Wanne-Eickel-Historie


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Aktueller Heiratsgrund Wohnungsnot

Geschichte

Keine Musik, kein Tänzchen, aber glücklich - Brautstrauß nach Hamstertour nachgeliefert


Der Mai ist der traditionelle Heiratsmonat. Im Mai 1945 war der Standesbeamte jedoch nicht viel gefragt. Der ersten Eheschließung vom April folgte am 3. Mai die zweite (Rudolf Oriwald und Maria Woitkowiak) und am 9. Mai die dritte (Manfred Buchta und Irmgard Verteiler).
Wie konnte man überhaupt Hochzeit feiern?

Irmgard Verteiler, die 20jährige Braut, hatte wie alle Mädchen immer von Kranz und Schleier und von fröhlicher Feier geträumt. Aber nun sah alles ganz anders aus.

Manfred Buchta aus der Oststraße war für sie lange Zeit nicht mehr als ein guter Bekannter, mit dem sie gelegentlich Feldpostbriefe gewechselt hatte. Dann wurde er beim Einsatz im Weichselbogen verletzt. Mit der Verletzung schlug er sich beim Rückzug bis in die Heimat durch. Er kam nach Recklinghausen ins Krankenhaus und nahm von dort aus mit Irmgard wieder Kontakt auf. Sie besuchte ihn, bald entschieden sie sich, zu heiraten.

Doch früher als sie beide daran dachten, wurde der Termin festgesetzt. Der zwingende Grund, die Trauung schon knapp einen Monat nach der Besetzung unserer Stadt zu vollziehen, war die Wohnungsnot.

Irmgards Eltern hatten im eigenen Haus, Kurfürstenstraße 163 (heute Eickeler Bruch), eine Wohnung, die groß genug war, noch eine Familie aufzunehmen. Dann lieber die eigene Tochter mit ihrem Mann, sagten sie sich. Und so wurde auch verfahren. Als das Brautpaar zum anberaumten Termin beim Standesamt erschien, das damals in der Gerichtsstraße untergebracht war, wurden in dem Raum, in dem sich die jungen Leute vor Zeugen ewige Treue geloben sollten, erst einmal etwas Ordnung gemacht.

Es war auch sonst von Feierlichkeiten keine Spur. Der Bräutigam hatte nicht einmal für seine Braut ein paar Blumen auftreiben können. Das Brautpaar war trotzdem glücklich.

"Er" wieder ganz zivil im guten schwarzen Anzug, den seine Eltern über die Bombenangriffe hinweggerettet hatten, "sie" im hübschen Erikafarbenen Kleid mit Dreistufenrock, der gerade modern war. Die Mode hatte selbst der Krieg nicht totkriegen können. Die einzigen Hochzeitsgäste waren Vater und Mutter beiderseits. Zu Mittag gab es wahrhaftig ein Hähnchen und zum Kaffee einen richtigen Kuchen. Dafür waren Vater und Schwiegersohn vorher über Land gezogen.

Es gab allerdings keine Musik, kein Tänzchen, nicht einmal ein Hochzeitsbild. Und das Gespräch drehte sich in erster Linie um die Angehörigen. Ob sie noch lebten, wo sie wohl stecken könnten - Brüder und Schwestern, um deretwillen man mit der kirchlichen Trauung warten wollte, um wenigstens sie später gemeinsam zu feiern. Kurz vor 19.30 Uhr brachten die Eltern Buchta auf. Sie mussten zur Sperrstunde wieder zu Hause an der Oststraße sein. Schon am nächsten Tag kehrte in der jungen Ehe der Alltag ein.

Dem Ehemann ließ die Tatsache, dass er seiner Frau nichts zur Hochzeit hatte schenken können, allerdings keine Ruhe. Als er eines guten Tages wieder zum Hamstern auf die Dörfer ging, sah er in einem Garten weiße Nelken. Kurz entschlossen hielt er die Bauersfrau an und erzählte ihr, dass er jung verheiratet sei und dass er seiner Frau, wenn auch verspätet, doch einmal einen Strauß Blumen bringen möchte. Da gab ihm die Bäuerin die weißen Nelken. Umsonst.

Ein paar Blumen, einige Pfund Kartoffeln, ein Stück Brot - das waren die Maßstäbe, an denen das Glück gemessen wurde.








Hochzeitszug in Wanne-Nord auf der Hauptstraße, Ecke Karlstraße im Jahre 1946.


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Quelle: Unveröffentlichtes Manuskript von Lührig, Heinrich: Schicksalsjahre unserer Stadt.
Nach einer Serie der WAZ zusammengetragen und bearbeitet. Eickel 2005. S. 67 ff.
Fotonachweis: Sammlung Heinrich Lührig



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