Wanne-Eickel-Historie


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Anekdoten über und um den Bahnhof Wanne

Historische Anekdoten über und um den Bahnhof Wanne


Ungezählt sind die Anekdoten oder auch "Döneks", die um den Bahnhof Wanne sowie über den Auskunftsbeamten Heinrich Schattenberg im Laufe der Zeit erzählt wurden und bis heute weiterkursieren.

Wanne war schon lange Eisenbahnknotenpunkt. So sollte auch der kaiserliche Hofsonderzug auf dem Rückweg nach Berlin durch Wanne fahren und hier kurz Halt machen. Seine Majestät kam von den Herbstmanövern, die 1884 im Rheinland abgehalten worden waren. Die Blitzmeldung brachte große Aufregung unter die Bevölkerung, besonders die Behörden. Der Landrat Schmieding von Bochum, dem Wanne zu der Zeit unterstand ordnete an, daß der Amtmann in Uniform zur Begrüßung zu erscheinen habe.

Der kam in die allergrößte Verlegenheit. Als ehemaliger Dragonerleutnant hatte er zwar noch die Uniform, doch hatte er sich in der Zwischenzeit eine respektable Bauchrundung zugelegt, so dass sie kaum noch paßte. Und dann erst der Säbel! Verrostet die Scheide, verrostet die Klinge, aber befohlen war befohlen.




Heinrich Schattenberg
Fotonachweis:
Sammlung Frank Sichau


Zwei waffenkundige Männer, Manske und Riemenschneider, Gendarmen ihres Standes, wußten Rat. Sie eilten mit der Waffe zu August Wolters, der hinter der Wirtschaft Lux eine kleine Maschinenfabrik betrieb. Es wurde geschliffen und poliert, so dass die schlimmsten Schandflecken verschwanden. Der Amtmann preßte seinen Körper in die Uniform, die aus allen Nähten krachte. Von dem ehemals schneidigen Reiteroffizier war kaum etwas zu erkennen.

Als nun der kaiserliche Hofzug in den Wanner Bahnhof einlief, entstieg ihm zuerst der Kronprinz Fritz, der spätere Kaiser Friedrich. Er ging auf den ihm bekannten Landrat Schmieding zu, schüttelte dem kräftig die Hand. Dann fiel sein Blick auf den uniformierten Amtmann; er musterte ihn von Kopf bis Fuß und wandte sich fragend an den Landrat. Der war wegen seiner treffenden Witze bekannt, so dass alle, auch die Umstehenden, gründlich lachten. Alsdann begaben sie sich den Hofzug, aus dem der greise Kaiser Wilhelm, ins Fenster gelehnt, das Zeremoniell vergnügt beobachtet hatte. Der damalige Bahnhofswirt Zengerling servierte das telegrafisch bestellte Gedeck und der Hofzug rollte bald unter brausendem Jubel der Bevölkerung aus dem Bahnhof Wanne.

Unser Amtmann entschädigte sich mit einer reichlichen Prise Schnupftabak für die ausgestandenen Qualen.

Reichspräsident Paul von Beneckendorff und von Hindenburg (1847-1934), im Jahre 1925. Im Spiegelbild unten rechts, Heinrich Schattenberg.

Von der Jahrhundertwende bis Anfang der 30er Jahre amtierte auf dem Bahnhof Wanne-Eickel als Portier (Auskunftsbeamter) Heinrich Schattenberg (1866-1942), der als junger Eisenbahner beim Rangieren seinen linken Arm verloren hatte. Von ihm ist bekannt, dass er sich als "personifizierte Reichsbahn" fühlte. Wenn er abends, nachdem alle Züge schon abgefertigt waren, von einem Reisenden nach dem nächsten Anschluß nach Minden gefragt wurde, antwortete er in seinem unverwechselbaren Stil und ganz selbstsicher: "Ich laß heute keinen Zug mehr nach Minden fahren!"

In einem Kurhotel in Bayern ergab sich einmal zu Tisch das Gespräch über die Herkunftsorte der einzelnen Gäste. Als der Name "Wanne-Eickel" fiel, kam die Frage eines Berliners: "Wo liegt denn dat?" nach kurzem Überlegen fand er aber gleich selbst die Antwort: "Ist das nicht dort, wo der Schattenberg Auskunftsbeamter ist?" Obwohl Heinrich Schattenberg das Kursbuch auswendig kannte, machte er sich doch des öftern einen Jux mit fremden Fahrgästen, die ihn nach den Anschlußzügen fragten. Merkte er, dass ein kleines Trinkgeld zu verdienen war, dachte er erst einmal angestrengt nach. Dabei kümmerte es ihn wenig, dass vielleicht der gerade abgefahrene Zug der richtige gewesen war. Er bat den Fremden in den Wartesaal, wo er aufwendig und mit viel Gestik das dicke Reichsbahnkursbuch wälzte. Bei solcher Liebenswürdigkeit merkten die meisten der Fahrgäste den Schwindel nicht und spendierten dem "armen, schwitzenden Beamten" ein Helles oder einen "Münsterländer" beim Bahnhofswirt. Dieser kannte die Spökskes mit den Kunden längst. "Schriew op" sagte Schattenberg, "denn aß Beamter kann eck im Dienst nich drinken." So hatte er des Abends eine ganze Reihe von Bierchen und Schnäpsen zusammen. War der Durst einmal etwas größer und die nötige Bettschwere noch nicht erreicht, so kehrte er auf dem Nachhauseweg noch auf einen Nachttrunk in der alten Fachwerkwirtschaft Friedrich Schulte-Berge ein. Dort erzählte er den anwesenden Pohlbürgern, nicht mehr ganz in der Würde seines Amtes, welche hohen Persönlichkeiten heute wieder im D-Zug von Paris über Köln, Wanne-Eickel, Berlin, Posen nach Warschau gewesen waren.

Sein Ansehen und die Bewunderung wuchsen so im Laufe der Jahre beträchtlich und man war immer gespannt auf seine neuesten Erzählungen. Eines Abends passierte Schattenberg im Gespräch beim Wirt ein Malheur. Er berichtete weitschweifig von einem Gespräch mit einem Fürsten, der am Nachmittag in Wanne-Eickel durchgefahren sein sollte. Leider war am darauffolgenden Tag in der Zeitung zu lesen, dass gerade dieser Fürst bereits vor einigen Tagen gestorben war. Daher mied Heinrich Schattenberg für die nächste Zeit erst einmal jenes Wirtshaus. Als zur Jahrtausendfeier des Rheinlandes der Zug des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und Beneckdorf auf der Fahrt zu den Feierlichkeiten für einige Minuten auf dem Bahnhof Wanne-Eickel hielt, war hier natürlich eine große Menschenmenge von Reisenden und Eisenbahnern versammelt.

Hauptbahnhof Wanne-Eickel im Jahre 1928.

Leider ließ das offizielle Begrüßungskomitee etwas auf sich warten. Hindenburg stand am Fenster und dankte mit winkender Hand für die Ovationen. Diese Chance konnte Schattenberg nicht ungenutzt verstreichen lassen. Er griff seine große Bronzeglocke, ließ alle Menschen den Bahnsteig freimachen und bimmelte sich seinen Weg zum Sonderzug des Reichspräsidenten durch. Schattenberg hatte zwar nicht gedient, stand aber so gut es ging stramm und begrüßte Hindenburg mit "Herr Generalfeldmarschall".

Als Hindenburg bei den ersten Worten bemerkte, dass Schattenberg ein Arm fehlte, fragte er ihn: "Hat er den Arm 70/71 verloren?" "Nä, bi de Isenbohn för ferrtig Johre", kam seine zackige Antwort zurück. Danach lud Hindenburg ihn nach Berlin ein und kam anschließend nicht mehr zu Wort, denn Schattenberg redete bis der Zug abfuhr. Alle Zeitungen der Umgebung berichteten am folgenden Tag natürlich von der Durchreise und der kurzen Station des Reichspräsidenten auf dem Bahnhof Wanne-Eickel. Zur besseren Würdigung war auch noch ein Bild dabei und das zeigte den alten Schattenberg im Gespräch mit Hindenburg. Nun konnte er endlich den Freunden in der Wirtschaft Schulte-Berge einen Denkzettel verpassen. Zwei Jahre hatte er inzwischen schon die Restauration gemieden, um den unliebsamen Fragen wegen des "zu früh" gestorbenen Fürsten auszuweichen. Souverän winkte er jetzt bei allen Fragen ab: "Domals häwt mi jo auk nich geglöwt. Eck segge öwerhaupt nix mähr!" Gemütlich trank er sein helles und lachte still in sich hinein.

Vor langen Jahren, als die Ankunft und Einfahrt der Züge noch nicht über Lautsprecher angekündigt wurde, schritt der einarmige Heinrich Schattenberg, in strammer, dienstlicher Haltung die Bronzeglocke schwingend, den Bahnsteig auf und ab. "Achtung, von der Bahnsteigkante zurücktreten, der Zug fährt ein!" So war es vordem auf dem alten Wanner Bahnhof. Dann folgte die Bekanntgabe der nächsten Ankünfte, denn Wanne war schon lange ein Knotenpunkt! Gemessen an dem heutigen Zugverkehr war das Amt des Ausrufers und Auskunftsbeamten nicht so aufreibend und deshalb war er nicht so ausgelastet. Immerhin, Dienst war Dienst. Außer Dienst war er voller Humor und neigte zu oft recht gewagten Wettangeboten und Abschlüssen. Der Einsatz war nicht gerade hoch, er hatte aber eine Schwäche für die kühlen blonden Tulpen; so wurde damals ein schlankes Bierglas gennant. Darum drehte sich zumeist der Wetteinsatz unter Berufskollegen.



Ansicht der Drei Männer Ecke im August 1927.



Wieder einmal war Heinrich Schattenberg in Wettlaune. Es war sehr heiß im Sommer 1927, und soeben war sein Dienst beendet. Er strebte mit einigen Kollegen seiner Häuslichkeit an der Gelsenkircher Straße zu. Man passierte die Wand längs der Herner Straße an der Ecke Gelsenkircher Straße, dem späteren Drei-Männer-Eck. Vorerst waren aber nur die Sockel vorhanden. Heinrich traute sich an diesem schönen Augusttag zu, den Beamten, der demnächst den Eisenbahner symbolisch darstellen sollte, schon jetzt zu vertreten. Die Wette kam zustande. Es ging um einige Tulpen bei Fork, hellblond mit gut gezapften "Feldwebel".

Den Einsatz gewann er, denn er kletterte auf den Sockel, machte den zuschauenden Kollegen seine artige Referenz, verlor aber hierbei die Balance und stürzte ab. Er brach sich den Arm, nahm es aber mit Humor, was blieb ihm auch anders übrig, ebenso seine Kollegen. Später bei Fork waren sie bereit, ihm die verlorenen Tulpen "unter die Nase" zu führen. Als später die Figuren aufgestellt und der Arm ausgeheilt war, soll er es nie unterlassen haben, dem steinernen Kollegen in luftiger Höhe seinen Dienstgruß, zwei Finger am Mützenrand, erwiesen zu haben. Auch dann, wenn er ihn nur durch "Nebelschwaden" gesehen hat.

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Quelle: Lührig, Heinrich: Der Emscherbrücher, 150 Jahre Köln-Mindener Eisenbahn, S. 21 ff.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig


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