Wanne-Eickel-Historie


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Ausflugslokal Löns Mühle

Gebäude

Die Eickeler Pferderennbahn - Löns Mühle


Den meisten Wanne-Eickeler Bürger dürfte sie wohl unbekannt sein, die ehemalige Pferderennbahn in Eickel. Dabei knüpfen sich gerade an diese früher so gesellige Stätte viele heimatgeschichtliche Erinnerungen.

Vielen Pohlbürgern ist zwar bekannt, dass in der Wirtschaft Löns Mühle an der Bundesstraße 226, der Dorstener Straße, die kommunale Grenze zwischen Bochum und Wanne-Eickel mitten durch das Lokal verlief. Aber es dürfte wohl nur wenige Bürger geben, denen es bekannt ist, dass es auf der hinter dem Lokal gelegenen Wiese einmal eine Pferderennbahn mit überdachter Zuschauertribüne gegeben hat.


Der Wirt Heinrich Löns, in gerader Linie ein Verwandter des in der deutschen Literaturgeschichte mit über 50 Werken eingegangenen "Heidedichters" Hermann Löns (1866-1914), hatte dieses Geläuf anlegen lassen.

Ausflugslokal Lönsmühle im Jahre 1894.

Litographie-Postkarte aus dem Jahre 1905, mit Ansicht des Ausflugslokal von Heinrich Löns.

Obwohl sein Anwesen nur zur Hälfte zur Gemeinde Eickel gehörte, fühlte er sich stets als ein "echter Eickeler Junge", und war ebenso wie der "Heidedichter" dem weiblichen Geschlecht gegenüber bis ins hohe Alter hinein recht aufgeschlossen. Sein Lokalstolz ging so weit, dass er den Riemkern die Pferderennbahn neidete, die sie sich um 1880 in naher Nachbarschaft des Tippelsberges angelegt hatten, obwohl er doch eigentlich auch ein "halber Riemker" war. Darum beschloss er, hinter seinen Wirtschaftsgebäuden auch eine Rennbahn zu bauen. Die guten wirtschaftlichen Verhältnisse, in denen er lebte, gestatteten es ihm, die Bahn so auszubauen, dass sie einen Vergleich mit anderen gleichgearteten Anlagen nicht zu scheuen brauchte, von denen es vor der Jahrhundertwende im Ruhrgebiet eine große Anzahl gab.

Darüber hinaus gründete er den "Eickeler Rennverein", in dem sich vor allem die Landwirte aus Bickern und Crange zusammenschlossen, in dem aber auch Pferdebesitzer aus anderen Branchen die Mitgliedschaft erwarben. Die "Eickeler Rennbahn" erfreute sich von Anfang an bei der Bevölkerung großer Beliebtheit und brachte etwas Abwechslung in das sonst so geruhsam dahinfließende dörfliche Leben des noch stark ländliche Stadtteils Eickel.

In einem zeitgenössischen Bericht hieß es unter anderem: "Die Vorbedingungen für ein vorzügliches Gelingen der Feste, liegen zumeist in der schönen freien und übersichtlichen Rennbahn, welche nach vielfach geäußerten Ansicht mit der Rennbahn von Castrop wohl in Konkurrenz zu treten berechtigt ist. Die Rennbahn von Castrop aber hatte in jener Zeit den Ruf, eine der besten west-deutschen Bahnen zu sein.

So bot die Bahn des "Eickeler Rennverein" an manchen Tagen während der Sommermonate ein buntbewegtes Bild, das nach Berichten zu folge ein "nahezu weltstädtischen Charakter" hatte. Während die Eickeler mit den "Provinzlern" - wie die jenseits der Bochumer Stadtgrenzen wohnenden Bürger von ihnen genannt wurden - sonst zuweilen spinnefeind waren, herrschte zwischen ihnen volle Übereinstimmung, wenn es die Interessen der Rennbahn zu vertreten galt. Das wurde so recht deutlich, als 1898 dort ein Renntag abgehalten wurde, der derart turbulent verlief, dass er noch Monate später reichlich Gesprächstoff abgab.

An dem nicht gerade warmen Julitag wurden auf der Bahn fünf Rennen gestartet. Für zwei Rennen war das Interesse der Pferdebesitzer so groß, dass das Feld sogar in zwei Gruppen unterteilt werden musste. Maßen von Schaulustigen strömten zum Geläuf. Um den Verkehr zu bewältigen, hatte der Haudereibesitzer Fork, der seinen Hauptbetrieb in Bochum hatte, aber in Eickel an der Königsstraße, neben der Gastwirtschaft Geise, einen kleineren Zweigbetrieb unterhielt, mit Pferdefuhrwerken einen lebhaften Personenverkehr nach Herne, Crange und Bochum eingerichtet. Da auch der Rennbahnbesitzer Heinrich Löns für gute Bewirtung und civile Preise bestens Sorge getragen hatte, herrschte schon bald die bei allen sportlichen Veranstaltungen so beliebte Hochstimmung.

Unter den Klängen einer aus Herne angereisten Kapelle nahm die Veranstaltung einen vielversprechenden Anfang, zumal sich kurz vor dem ersten Start noch immer Pferdebesitzer um die Teilnahme an den Rennen bemühten, obwohl sie als Spätmelder den dreifachen Betrag des ursprünglich festgesetzten Startgeldes entrichten mussten.

Das erste Rennen gewann die schwarze Stute "Jette" aus dem Gestüt Bandmann in Herbede, die Forks braune Stute "Flora" auf den zweiten Platz verwies; die von dem damals noch schulpflichtigen Waldemar Fork, dem Sohn des Haudereibesitzers geritten wurde. In dem zweiten Rennen, das über Hürden ging, siegte das Gestüt Offermann aus Dortmund mit der Stute "Minka" vor Stall Bischof aus Gelsenkirchen auf "Baron". (Der Pferdehändler Bischof war der größte Pferdehändler im Ruhrgebiet., er versorgte die Zechen mit Pferden, die im Untertagebetrieb für den Kohlentransport eingesetzt wurden).


Die zwei ersten Rennen wurden glatt über die Strecke geschickt. Als dann jedoch das "Trabrennen für Arbeitspferde" gestartet werden sollte, wurde es bedeutend lebhafter, da hier jeder der Teilnehmer seinen Ehrgeiz darin sah, seinem Nachbarn zu zeigen, von welch erlesener Qualität das Pferd doch sei, das an gewöhnlichen Tagen brav seine Arbeit vor dem Milchkarren oder dem Gemüsewagen verrichtete. Im Eifer des Gefechtes machte ein Reiter Bekanntschaft mit dem Boden des Geläuf. Sein Pferd, angefeuert von den Rufen der Zuschauer, raste allein weiter und ging als erster durchs Ziel. Der Preis konnte dem Pferdebesitzer aber auf Grund der Rennbestimmungen nicht zuerkannt werden. Der Sieg bei diesem Meeting errang der vierjährige "Pins" des aus Herbede stammenden Züchters Bandmann.

War es bis zu diesem Zeitpunkt auf dem Rennplatz noch verhältnismäßig ruhig gewesen, so begann nun die "Volksseele" langsam zu kochen. Die Kapelle hatte ihr Lied gerade beendet, als das Startzeichen für das nächste Rennen ertönte und sich die Szenerie schnell in einen Hexenkessel verwandelte. So sehr die Eickeler auch tobten und vor allem die Jugend aus Leibeskräften schrie, um ihren Favoriten anzufeuern, setzte sich doch der achtjährige Schimmelwallach "Warstock" aus dem Stall Langhoff aus Lünen an die Spitze.
Doch dann machte der Eickeler Favorit Boden gut und ging sogar in Führung. Der Jubel kannte keine Grenzen mehr. Aber schon bald lag der Schimmelwallach aus Lünen wieder vorn. Die Einheimischen, die ihre Preise davon traben sahen, versuchten nun ihren Favoriten unter Aufbietung ihrer ganzen Lungenkraft anzufeuern. Ob dieser die Aufforderung zum Galopp nun missverstanden oder ob er sich nun selbst zu schwach fühlte, um das Rennen in einem fairen Kampf für sich entscheiden zu können, weiß der Chronist nicht zu berichten. Festgehalten wurde, dass plötzlich der Eickeler-Jockey versuchte den Kontrahent aus Lünen aus der Bahn zu drängen. Als dieser aber dem Druck nicht ohne weiteres nachgeben wollte, griff der verärgerte Jockey zur Reitpeitsche, und ehe man sich versah, war die schönste Keilerei im Gange. Bei dieser Attacke fiel der Jockey aus Lünen vom Pferd. Die Zuschauer rasten. Der Eickeler Favorit ging so als erster durchs Ziel, wurde aber von den strengen Preisrichtern sofort disqualifiziert.

Während die Kapelle die aufgebrachte Volksseele mit einem Marsch zu beruhigten versuchte, stand beim nächsten Rennen am Start erneut großer Tumult an. Der aus einem Wattenscheider Gestüt stammende Wallach "Mikusch" sollte keine Starterlaubnis für das Rennen bekommen, da dieses für Ponys ausgeschrieben war und der Wallach "weder seinem Aussehen noch der Art nach" zu dieser Kategorie gehörte, aller Dings hatte er aber die vorgeschriebene Größe von 150 cm. Die Zuschauer tobten als sie die Entscheidung der Juroren vernahmen. Um den Volkszorn zu beschlichtigen, gab die Rennleitung schließlich nach und ließ das Pferd zu dem Ponyrennen zu.

Versöhnlich wurde die Stimmung erst wieder, als der Wallach "Mikusch" sogar als erster durchs Ziel ging und den favorisierten Schimmel aus dem Stall van Eupen aus Essen auf den zweiten Platz verwies.

Zum Ende hin aber hatte der Renntag wieder echten Volksfestcharakter, denn als der Reiter des Wattenscheider Ponys mit seinem Pferd in einer Ehrenrunde an den Zuschauern vorbeiritt, ließ die Kapelle - nachdem der Bahnbesitzer Heinrich Löns den Musikern eine Gratislage Bier gespendet hatte - das Lied: "siehste wohl, da kimmt er" erklingen, in das alle Besucher begeistert einfielen.

Mit der Zeit wurde es um die Bahn ruhiger, das Interesse für die Rennveranstaltungen bei Löns Mühle ließ allmählich nach, bis diese dann um die Jahrhundertwende gänzlich aufgegeben wurden. Auf den Gelände, auf dem einst Pferderennen ausgetragen wurden, wurde wieder Landwirtschaftlich genutzt.

Auch das einstige Ausflugslokal von Heinrich Löns wurde nur noch hin und wieder zu Sommerfesten genutzt. In den Schankräumen wurde später ein "Autorast" untergebracht. Mitte der 70er Jahre wurde dann in der Gastwirtschaft der Bierhahn in dem Haus an der alten Heer- und Kohlenstraße für immer abgedreht. Nachdem die Wirtsstube umgebaut und einem anderen Zweck zu geführt wurde, ist das Gebäude heute kaum noch wiederzuerkennen.



Auto - Rast Löns Mühle mit guter Küche. Sowohl der gemütliche Schankraum, als auch die Außenansicht wurden um 1960 im
Bild festgehalten.


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Ansicht des ehemaligen Ausflugslokal Löns Mühle, "Alte" Dorstener Straße 574 im Herbst 2009. Das Gebäude beherbergt heute die Zahntechnik "Mannel", sowie die Dentaltechnik "vier Q".

Quellennachweis: WAZ vom 21. Juli 1984.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig.


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