Wanne-Eickel-Historie


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Auf den Zechen entstehen Arbeitsausschüsse

Geschichte

Der „kleine Stalin“ erlässt einen Aufruf


Auf der Zeche Königsgrube ergriff Maschinist Ignaz Gorisek die Initiative, um einen Betriebsrat auf die Beine zu stellen. In dem Arbeitsausschuss kamen außer Goriksek noch Otto Hermann, Hermann Lemanski und Josef Ankeschewski in den Arbeitsausschuss. Der vorherige Betriebsrat der DAF war durch die Proklamation Nr. 1 automatisch aufgelöst.

Der erste Aufruf, von Ignaz Goriksek
verfasst ( er wohnte in Röhlinghausen, Westfalenstraße 55) und unterzeichnet, wurde auf einem Din-A-4-Blatt an die Anschlagstafel geheftet. Der Wortlaut:

„Kameraden!“
„Das faschistische System ist tot, damit ist auch die Deutsche Arbeitsfront erledigt, die ihre Aufgaben in der Zertretung der Arbeiterrechte, Vereins- und Versammlungsrechte, Presse- und Redefreiheit, Abbau der sozialen Einrichtungen, Verrat an den Interessen der Bergarbeiterschaft, Heraufsetzung der Arbeitszeit, Einführung der Pflichtsonntagsarbeit, die sich gesundheitsschädlich auswirken musste, sah. Vollständiger Ruin der Arbeiterschaft war die Folge ihrer Politik.

Um in kürzester Zeit aus dem Chaos herauszukommen, brauchen wir eine Organisation, die sich der Interessen der Arbeiter mit Nachdruck annimmt. Zu diesem Zwecke rufen wir Euch auf: Lasst Euch in die freie Betriebsorganisation aufnehmen!“

„Kameraden! Es liegt in Eurem Interesse, dass Ihr Euch 100 prozentig organisiert. Um den Betriebsrat die Arbeit zu erleichtern, wird gebeten, einen Aufnahmezettel in folgender Form anzufertigen: Paul Müller, geb. 18. 4. 1902 in Hordel, Wohnung: Wanne-Eickel, Ottostraße 10. Um den Aufbau zu finanzieren, bitten wir bei Abgabe des Aufnahmezettels um eine freiwillige Spend und den Betrag auf dem Aufnahmezettel zu vermerken.“ Kurz darauf wurde mit einem weiteren Aufruf noch einmal in die gleiche Kerbe geschlagen. Er kam wiederum von Ignaz Gorisek. Es heißt darin: „Der zweite Weltkrieg neigt sich dem Ende zu. Damit endet für uns das größte Drama aller Zeiten! Nie war die Lage der deutschen Arbeiterschaft katastrophaler, nie aussichtsloser als jetzt. Wieder einmal steht das Volk der Arbeit in seiner Schicksalsstunde.

Wird wenigstens diesmal der Arbeiter den Ernst der Stunde begreifen?“dann werden Vergleiche gezogen: „1918 hat es die Kapitalistische Gesellschaft verstanden, die Kriegsfolgen einzig und allein auf die schaffenden Menschen abzuwälzen. Die anfängliche Toleranz dieser Herrschaft endet mit der brutalen Gewaltherrschaft des Faschismus. Soll das diesmal wieder so werden? Nein und abermals nein!“

Und weiter: „Um das zu verhindern, um in möglichst kurzer Zeit wieder menschenwürdigen Verhältnissen zu kommen, ist der restlose Zusammenschluss sämtlicher ehrlicher Arbeiter unbedingt Notwendig.
Die Besatzungsbehörden haben den Zusammenschluss der deutschen Arbeiterschaft in der antifaschistischen Freiheitsbewegung erlaubt. Diese Organisation soll und muss die Ausgangsbasis für unsere gewerkschaftliche Organisation werden. Sie muss die Plattform werden, von der aus alle Arbeiter, gleich welcher politischen Weltanschauung sie sind, ihre wirtschaftspolitischen Belange vertreten.“

Zum Schluss heißt es: „Arbeiter, Angestellte und Beamte, meldet Euch noch heute beim Betriebsrat zur Aufnahme in die Antifa, um so auf schnellsten Wege die Plattform zu schaffen, die die notwendige Voraussetzung ist, um einmal aus diesem Chaos herauszukommen, dann aber auch, um der Welt zu zeigen, dass es ein anderes, ein besseres Deutschland gibt, in dem die Parole heißt: Friede, Arbeit, Freiheit!“ Die Aufrufe von Ignaz Gorisek, Westfalenstraße 55, der wegen seiner kommunistischen Vergangenheit in ganz Röhlinghausen als „der kleine Stalin“ bekannt war, fanden ein starkes Echo. Die meisten meldeten sich spontan.

Die Königsgruber Belegschaft war um diese Zeit arg zusammengeschmolzen. Noch vor der Besetzung waren die ausländischen Arbeiter und Gefangenen abgezogen worden. Viele Bergleute hatten noch den Einberufungsbefehl erhalten. Einige waren vor dem Einrücken der Truppen geflohen, andere blieben vorerst zu hause, um ihre zerbombten Wohnungen wieder zusammenzuflicken.
Immerhin konnte schon seit dem 11. April auf der Königsgrube wieder Kohle abgebaut und gefördert werden. Auf der Zeche Unser Fritz, wo ebenfalls seit dem 11. April bereits wieder gearbeitet wurde, scharte Fritz Brader gleich nach dem Abzug der amerikanischen Truppen die Belegschaft in der Kaue um sich und rief sie zur Bildung eines Arbeiterausschusses auf. Hier wurde alles durch Zuruf erledigt. Man benannte Heinrich Strauch, Josef Nieke und Ignaz Zislak.

Auf der Zeche Shamrock 3-4 hatten sich die amerikanischen Truppen nur ganze 24 Stunden aufgehalten. Die Anlage war ihnen offensichtlich allzu stark zerstört. Umso mehr lag die Verantwortung auf den Schultern der Belegschaft.
Der alte Gewerkschaftler Hammelmann, der gleich am ersten Tag den Bergleuten zugerufen hatte: „Nun weht ein anderer Wind“, übernahm die Vorbereitungen, um eine Ausschuss zu bilden. Seine ersten Mitarbeiter Walter Krampe, Paul Podella, ferner von der Kokerei Eduard Schmidt.

Kurz darauf wählte auch hier die Belegschaft durch Zurufen einen vorläufigen Betriebsrat, und zwar Paul Podella, Heinrich Krusch, B. Möller, W. Fistelmann, Rudi Hoh, A. Schuster und als Kokereivertreter Eduard Schmidt. An die Aufnahme der Förderung war hier vorerst nicht zu denken. Auf der Zeche Pluto Wilhelm bildeten Otto Mentel, Josef Werth und Fritz Naporra den vorläufigen Betriebsrat. Der Arbeitsaufnahme stand nichts im Wege. Die Zeche Pluto war jedoch die erste, die mit der Militärregierung bald einen harten Strauß auszufechten hatte.

Das Punktesystem im Bergbau, durch das die Bergleute
besondere Vergünstigungen erhielten.

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In "Trizonesien", also in den Jahren 1945-1949, war der Kumpel noch "König" in Westdeutschland.


Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Schicksalsjahre unserer Stadt. Nach einer Serie der WAZ zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 2005. S. 22 ff.
Fotonachweis: Sammlung Gerhard Schmitz


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