Wanne-Eickel-Historie


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Das Drei-Männer-Eck

Gebäude

Historisches Symbol der Wanne-Eickeler Wirtschaft


Die Benennung Glückauf-Platz erfolgt im Jahre 1927. Der Name weist auf eine enge Verbindung der Stadt Wanne-Eickel mit dem Bergbau hin.

Die Anfänge dieses Platzes können bis ins Jahr 1861 zurückverfolgt werden, als hier in unmittelbarer Nähe, die Zechen Königsgrube und Pluto einen Sammelbahnhof für ihre Kohlenzüge errichten ließen, den so genannten Pluto-Bahnhof. Am 14. Juli 1867 wurde dieser umgebaut und als Güterbahnhof für den öffentlichen Güterverkehr freigegeben.

Hochansicht des Glückauf-Platzes um 1900.



Ein weiteres historisches Datum war der 10. Juli 1872, als die „Personen- und Güterstation Wanne“, an der Cöln-Mindener-Eisenbahn in Betrieb genommen wurde. Die Stationsgebäude lagen im Bereich des jetzigen Güterbahnhofs.

Der Zuwachs im Personen- und Güterverkehr sowie der Ausbau des Streckennetzes in allen Himmelsrichtungen machten im Jahre 1909 einen groß angelegten Umbau des Bahnhofs zu seiner jetzigen Gestaltung erforderlich.

Gleichzeitig wurden Anschlussstrecken für die neu erbauten Bahnhofsteile West- und Ostbahnhof gebaut, um den Güterzug- vom Personenzugverkehr zu trennen. Im Rahmen dieser Baumaßnahmen wurde ein großes Stück des Geländes höher gelegt. Mit der Erweiterung der Herner Straße im Jahre 1927 um 13 Meter wurde eine Stützmauer des Bahndamms erforderlich. Ende Juli desselben Jahres waren die Putzarbeiten beendet. Doch der Platz des grau gefärbten Verputzes schien ohne eine Verzierung zu fahl. So beschloss man, die kahlen Flächen durch drei Säulen lebendiger zu gestalten. Den Auftrag hierzu bekam der Wanne-Eickeler „Künstler“ Gewerbeoberlehrer Wilhelm Braun.


Ecke Herner Straße - Gelsenkirchener Straße, anno 1910,
heute Hauptstraße – Berliner Straße.


Drei-Männer-Eck im August 1927.


Der Idee des Künstlers war es, drei Skulpturen zu schaffen, einen Schiffer, einen Bergmann und einen Eisenbahner, - als Symbol der Wanne-Eickeler Wirtschaft. Das Material bestand aus wetterfestem Muschelkalk, der im Freien noch verhärtet. Die Figuren haben eine „Lebensgröße“ von 1,70 Meter und wurden 2,50 Meter über dem Bürgersteig aufgestellt.

In den frühen Abendstunden des 16. August 1927 begann man an der Wand längst der Herner Straße an der Ecke zur Gelsenkirchener Straße mittels Flaschenzuges die lebensgroßen Figuren einzeln auf die dafür vorgesehenen Sockelstützen zu ziehen. Dann wurden die einzelnen Statuen mit Eisen im Mauerwerk verankert. Ein paar Tage später hat auch schon der Volksmund eine Bezeichnung für diese Ecke gefunden: „Drei-Männer-Eck“.





Die einzelnen Skulpturen waren wie folgt angeordnet:

Rechts, nahe der Bahnunterführung, mit Ölzeug und Südwester bekleidet, die Hand an einem Prahm, wies der Schiffer auf den einst größten Hafen des Rhein-Herne-Kanals hin.

Die zweite Skulptur stellte den Bergmann mit seiner Grubenlampe in der linken und der Kohlenhacke in seiner rechten Hand dar. Er stand als Symbol für den Bergbau.

In Richtung Bahnhof stand der Eisenbahner im Uniformrock, in der rechten Hand ein Flügelrad. Er war Symbolfigur für den Eisenbahnknotenpunkt der Emscherstadt („Stadt der tausend Züge“).


Ohne den künstlerischen Wert der Arbeit schmälern zu wollen, ging Anfangs das allgemeine Urteil der Bürgerschaft über die drei schmucken Figuren weit auseinander. Dem einen waren die Skulpturen an der wuchtigen Mauer trotz ihrer 1,70 Meter zu winzig, dem anderen waren die Konsolen auf den sie standen zu klein. Spötter wiesen sogar auf eine vierte Figur hin die in nächster Zeit noch aufgestellt werden sollte, ein verdienten Stadtverordneten. Man war sich aber seitens des Rates der Stadt noch nicht einig, wen von den 48 verdienstvollen Frauen und Männern man berücksichtigen solle. Die Stadt sei aber einer Lösung nahe und brauche sich nur noch zu entschließen, ob man den nimmt, der am meisten spricht, oder den, der am lautesten redet.

Das der Bürger seine „Drei-Männer-Ecke“ doch sofort in sein Herz geschlossen hatte ging aus mancher Anekdote hervor. Stellvertretend hierzu die mündliche Überlieferung der Wanne-Eickelerin Dorothea Goihl, sie berichtete wie folgt:


Vor langen Jahren, als die Ankunft und Einfahrt der Züge noch nicht über Lautsprecher angekündigt wurde, schritt der einarmige Heinrich Schattenberg in strammer, dienstlicher Haltung die Bronzeglocke schwingend den Bahnsteig auf und ab. „Achtung, von der Bahnsteigkante zurücktreten, der Zug fährt ein!“ So war es vordem auf dem alten Wanner Bahnhof. Dann folgte die Bekanntgabe der nächsten Ankünfte, denn Wanne war schon lange ein Knotenpunkt!

Gemessen an dem heutigen Zugverkehr war das Amt des Ausrufers und Auskunftsbeamten nicht so aufreibend und deshalb war er nicht so ausgelastet. Immerhin, Dienst war Dienst. Außer Dienst war er voller Humor und neigte zu oft recht gewagten Wettangeboten und Abschlüssen. Der Einsatz war nicht gerade hoch, er hatte aber eine Schwäche für die kühlen blonden Tulpen; so wurde damals ein schlankes Bierglas genant. Darum drehte sich zumeist der Wetteinsatz unter Berufskollegen.

Wieder einmal war Heinrich Schattenberg in Wettlaune. Es war sehr heiß im Sommer 1927, und soeben war sein Dienst beendet. Er strebte mit einigen Kollegen seiner Häuslichkeit an der Gelsenkircher Straße zu. Man passierte die Wand längs der Herner Straße an der Ecke Gelsenkircher Straße, dem späteren Drei-Männer-Eck. Vorerst waren aber nur die Sockel vorhanden. Heinrich traute sich an diesem schönen Augusttag zu, den Beamten, der demnächst den Eisenbahner symbolisch darstellen sollte, schon jetzt zu vertreten. Die Wette kam zustande. Es ging um einige Tulpen bei Fork, hellblond mit gut gezapften „Feldwebel“.

Den Einsatz gewann er, denn er kletterte auf den Sockel, machte den zuschauenden Kollegen seine artige Referenz, verlor aber hierbei die Balance und stürzte ab. Er brach sich den Arm, nahm es aber mit Humor, was blieb ihm auch anders übrig, ebenso seine Kollegen.

Später bei Fork waren sie bereit, ihm die verlorenen Tulpen „unter die Nase“ zu führen. Als später die Figuren aufgestellt und der Arm ausgeheilt war, soll er es nie unterlassen haben, dem steinernen Kollegen in luftiger Höhe seinen Dienstgruß, zwei Finger am Mützenrand, erwiesen zu haben. Auch dann, wenn er ihn nur durch „Nebelschwaden“ gesehen hat.














Heinrich Schattenberg (Mitte) im Kreis seiner Schwiegersöhne.
Fotonachweis: Sammlung Frank Sichau.



Mit den Jahren hatten die Bürger ihr Drei-Männer-Eck ins Herz geschlossen. Umso überraschter waren sie, als nach 43 Jahren plötzlich das „Aus“ für die drei Skulpturen kam. Die Bundesbahn hatte wegen der öffentlichen Sicherheit die Entfernung der stark beschädigten Skulpturen gefordert. Nach einer Sitzung im Stadtrat wurde dann mit nur einer Stimme Mehrheit für das Entfernen gestimmt.

Am 9. Juni 1970 fuhren mehrere Lastwagen der Baufirma Köhring am „Glückaufplatz“ vor und transportierten die durch Bomben, Abgase und allgemeine Luftverschmutzung beschädigten Figuren ab.

Unter großem Einsatz des Stadtarchivars Rudolf Zienius wurden die Figuren, die mehrere Jahre ihr Dasein auf dem Bauhof der Firma Köhring fristeten,
durch den Münsteraner Bildhauer und Restaurator Günther Stuchtey restauriert und Ende Juni 1974 an der Vorderfront des Heimatmuseums an der Unser-Fritz-Straße wieder aufgestellt.


Die stark beschädigten Skulpturen, aufgenommen um 1965.

Die drei Männer an Vorderfront des Heimatmuseums.


Übrig blieb eine vom Abriss gezeichnete Mauer.

Übrig blieb eine vom Abriss der drei Steinfiguren gezeichnete Mauer, deren Putz von der Wand bröckelte. 18 Jahre zogen ins Land ohne dass sich die Bundesbahn als Mauerbesitzerin und die Stadt über eine Sanierung einig wurden. Auch Bemühungen seitens der Bürgergemeinschaft, die alte Fläche zu restaurieren und die Skulpturen wieder auf ihre angestammten Plätze anzubringen, scheiterten. Im Juni 1988 bereitete dann der Abrissbagger der Firma Heitkamp der markanten Begrenzung im Bereich der Kreuzung Haupt- und Berliner Straße ein Ende. Die nach dem Abriss freigelegte Böschung wurde begrünt und durch eine niedrige Stützmauer begrenzt. Somit gehört das einstige Wahrzeichen von Wanne-Eickel, das Dreimännereck, endgültig der Vergangenheit an.



Eine Idee der besonderen Art hatten Schüler der Schule an der Hedwigstraße Anfang 1989. Sie schufen im Rahmen des Projektes „Öffnung der Schule“ in der Cranger Jugendkunstschule, aus Ytong-Steinen eine Nachbildung des Wahrzeichens der ehemaligen Emscher Stadt. Nach der Enthüllung der Nachbildungen im Juni 1989 fand die Aktion mit starkem Symbolcharakter eine große Beachtung in der Bevölkerung.






Schüler der Schule an der Hedwigstraße bei der Arbeit.



Am 23. April 1990 kehrten die drei Männer an alter Stelle und leibhaftig wieder in Erscheinung: von links, Herbert Stabenow als Eisenbahner, Peter May als Bergmann und Klaus Grzeszkiewicz als Schiffer. Sie hatten diese Masskerade inszeniert, um den von ihrer Partei, der CDU, und vielen Bürgern gehegten Wunsch nach der Rückkehr der Symbolfiguren zu unterstreichen.



Von links, Herbert Stabenow als Eisenbahner, Peter May als Bergmann und Klaus Grzeszkiewicz als Schiffer.
(siehe auch: Ein Leben im Zeichen des Bergbaus).


Um den einstigen Glanz am nun öde wirkenden Dreimännereck teilweise wieder aufleben zu lassen, wurde der Wunsch nach Aufstellung einer Seilscheibe als besondere Verbundenheit mit dem heimischen Bergbau laut. Bis zur Realisierung sollte es aber noch eine mehrjährige kontroverse Diskussion über die Errichtung dieses Bergbausymbols in Wanne-Mitte geben. Der Grund: Der Grundstückseigentümer Bundesbahn und die Stadt Herne hatten das „Bauwerk“ zum Zankapfel gemacht. Doch rechtzeitig zum Weihnachtsfest 1990 konnte dann die tonnenschwere, vom Bergwerk Consolidation an die Stadt gespendete Seilscheibe auf den dafür vorgesehenen Sockel gehievt werden. Im April 1991 wurde dann das Industriedenkmal Seilscheibe, vom Gesang des Knappenchores Glückauf begleitet, offiziell seiner Bestimmung übergeben. An einer Sockelseite wurde eine Gedenktafel angebracht, die an sieben einstigen Wanne-Eickeler Schachtanlagen erinnert:
(Königsgrube, Hannibal 2, Pluto Thies 1/4, Pluto Wilhelm 2/3, Unser Fritz 1/4, Unser Fritz 2/3, Shamrock 3/4).


Unter dem Motto: „Der Bahnhof ist die Visitenkarte einer Stadt“, fanden im Jahre 2000 Umbaumaßnahmen im Bahnhofsbereich statt. Die Visitenkarte ließ aber nach Abschluss der Umgestaltungsarbeiten einiges zu wünschen übrig. Um diese Situation zu verbessern, schlug der Leiter des Emschertalmuseums, Dr. Alexander von Knorre vor, die Skulpturengruppe, die den einstigen Wohlstand der Stadt Wanne-Eickel symbolisierte – der Bergmann, der Binnenschiffer und der Eisenbahner – auf dem Bahnhofsvorplatz aufzustellen. Nach heftiger Diskussion im Rat der Stadt Herne stimmte man diesem Vorschlag zu.

Da die Orginalfiguren einen Transport wohl nicht unbeschadet überstanden hätten, wurden Nachbildungen in einer Bochumer Restaurierungswerkstatt in Auftrag gegeben. Um den Umwelteinflüssen besser zu trotzen, wurde bei den Arbeiten der Werkstoff Werkbeton mit Zusätzen aus Dolomitensplit und einer Monierung aus Edelstahl verwand. Am 12. August 2003 konnten die historischen Symbole der Wanne-Eickeler Wirtschaft, dank einer Spende des Unternehmers Gerhard Schwing von 8 000 Euro auf einer 3,80 Meter hohen, mit rippenförmigen Vorsprüngen versehenden Dreiecks-Säule auf dem Heinz-Rühmann-Platz aufgestellt werden.


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Quelle: Wanne-Eickeler General Anzeiger 1927, 1930. Westdeutscher Herold 1927. Wanne-Eickeler Rundschau 1972. WAZ aus den Jahren 1985, 1988, 1989, 1990, 1991, 2003. Lührig, Heinrich: Wanne-Eickel, Ausflug in die Vergangenheit, 1984. Lührig, Heinrich: Wanne-Eickel in alten Ansichten, 1992. Lührig, Heinrich: Ruhrität(en), Magazin von Bürger für Bürger, Ausgabe 1/2004, S. 22 ff. Lührig, Heinrich, DVD, Geschichte vor Ort, Blickpunkt Glückauf-Platz, 2005.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig.




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