Wanne-Eickel-Historie


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Bombenangriff auf dem Röhlinghauser Markt

Geschichte

Bombenangriff auf dem Röhlinghauser Markt am 12. Juni 1941


"In Röhlinghausen stand im Sommer 1941 bereits der Hochbunker an der Westfalenstraße. Viele suchten ihn auf, als gegen Mitternacht die Sirenen zu hören waren. Bis dahin hatte Röhlinghausen noch keinen Bombenabwurf erlebt, man war also noch sorglos. Aus dem Hause Marktstraße 8 begab sich nur die Familie Libuda in den Bunker.

Unter den Gästen, die in der Gaststätte Denis, Bochumer Straße 197, den Ausklang des Tages bei einem Glas Bier verbracht hatten, ging Kaufmann Rehbein und Otto Haake auf die Straße, als Alarm gegeben wurde. Herr Rehbein steuerte das Haus Bochumer Straße 200 an, Otto Haake, Einsatzleiter der Partei, ging weiter bis zur Ecke Marktstraße. Er hörte hoch oben ein Flugzeug kreisen, kurz darauf leuchtete über dem Röhlinghauser Markt eine Leuchtbombe auf. Da wusste er, dass es ernst wurde. Die Flak auf der Plutohalde feuerte. Ein schaurig schönes Bild: In der Luft die leuchtende Bombe an einem Schirm, dazu ein buntes Feuerwerk durch die Leuchtspurmunition und tausendfache Widerscheine des Lichts in den Fenstern von Verladung und Wagenumlauf der Zeche Königsgrube.

Herr Haake war gerade in Höhe des Eckhauses, da warf ihn der Luftdruck gegen die Rolläden der Metzgerei Bogusch. Nur ganz kurz hatte man das Pfeifen der fallenden Bombe gehört. Völlig benommen rappelte er sich auf. Er stolpert über Trümmerschutt bis zu Kreter am Markt, um zu telefonieren. Aber die Leitung war zerrissen. Er lief weiter zu Thielepape. Von dort erreichte er telefonisch die Kreisleitung und bat dringend um Hilfe. Schon auf dem Weg zum Markt hatte Otto Haake die Hilferufe und das Wehklagen vernommen. Nun rannte er mit einer Schar von Helfern zurück zu den schwer getroffenen Häusern. Im Hause Marktstraße 3 (Möller) rief immer noch eine Frau um Hilfe. Einige Männer begaben sich hinein, kletterten über die Trümmer bis in die oberste Etage und befreiten Edith Fidora, die in ihre Wohnung eingeschlossen war. Das Entsetzen stand ihr im Gesicht. Die Bombe war genau über ihrem Zimmer detoniert. In der zweiten Etage fand man Frau Ida Saloga, das erste Opfer. Sie war unter Mauersteinen und Holz begraben.

Otto Haake bemühte sich indes im gegenüberliegenden Haus Marktstraße 8 (Arns). Zunächst lief er in den Hof, sah den riesigen Krater der Bombe und das klaffende Loch im Gebäude. Das Treppenhaus war von der ersten Etage an bis zum Giebel hinauf aufgerissen. Die Treppe vom dritten Stockwerk hing eine Etage tiefer. Aus den Trümmern drang das Wehklagen. Herr Haake leuchtete in den Schutt und stieg über das Geröll hinauf. Valentin Ankowiak, Altgeselle aus der Metzgerei Bogusch, war mit ihm gegangen. Wo die Treppe auf dem Schutt auflag, sahen sie ein Kinderfüßchen hervorragen. Mit vereinten Kräften versuchten beide, die Treppe anzuheben. Vergeblich. Rasch wurde aus der nahen Schreinerei Röse eine Säge geholt. Endlich war das Kind befreit. Es war die fünfjährige Margarethe Golumbiewski. Man trug das Kind behutsam in den Luftschutzkeller der Gastwirtschaft Denis und übergab es der Frau Jung, die es dann ins Krankenhaus brachte. Das Mädchen hatte einen Oberschenkel- und einen Unterschenkelbruch.

Der Vater, Bergmann Franz Golumbiewski, kam bei dem Angriff um. Er war noch einmal in die Wohnung hinaufgegangen, um eine Decke zu holen. Dabei wurde er von der Explosion überrascht. Immer mehr Männer beteiligten sich an der Suche nach Vermissten im Hause Marktstraße 8. Der 16jährige Werner Arns, Sohn des Hausbesitzers, fehlte, auch Frau Mannel mit ihren drei Kindern. Ihr Mann war zur Schicht. Man fand sie alle, aber keiner lebte mehr. Werner Arns, Frau Hildegard Mannel und ihre Kinder Hans-Klaus, Erika und Ursula waren den Bomben zu Opfer gefallen. Herr Mannel vernahm die erschütternde Nachricht vom Schicksal seiner Familie, als er von der Schicht kam. Unter den Männern, die verzweifelt nach Vermissten suchten, war auch Willi Lehmanski. Er wusste seine Frau noch in der Wohnung, aber vom Treppenhaus konnte man nicht herankommen. Die Helfer stiegen schließlich über eine Leiter von außen her in die erste Etage. Man fand Frau Lehmanski unter den Trümmern im Treppenhaus. Sie hatte den Angriff lebend überstanden. Nun fehlte Opa Arns.

Man hielt zu ihm Verbindung, aber er musste die ganze Nacht in dem zerstörten Haus verbringen, ehe man ihn herunterholen konnte. Dieser Angriff hatte jedoch noch ein achtes Opfer gefordert. Beim Einschlagen der Bombe im Haus Marktstraße 3 waren auch Splitter in das gegenüberliegende Gebäude Marktstraße 4 gedrungen. Einer traf Maria Napierala, die in der zweiten Etage wohnte. Auch sie kam zu Tode.

Das Haus Marktstraße 4 nahm im übrigen größeren Schaden, weil eine Bombe im Hof einschlug. Die Werkstatt des Schuhhauses Gössling mitsamt den Maschinen wurde zerstört. Nach dem Angriff wurde noch in der Nacht eine Militäreinheit angefordert. Sechs Bomben richteten diesen verheerenden Schaden an. Wachtmeister Karl Knierim ließ die Marktstraße absperren, so dass Neugierige ferngehalten wurden. Es hatte außer den acht Todesopfern noch acht Verletzte gegeben. Alle Häuser, angefangen bei Kreter am Markt bis Metzgerei Bogusch, waren mehr oder weniger beschädigt. Der nächste Tag, der 13. Juni 1941 bot ein betrübliches Bild: Der Rest der Habseligkeiten aus den getroffenen Häusern wurde herausgesucht und zumeist auf Handkarren verladen. Man brachte Hausrat, Möbelstücke und Matratzen in die naheliegenden Schulen.

Die Opfer wurden auf dem Ehrenfriedhof im Eickeler Volkspark beigesetzt.

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Quelle: Lührig, Heinrich Schmitz, Gerhard: Röhlinghausen Wanne-Eickel III Geschichte und Geschichten aus einem Stadtteil der südlichen Emscherregion Erlauscht und erlebt, gesammelt und nacherzählt. S. 172 ff.
Fotonachweis: Sammlung: Heinrich Lührig



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