Wanne-Eickel-Historie


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Angriff vom 6. August 1944

Geschichte

Aus dem Tagebuch von Walter Niklas


Der Alarm kam am 6. August gegen 23.30 Uhr. Walter Niklas aus der Burgstraße schrieb damals in sein Tagebuch: "Unsere Sirene bei Kemmerling an der Ecke Kurfürstenstraße und Burgstraße war nicht intakt. Ich wollte es nicht glauben, als ringsherum Vollalarm gegeben wurde, aber es war so. Dennoch, ich war müde und legte mich halb angezogen noch einmal aufs Bett. Es war ja noch ruhig draußen. Dann kam meine Schwiegermutter und drängelte: Es ist doch Vollalarm. Sie stand luftschutzfertig vor mir in voller Kriegsbemalung. Ich raffte mich entgültig auf.

Als ich vor die Tür trat, sah ich einen unserer Mitbewohner. Es war immer noch still. Wir lauschten in die Nacht und hörten nach einer Weile die Sirenen von Shamrock 3-4, kurz darauf gegen Mitternacht die vom Treibwerk und dann auch noch das Tüt-tüt-ti-tüt von der Kokerei der Zeche Hannover. Das bedeutete höchste Gefahr. Das war das sicherste Zeichen, dass die Maschinen Kurs auf Wanne-Eickel genommen hatten." (Anmerkung: Die Großbetriebe hatten eigene Warnanlagen. Bei öffentlichem Fliegeralarm musste die Belegschaft am Arbeitsplatz bleiben. Man wollte den Produktionsausfall so gering wie möglich halten. Erst bei Vollalarm durch die Werkssirenen war der Weg in die Luftschutzräume frei.) "Als nächstes schoss die Flak los, anschließend hörte man das Motorengeräusch der Flugzeuge, auch die ersten Detonationen in der Ferne. Das Flakfeuer steigerte sich immer mehr, die Bombeneinschläge wurden lauter.

Ich hetzte noch einmal in die Wohnung; da waren noch die Fenster zu öffnen und die Roll-Laden hochzuziehen. Vom offenem Fenster aus sah ich für Augenblicke die Stadt vor mir. Grelle Blitze zerrissen das Dunkel der Nacht, schwefelgelb und rot war der Feuerschein explodierender Bomben. Meine Schwiegermutter und ich saßen dann im Keller. Der Boden erzitterte, man hörte das Klirren der Scheiben. Meine Schwiegermutter sagte etwas, und ich dachte unwillkürlich an das Paradoxe der Situation. Merkwürdig, wenn selbst Frauen an Hand der Explosionsgeräusche feststellen können, was für Bomben fallen. Wenn das nur gut geht, hörte ich später meine Schwiegermutter wieder. Und dann noch öfters. Wenn das Sausen stärker wurde, erwarteten wir mit gespannten Nerven, den Aufschlag und atmeten jedes Mal wieder erleichtert auf, wenn die Bomben nicht zu nahe gefallen waren. Dann kam eine kurze Pause. Ich schlich mich nach oben und sah Feuer in Richtung Treibstoffwerk, auch in Richtung Wanne-Süd. Vor allem aus Wanne-Süd kam dicker Qualm. In der Luft lag Kalkstaub und Pulvergeruch. Es war immer noch unruhig. Ich verzog mich wieder in den Keller und sah durch die Luke. Die Flak feuerte wieder heftig. Als es erneut ruhig wurde, wagte ich einen größeren Gang bis zu den Stollen hinter den Häusern Burgstraße 83 bis 89 und hinter den Häusern Burgstraße 80 bis 88. Es war alles in Ordnung. Auf dem Rückweg hörte man wieder die Feuerstöße der Flak. Und dann tauchte ein einzelnes Flugzeug im Scheinwerferkegel auf. Hart daneben barsten die Granaten. Die Maschine nahm Kurs auf die Burgstraße.

Ich beeilte mich, wieder in den Keller zu kommen. Aber ich war erst am Haus Keinburg, als ich plötzlich das böse Sausen vernahm. Bomben! So ging es mir durch den Kopf. Ich flog fast und fiel geradezu die Treppen zum Keller hinunter. Als es krachte, wunderte ich mich. Es war weiter weg, als ich vermutet hatte. Der Wehrmachtsbericht brachte am nächsten Morgen eine ganz kurze Nachricht: In der vergangenen Nacht warfen einzelne feindliche Flugzeuge Bomben auf Städte in Westdeutschland ab. Soweit der Bericht aus dem Tagebuch von Walter Niklas. Was hinter der kurzen Mitteilung im Nachrichtendienst steckte, waren für Wanne-Eickel bei Tage besehen, fünf Todesopfer und große Schäden an Häusern und Großbetriebe wie Shamrock 3/4, Treibstoffwerk und Happel KG. Die Bombe, die man an der Burgstraße sausen gehört hatte, war gar keine Bombe gewesen, sondern eine Mine, die 1,7 Km weiter entfernt in Höhe der Gartenstadtsiedlung an der Dorstener Straße eingeschlagen hatte. Der Aufschlag der Mine lag in der Nähe der Häuser Nr. 69 (Bäckerei Fichtel) und Nr. 81.
















Dies waren einmal Gebäude in Eickel.
Nach einem Lufangriff nur noch Trümmer
und Ruinen.

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Quelle: Auszüge aus der WAZ vom 21. Juni 1962
Fotonachweis: Bildstelle Stadt Herne


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