Wanne-Eickel-Historie


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Bauer Röhlinghaus wird im Bunker belagert

Geschichte

Wenn es läutet, mit der Mistgabel antreten


Mit Vorliebe hatten es die Ausländer in diesen bewegten Tagen auf Fahrräder abgesehen. Lakomy, Cranger aus dem Hause Hauptstraße 438, war schon zehn Meter von seiner Wohnung, als er einmal in den Abendstunden angefallen wurde. Andere sahen es und jagten das Rad dem Mann, der es genommen hatte, wieder ab.

Bald darauf war ein Mädchen an der Reihe, doch wieder griffen spontan andere ein. Ruderer aus dem Bootshaus des RV Emscher halfen mit. In diesem Falle setzte es sogar für den Dieb im Birkenwäldchen zwischen Bootshaus und Hafenverwaltung Schläge.
Doch Ruhe kehrte nicht ein. Immer häufiger wurden nun auch Einbrüche verübt. In der Baracke am Kanalfreibad hatte eine ausgebombte Familie ihre restlichen Habseligkeiten. Die Frau kam hinzu, als die Baracke ausgeräumt werden sollte. Sie konnte die Täter verscheuchen, aber vor der Flucht zerschnitten die Einbrecher schnell noch Betten und Matratzen. Vielleicht haben sie auch nur Tabak gesucht.
In Crange wurde es so unruhig, dass eines Tages die Glocke des Bademeisters im Hause Landwehr Straße 1 draußen am Erkerfenster aufgehängt wurde. Von der Glocke aus führten Schnüre in zwei Richtungen, so dass sie von zwei Wohnungen aus geläutet werden konnten. Wenn sie anschlug, hieß es für ganz Crange Alarm.

Dann strömten die Männer zusammen, bewaffnet mit Forke und Mistgabel, Zaunlatte und Knüppel.

Die Besatzung kannte bald das System und räumte das Feld, um nachher nichts gesehen zu haben. Diese Unsicherheit erlebten alle Außenbezirke der Stadt. Besonders schlimm wurde es für die abgelegenen Bauernhöfe Röhlinghaus und May. Bauer W. Röhlinghaus und seine Frau übernachteten schon seit den ersten Tagen der Besetzung im Luftschutzkeller. Er hatte gehört, was alles passieren konnte, und selber Vorsorge getroffen, weil er sich ausrechnen konnte, dass man draußen an der Hofstraße mit schneller Hilfe kaum rechnen konnte.

Vom Luftschutzkeller seines Hauses führte ein Zugang in den Betonbunker, der an das Wohnhaus angebaut war. Vom Bunker wiederum ging eine Eisentür ins Freie. Während des Krieges konnte man bei Alarm von der Scheune her über den Hof durch diese Tür rasch in den Hausbunker gelangen.
Nun sägte Bauer Röhlinghaus die eisernen Verschlusshebel an den Bunkertüren außen ab. Das zur Entlüftung angebrachte, ein Meter hohe Tonrohr auf dem Bunkerdach füllte er mit Kies an, damit niemand von oben Explosivkörper in den Bunker werfen konnte. Außerdem verstopfte er die seitlichen Löcher im Bunker. Wie richtig diese Vorsichtsmaßnahmen waren, stellte sich schon nach wenige Tagen heraus.

Besuch einzelner Ausländer auf dem Hof hatte der Bauer schon in den ersten Tagen erlebt. Anfangs ging es immer nur um Geld oder Kleidung. Nun aber ging es um sein Leben. Es war zur Nachtstunde, als eine ganze Horde Ausländer den Hof überfiel. Gewaltsam drangen sie ins Haus ein und stürmten in die Wohnung der Familie Röhlinghaus. Aber sie war leer. Dann ging es eine Etage höher, wo die Bergleute H. Kemper und A. Habel wohnten. H. Kemper wurde im Schlaf überrascht. Doch ihn nahmen sie nur eine goldene Uhr und einen Anzug ab. An den Kragen ging es ihm nicht.

Bauer Röhlinghaus hatte den Lärm im Haus gehört und rasch seine Angehörigen geweckt. Nun Verbarrikadierten sie als erstes die Tür in den Luftschutzkeller mit Mobiliar. Doch es war fraglich, ob die Tür dem Ansturm standhalten würde. Deshalb zog sich die Familie in den stabileren Betonbunker zurück.
In der Tat hielt die Tür zu dem Luftschutzkeller nicht lange. Doch die eiserne Bunkertür wurde zum unüberwindlichen Hindernis. Die ungebetenen Besucher hantierten eine ganze Weile daran herum. Dann versuchten sie es an der anderen Tür, die von der Hofseite in den Bunker führte. Ebenfalls vergeblich.
Die Ukrainer und Polen blieben noch eine Zeitlang im Hause. Erst in den Morgenstunden wurde es wieder still. „Sie sind weg!“ Bauer Röhlinghaus und seine Angehörigen atmeten auf, als endlich E. Kemper anklopfte und das erlösende Wort rief: „Sie sind weg.“ Die Ausländer hatten Inventar und Kleidung mitgehen lassen, aber das war der Familie nach dieser aufregenden Nacht egal.

Schon am nächste Tag nahm Bauer Röhlinghaus das Angebot eines Freundes an und zog für einige zeit nach Wattenscheid. Seine Frau fand bei befreundeten Familien in Röhlinghausen Unterschlupf, so dass sie dem Hof nahe war.

Der Bauernhof Röhlinghaus, Hofstraße 42. Vor dem Wohnhaus rechts befindet sich der Privatbunker, der nur vom Keller des Hauses aus zugängig war.

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Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Schicksalsjahre unserer Stadt. Nach einer Serie der WAZ zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 2005. S. 40 ff.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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