Wanne-Eickel-Historie


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Bauer Ernst Schulte rennt um sein Leben

Geschichte

Von neun Schüssen durchbohrt – „Und nun zu Bauer Röhlinghaus und Bauer May“


Bauer Schulte hatte die Besetzung durch alliierte Streitkräfte in Bad Rothenfelde bei Verwandten miterlebt. Doch bei der ersten sich bietenden Gelegenheit war er nach Hause aufgebrochen. Er wollte zurück zu seinem Hof an der Landgrafenstraße. Das sagte er auch Frau Schmitz aus dem Eickeler Bruch, die nach Bad Rothenfelde evakuiert war und die er zufällig traf.
Sie hatte dringend abgeraten: „Im Ruhrgebiet geht es drunter und drüber. Warten Sie lieber ab.“ Doch Schulte hatte keine Ruhe.

Am Vormittag des 12. April saß er gegen 11 Uhr beim zweiten Frühstück wieder auf seinem Hof, zusammen mit seiner Schwägerin, Frau Wiesmann, die ihm den Haushalt führte, und mit Frau Riedel aus der Nachbarschaft, einer Verwandten.
Bauer Ernst Schulte war kein Mann, der noch sehr am Leben hing. Der Krieg hatte ihm Frau und Tochter genommen. Damals war er selber drauf und dran, sich das Leben zu nehmen. Frau Riedel war es, die ihn von diesem Vorsatz abgehalten hatte. Auch diesmal war es Frau Riedel, die sofort begriff und einen Versuch machte, drohende Gefahr abzuwenden.

Es begann damit, dass draußen polternde Schritte vernehmbar wurden. Frau Riedel lief zur Tür und öffnete einen Spalt. Doch da sah sie sich bereits dem Lauf einer Maschinenpistole gegenüber. Den Mann kannte sie. Es war ein Pole, der vorher auf dem Hof Schulte gearbeitet hatte. Frau Riedel brachte es dennoch fertig, die Tür wieder zuzudrücken. Indes sprang Schulte, der den Vorfall beobachtet hatte, vom Sofa auf und flüchtete durch das Fenster nach draußen.
Die Flucht durchs Fenster bekam der Pole gerade noch mit, so dass er sein Bemühen, ins Zimmer zu gelangen, aufgab. Stattdessen lief er um das Haus herum. Er erreichte den fliehenden Bauer im Hof.

Dann bellte die erste Salve aus der Maschinenpistole auf. Bauer Schulte wurde am Knie getroffen und kam zu Fall. Er raffte sich wieder auf und rannte weiter um sein Leben. Aber es war ein aussichtsloses Bemühen. Die Schießerei und das Schreien des Verletzten rief die Nachbarn ans Fenster.

Bruno Klawuhn sah aus der zweiten Etage des Eckhauses Steinstraße und Landgrafenstraße die Verfolgung. Bauer Schulte lief auf dem Schwarzen Weg vom Bauernhof in Richtung Landgrafenstraße, hinter ihm drei Männer. Der erste von ihnen feuerte mit ausgestrecktem Arm aus der Maschinenpistole.
Schulte erreichte noch die ersten Häuser am Luftschacht, dann brach er zusammen.

Dieses letzte Kapitel beobachtete keiner der Nachbarn; denn hier verdeckten bereits die Gebäude am Luftschacht die Sicht. Klawuhn sah jedoch schon Sekunden später die drei Männer auf dem Rückweg zum Bauernhaus.
Hier geriet nun auch Frau Riedel in erneuter Bedrängnis. Weil sie die Tür zugehalten hatte, sollte auch sie die Rache zu spüren bekommen. Eine Polin war es, die ihren Landsmann zurückhielt.Die Meldung von dem Mord gelangte relativ schnell ins Rathaus. Doch als die Militärpolizei auf dem Hof eintraf, waren die Täter schon geflohen.

Sprachschwierigkeiten wirkten sich in solchen Situationen, in denen es auf rasches Handeln ankommt, besonders bitter aus. Frau Riedel vermutet wahrscheinlich nicht zu unrecht, dass sich die Täter noch in den Rohren, die in den Bahndamm führen, versteckt hielten, doch die Militärpolizei rückte wieder ab, ohne nachgesehen zu haben. So sind die Polen entkommen. Bauer Schulte wurde mit einer Bahre zum nahen Josefshaus gebracht. Neun Schüsse hatten ihn durchbohrt. Der Mord war ein Racheakt. Der Pole hatte während des Krieges, als er bei Bauer Schulte arbeitete, eine Kuh mit der Mistgabel geschlagen und daraufhin selber Schläge eingesteckt. Für diese Schläge musste Schulte nunmehr mit dem leben bezahlen.

Die Täter äußerten, ehe sie das Haus verließen: „Und nun sind Bauer Röhlinghaus und Bauer May an der Reihe.“ An diesem 12. April waren weder Röhlinghaus noch May auffindbar, doch von nun an war auch ihr Leben in Gefahr. Stadtkommandant Fox zog nach dem Mord erste Konsequenzen. Noch am selben Tag wurde im Luftschutzbunker am Steinplatz für Wann-Süd eine ständige Nachtwache eingesetzt. Erstmals am Abend des 12. April patrouillierten von Beginn der Sperrstunde an Militärfahrzeuge von hier aus durch die Stadt. Bei Tagesanbruch wurde das zwölf Mann starke Kommando wieder abgeholt. Die Aufstellung einer deutschen Hilfspolizei lief um diese Zeit bereits. Rechtsanwalt Dr. Wolf, der während des Krieges als Major beim Wehrkommando Herne tätig war, hatte einen entsprechenden Aufruf an die Bevölkerung erlassen. Am 12. Juni stauten sich Männer aus der Bevölkerung in einer langen Schlange vor dem Rathaus.

Bauer Röhlinghaus mit seinen Gehilfen bei der Erntearbeit mit einem Selbstbinder für Getreide.

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Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Schicksalsjahre unserer Stadt. Nach einer Serie der WAZ zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 2005. S. 16 ff.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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