Wanne-Eickel-Historie


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Angriff bei hellichten Tag

Geschichte

Angriff auf Eickel dauerte nur 20 Minuten


Den Alarm haben viele Bewohner nicht ernst genommen. Im der Gastwirtschaft Meistertrunk blieben bei den ersten Sirenentöne die meisten Gäste im Lokal. Die Wirtin, hatte einen Mittagstisch eingerichtet. Ihre Gäste waren Angestellte aus dem Treibstoffwerk, von der Bäckerei Ruwe, aus Eickeler Geschäften. Hinzu kamen noch einige Privatleute. Sie verwöhnte sie nach Möglichkeit. Für den 12. September 1944 hatte sie sich wieder etwas Besonderes ausgedacht. Auf dem Speisezettel standen Mehlklöße mit allem Drum und Dran. Die Gäste schmunzelten, und mehr als einer fragte: "Frau Wirtin, wie haben Sie das mit unseren Lebensmittelkarten wieder hingezaubert?" Der Alarm kam, als die dampfende Schüssel gerade aufgetragen waren. Es war ausgesprochen ärgerlich. Nun, der Tiefbunker auf der Wenige lag nur etwa 100 Meter entfernt. Einige zogen die Sicherheit vor, beispielsweise Frau Niklas, die schon an der Burgstraße genügend böse Erfahrungen gesammelt hatte. Aber die Mehrzahl der Gäste konnte den verlockenden Düften aus den Schüsseln nicht widerstehen. Dann hörten sie die ersten Detonationen, und alle verschwanden blitzartig mit der Wirtin im Keller unter dem Lokal. Die Bomben krachten bald in nächster Nähe, erst auf der Seite der Brauerei Hülsmann, dann aus Richtung Richard-Wagner-Straße, schließlich zitterten die Kellerwände. Eine Bombe hatte den rechten Flügel der Gaststätte getroffen. Die Kellerdecke hielt zum Glück. Im Tiefbunker auf der Wenige zitterten die Betonwände ebenfalls bei jedem Einschlag. Unter den Bunkerinsassen befand sich auch Pfarrer von Stockum. Als der Angriff nach 20 Minuten vorbei war, lagen Pulvergeruch und Staub in der Luft. Auf dem Rückweg zum Pfarrhaus stieß Pfarrer von Stockum zunächst auf einen großen Trichter an der Ecke Rainer- und Richard-Wagner-Straße hinunter in Richtung Johanneskirche. Pfarrer von Stockum sah schließlich die Kirche. Es war ein bitterer Augenblick; denn der Turm war verschwunden. Ein Trümmerhaufen zog sich vom Pfarrhaus bis hinüber zum Meistertrunk. Eine Bombe hatte den Turm voll getroffen und bis auf die Grundmauern niedergerissen. Im Kirchenschiff klaffte ein riesiges Loch, mit dem Glockenstuhl waren auch die drei Glocken in die Tiefe gestürzt. Die Orgel auf der Empore war total zerstört.

Die 1896 geweihte Kirche, die nach Abbruch des alten Gotteshauses auf dem Eickeler Markt (1891) am Ausgangspunkt der Hauptstraße gebaut wurde, hat nicht zum ersten male ihre Glocken eingebüßt. Von den drei bei Munte in Witten gegossenen Bronzeglocken mussten schon im ersten Weltkrieg zwei zur Herstellung von Munition an die Heeresverwaltung abgeliefert werden. Das war 1917. Die C-Glocke, 1891 Kg schwer, trug einen Bibeltext: "O, Land, Land, Land, höre des Herren Wort." Auf der D-Glocke, 1328 Kg schwer, stand: "Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seit stark." Die 968 Kg schwere E-Glocke durfte die Kirchengemeinde behalten. Ihre Inschrift lautete: "Ehre sei Gott in der Höhe." Damals konnte die Gemeinde feierlich Abschied nehmen. Am 24. Juni 1917 sang sie nach der Sonntagspredigt ihr Abschiedslied. Als alle nach Hause gingen, läuteten noch einmal die drei Glocken eine Stunde lang. Im Jahre 1919 hatte die Johanneskirche aus der Gießerei des Bochumer Vereins dann drei neue Glocken erhalten, diesmal aus Gussstahl. Die zurückgebliebene Bronzeglocke wurde an die Gemeinde Lengschede-Dellwig abgegeben, aber die neuen Gussstahlglocken H, D und F übernahmen die Inschriften. Nachdem Pfarrer von Stockum die Schäden in der Kirche besichtigt hatte, wandte er sich dem Pfarrhaus zu. Und hier erlebte er die nächste Überraschung. Der Wasserstrom aus der beschädigten Leitung hatte sich vor dem Trümmerberg an der Kirche gestaut und war in den tiefergelegenen Hof des Pfarrers und weiter in den Garten geflossen. Eine große Fläche stand unter Wasser. Das Pfarrhaus sah von der Hofseite aus wie eine Wasserburg. Aber damit nicht genug. Das Wasser war auch in die Kellerräume eingedrungen. Das Kirchenarchiv war schon bei der Zerstörung des Gemeindehauses vernichtet worden. Das Archivzimmer lag in der ersten Etage des Hauptgebäudes. Der Eichenschrank mit den Schriften und Urkunden reichte bis zur Decke. In der Kirchengegeschichte Eickels von Pfarrer Daniels sind sie zum großen teil mitaufgeführt. Das Kirchenregister hatte Pfarrer von Stockum rechtzeitig nach Laasphe im Wittgensteiner Land auslagern können. Zwölf Blasinstrumente des Posaunenchors hatten den Angriff, bei dem das Gemeindehaus zerstört wurde, ebenfalls überstanden. Sie kamen ins Pfarrhaus und waren 1957 beim Wiederaufbau des Posaunenchors sehr willkommen.

Der größte teil der kostbaren Bibliothek des Pfarrers wurde beim Angriff vom 12. September vernichtet. Aus den Trümmern des Kirchenturms wurden mit Baggerschaufeln noch die zwei Glocken herausgehoben. Pfarrer von Stockum ließ sie an der westlichen Kirchenseite niedersetzen. Dort mahnten sie lange Zeit mit ihrem Inschriften die Passanten: "O, land, Land, Land, höre des Herren Wort!" Im übrigen überließ man die Kirchenruinen ihrem Schicksal. Die dritte Glocke hat man später bei Aufräumarbeiten unversehrt aus den Trümmern bergen können. Sie wurde 1952 mit den anderen Glocken wieder im Kirchturm aufgehängt. Partei und Bauamt waren bemüht, die Trümmer, die den Verkehr über die Hindenburgstraße, die heutige Hauptstraße und Richard-Wagner-Straße blockierten, schnell zu beseitigen. Als Pfarrer von Stockum gelegentlich zur Kirchenruine ging, erlebte er immer wieder neue Überraschungen. Einmal entdeckte er mitten in der Kirche eine Feuerstelle, an der einige Männer gestohlene Orgelpfeifen gleich an Ort und Stelle einschmolzen. Zwei alte Grabplatten aus dem 17. jahrhundert waren beim Einsturz des Kirchenturms unversehrt geblieben. Pfarrer von Stockum hatte sie 1939 im Hof des Pfarrhauses entdeckt, wo sie lange Jahre als Hofbelag dienten. Ursprünglich waren es drei. Die dritte war zertrümmert und bereits von Brauereibesitzer Werner Hülsmann sichergestellt worden, weil er die Teile zusammensetzen lassen wollte. Die Mühe war vergeblich. Die anderen beiden - mit heraldischen Zeichen versehen - ließ der Pfarrer rechts und links des Kirchenportals anbringen. Der Angriff, bei helllichtem Tage, der nur 20 Minuten dauerte, forderte 37 Todesopfer und schweren Sachschaden
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Bergung der Glocken aus den Trümmern der Johanneskirche.

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Die Reste der einstmals stolzen Kirche in der Nachkriegzeit.

Quelle: Auszug aus der WAZ vom 28. Juni 1962, 29. Juni 1962 und 30. Juni 1962
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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