Wanne-Eickel-Historie


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Cranger Kirmesklänge

Kirmes

Cranger Kirmesklänge

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Der Mensch in seinem dunklen Drange
Begibt sich heut` zum Stadtteil Crange;
Des rechten Weg`s sich wohl bewusst,
Riecht er nach Unternehmungslust.

Von weitem hört er quietschen, pfeifen,
Geschrei von Männern, Weiber keifen -
Ein unentwirrlicht laut Getön -
Das muss er aus der Nähe sehn!

Fahrendes Volk mit vielen Wagen
Hat Residenz dort aufgeschlagen,
Hat wieder punkt sich eingestellt:
Rings Bud`an Bud, Zelt an Zelt.

Es wird uns richtig Angst und Bange:
Man kennt`s nicht wieder, dieses Crange,
Wie ist`s ansonsten dort so still!
Zerstört das liebliche Idyll!

Zerstört von Lachen, Schreien, Fluchen! -
Die Cranger Kirmes zu besuchen
Gehen Mutter, Tochter, Vater, Sohn;
Denn der Besuch ist Tradition!

Die Schwäger, Nichten und die Neffen,
Sie alle wirst du an dort treffen:
Die Kirmes die gehört doch schon
Zum Wanne-Eick`ler guten Ton!

Die lieben Onkels und die Tanten,
Kurz: alle deine -zig Bekannten
Sind alle, alle, alle da.
Der Start beginnt - ta-tü-ta ta!

In neunzehnhundertzwounddreißig
Bliebt für`s Vergnügen - tja, das weiß ich!
Den meisten wenig Geld; doch fehlt
Es nicht an Zeit, und Zeit ist Geld.

Mit diesem Geld in unseren Taschen
Lasst uns vom Kirmes-Frohsinn naschen
Und hauen das Gespenst der Not
Sei`s nur für eine Weile - tot!

Der Spaß beginnt bereits zu werden
Am ersten Morgen bei den Pferden;
Meist schon in aller Herrgottsfrüh
`Versammeln sich die "Hottehüh".


Von Bauern, Händlern, auch von Dieben
Sind viele Gäule aufgetrieben;
Denn weit und breit, in Stadt und Land,
Ist der Laurenzi-Markt bekannt.

Es gab doch einst die "Emscherbrücher",
Das waren wilde, edle Viecher,
Und deren weitgerühmter Klang
Trägt heut`noch Zinsen - Gott sei Dank!

Um die aus Belgien, aus Trakehnen
Entspinnen sich nun lange Szenen;
Es ist fürwahr was Schwieriges
Der Kauf und Verkauf der PS.

Nicht fehlen dürfen die Zigeuner,
Der eine braun, und der noch brauner,
Die reden bis zur Heiserkeit,
Dann endlich ist der Kauf all right.

Seit je wird der Erwerb der Zossen
Dann gleich drauf fürchterlich begossen;
Ertränkt wird der "gerechte" Zorn
In Bieren und in Doppelkorn.

Versucht wird so beim Kirmes-Leben,
Die "Wirtschaftskrise" zu beheben;
In schwerer Zeit ein kleiner Trost -
Es lebe Crange, hurra - prost!

Derweil du trinkst die kleinen Hellen,
Dreh`n draußen sich die Karussellen;
Potztausend! Es ist schon Nachmittag,
Wir gehen hin und sehen nach!

In drangvoll - fürchterlicher Enge
Schiebst du dich durch die dichte Menge;
Der wirre Lärm betäubt dein Ohr,
Du kommst dir wie gerädert vor!

Und nur mit Hilfe deiner Hände
Bahnst du dich langsam durch`s Gelände -
Von Links ein Kichern, rechts ein Fluch,
Der steht in keinen Wörterbuch.

Da siehst du gar zwei "Eh`standskutschen",
Die Babys drin am Fingerlutschen -
Die Kirmes scheint doch wunderschön,
"Das hat die Welt noch nicht gesehn!"



Wie voll! Es ist - so will es scheinen -
Ganz Wanne-Eickel auf den Beinen;
Du drehst dich schon fast grad`so schnell
Wie drüben dort das Karussell.

Das ist ein Kreischen, Feilschen, Rufen,
Die Töne schwirr`n in allen Stufen:
"Wer hat noch nicht, wer will noch mal?"
Und nebenan ist Schwof im Saal.

Aufsehn erregen die Exoten,
Der "Jakob" schreit und schimpft nach Noten:
"Wer das nicht kauft, ist wirklich doof!"
Und nebenan im Saal ist Schwof.

"Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder!"
Schon haut auf`s Glücksrad einer nieder;
Als Preis kriegt er `nen Teddy-Bär,
Sein Mädchen freut sich darüber sehr.

"Das Kabarett der Attraktionen!
Hereinspaziert! Es wird sich lohnen!
Der stärkste Mann! Das dickste Weib!
Die Dame ohne Unterleib!"

Dort kauft ein Jüngling seiner Schönen
Grad` einen von den Luftballönen;
Auf diesem großen Rummelplatz,
Da findet mancher einen Schatz.

Und alles dies, der Lärm, die Lichter,
Erfreut die menschlichen Gesichter;
Dazu die linde Abendluft,
Die riecht so schön nach Schellfischduft!

Ergötzlich, wie die Leute drängen
Nach diesen lauten Kirmes-Klängen;
Heut` sind sie wieder alle da -
Bum-Tschingdera! Bum-Tschingdera!

Wir alle, wir entfliehen vergebens
Dem großen Karussell des Lebens:
Mal geht`s hinauf, mal geht`s hinunter,
Die Fahrt ist bunt, ist kunterbunter;
Was alles uns gefangen hält,
Das ist der Rhythmus dieser Welt!

Quellennachweis: August Schlemihl, Wanne-Eickeler Zeitung vom 12. August 1932.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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