Wenn hundert und aberhunderte von Menschengeschlechtern dahingegangen sein werden, dann wird ein neues Geschlecht Blitze erzeugen und Blitze auffangen, es wird ein Pferd erschaffen, das schneller als ein Wildpferd ist, ja schneller als ein Vogel die Luft durcheilt". Mit solcher Rede wusste der Emschermann nichts anzufangen. Er wunderte sich nur. Sein letztes Wort aber hat inzwischen der Sturmgott eingelöst.

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Quelle: Grasreiner, Reinhold: Im Herzen des Ruhrlandes. Heimatbuch für Schule und Haus. Zweites Heft: Sagen-Sagenhaftes / Legenden-Legendenhaftes / Märchen-Märchenhaftes, S. 196 ff., Verlag Busch Wattenscheid 1925. Illustriert von Lena Lehmann


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